"Könnte der Weihnachtsmann nochmal in der 1 vorbeigehen?"

Der Weihnachtsmann ist spät dran. Es ist der 24. Dezember im Kinderkrankenhaus auf der Bult, einem der größten Kinderkrankenhäuser Deutschlands. Auf dem Parkplatz lädt ein Vater drei Ikea-Tüten ein und schnallt seinen Sohn in den Autositz: Weihnachten zu Hause! Aber in der Eingangshalle, unter dem Wandgemälde mit den Tieren im weißen Kittel, sind fast alle Stühle besetzt. Kinder in Weihnachtsschlafanzügen hängen schlapp auf Müttern mit müden Gesichtern, Väter schaukeln Maxi-Cosis mit quakenden Säuglingen, zwei Mädchen spielen Verstecken hinter geparkten Rollstühlen. Und auf den Stationen der Kinderklinik liegen etwa 50 Kinder, die so krank sind, dass sie nicht mal für diesen Tag nach Hause durften. Wie feiert man hier, in der Sterilität von Linoleumboden und Desinfektionsmittelgeruch, trotzdem ein bisschen Weihnachten?  

"Ich gucke mal, ob der Weihnachtsmann geschrieben hat", sagt Frau Paschen. Frau Paschens jüngster Enkel war als Frühchen hier im Kinderkrankenhaus, sechs Wochen lang besuchte sie ihn auf der Neonatologie. Seitdem engagiert sie sich ehrenamtlich als Lotsin und führt Familien zum richtigen Arztzimmer. Frau Paschen ist eben schon einmal alle Stationen abgelaufen, hat aufgeschrieben, wie viele Mädchen und Jungs wo liegen und wie alt sie sind: damit sie wissen, welche Geschenke sie mitbringen müssen für die "Mäuschen", wie sie die Patienten nennt.  

Der Weihnachtsmann, der in Daunenjacke und schwarzer Jeans von den Kindern noch nicht als dieser identifiziert werden kann, kommt nun endlich durch die Schiebetür. Er trägt ein riesiges Paket, aus dem Plüscheisbären quellen. "Das ist nur der erste Teil", sagt er. 

© Anna Karetnikova für DIE ZEIT

Als Christian Göke vor fünf Jahren seine Kuscheltierspende im Krankenhaus abgeben wollte, erzählte ihm eine Krankenpflegerin: Es gebe seit einiger Zeit keinen Weihnachtsmann mehr, wie schade das sei. Vielleicht hatte sie ihn auch schon für weihnachtsmanntauglich befunden, zwar kein Bart, aber die richtige Statur. Jedenfalls: "Da konnte ich nicht anders", sagt Göke. Seitdem sieht er, der Bundespolizist, zu, dass er an Weihnachten freihat. 

Frau Paschen lotst Christian Göke in den Keller: "Sie müssen sich ja erst mal umziehen, das machen wir nicht hier, vor den ganzen Kindern!" Im Wäscheraum warten schon die eingepackten Geschenke, zwei Wäschewagen voller Päckchen, sortiert nach Alter. Der Weihnachtsmann zieht aus einer Ikea-Tasche sein Outfit hervor. "Der perfekte Weihnachtsmann", sagt Frau Paschen andächtig. "Ach", sagt der Weihnachtsmann verlegen. "Ich gucke schon immer nach einem neueren Kostüm." "Der Bart vielleicht", sagt Frau Paschen nachdenklich. "Letztes Jahr hat gleich ein Junge gesagt: 'Dein Bart ist nicht echt!'" Frau Paschen hat den Weihnachtsmann natürlich verteidigt: "Da hast du wohl nicht genau hingeschaut, habe ich ihm gesagt."   

Frau Paschen lädt inzwischen die Geschenke für die Station 2, Kinderchirurgie, auf einen Wagen, der normalerweise die Post transportiert. "Wir brauchen einmal drei Jahre, ein Mädchen", sagt sie. "Dinospielzeug", steht auf einem handbeschrifteten Schildchen. "Ach, das geht auch für Mädchen", sagt Frau Paschen. Die 14-Jährige soll ein Exitspiel bekommen, die Einjährige ein Halstuch. "Ich hoffe, es wird reichen", sagt Frau Paschen mit Blick auf die Geschenke im Wäschewagen. "Notfalls haben wir ja die Kuscheltiere", sagt der Weihnachtsmann. 

"Santa ist da! Gibt's auch was für die Ärzte?", ruft eine Ärztin im Fahrstuhl, in der Notaufnahme winken die Pflegerinnen hinter der Aufnahme fröhlich. Wo immer der Weihnachtsmann im Krankenhaus hinkommt, wird kurz stehen geblieben, innegehalten. Plüscheisbären, Geschenke und Weihnachtsmänner müssen sich zwar über Ehrenamt und Spenden finanzieren. Aber im Kinderkrankenhaus stellt niemand infrage, dass es auch im durchgetakteten Stationsablauf diese Dinge braucht, deren Wirkung medizinisch schwierig messbar ist. "Man wird schon viel angeguckt", sagt der Weihnachtsmann verlegen. "Ich bin froh, dass ich so gut verkleidet bin."   

© Anna Karetnikova für DIE ZEIT

Station 6, erstes Zimmer. Die Mutter sitzt auf dem Bett und gibt ihrem Baby das Fläschchen. "Ho, ho, ho", ruft der Weihnachtsmann. Das Kind trinkt unbeirrt weiter, die Mutter lächelt, nimmt das Geschenk entgegen. "Tja, dann frohe Weihnachten und gute Besserung", sagt er. 

Im nächsten Zimmer erspäht Frau Paschen ein Geschwisterkind, läuft schnell noch ein Geschenk holen. "Oh! Da ist er ja!", ruft das dreijährige Mädchen, das auf dem Krankenbett thront, ihre Schwester neben sich, und klatscht in die Hände: "Der Weihnachtsmann!" Der Weihnachtsmann sagt: "Ja, zu Hause habe ich dich nicht gefunden!" Logisch, denn: "Ich bin hier!", verkündet das Mädchen und nimmt ihr Geschenk entgegen. "Ich hab hier so was", an ihrer Hand hängt eine Infusion, "Mama, pack's aus!"  

In manchen Zimmern schaut Frau Paschen noch mal nach, ob wirklich alle Betten leer sind: Nicht, dass ein Kind leer ausgeht. Auf dem Flur sortieren sie den Postwagen für die nächste Station neu vor, ein paar Putzkräfte ziehen vorbei. Sonst sind die Gänge und viele Krankenzimmer leer: Das Krankenhaus wirkt ein wenig stiller als sonst. 

© Anna Karetnikova für DIE ZEIT

Nächste Station, Zimmer 1. Auf einem Elternbeibett liegt ein Säugling, der mit einer Pflegerin spielt. "Jetzt ist die Mama gar nicht da!", sagt sie. Großäugig schaut das Kind den Weihnachtsmann an, der ihm ein Päckchen hinlegt. 

Im Nachbarzimmer ist es die Mutter, die gleich ruft: "Oh, der Weihnachtsmann!" Ihre Tochter versteckt sich unter der pinkfarbenen Barbie-Decke. "Wie alt bist du?", fragt der Weihnachtsmann. "Fünf", sagt das Kind zögerlich unter der Decke hervorschauend, der Weihnachtsmann schaut auf das kleine Zettelchen auf dem Geschenk in seiner Hand, Alter stimmt, legt das Paket neben das Barbie-Heft auf den Betttisch. "Kannst du auch gleich aufmachen." Eine kleine Hand schnellt hervor und reißt das Papier auf.  

In Zimmer 5 liegt ein Junge, acht Jahre, mit nacktem Oberkörper, eine Hand im baumelnden Griff über dem Bett, und winkt dem Weihnachtsmann so lässig, als hätte er von Clowns über Engel bis zu Weihnachtsmännern schon alles gesehen.   

© Anna Karetnikova für DIE ZEIT

Das Mädchen mit den Zöpfen in der 9, sieben Jahre alt, reißt nur die Augen auf und verstummt, im Zimmer 8 ist schwer zu sagen, wer mehr grinst, der Vater oder seine Tochter, die er im Arm hält. "Könnte der Weihnachtsmann noch mal in der 1 vorbeigehen?", ruft die Pflegerin im Flur. "Ich glaube, die Mama würde sich sehr freuen."   

Die Mama will ein Foto vom Weihnachtsmann und dem kleinen Jungen, nur der will nicht. Erst schaut er partout nicht in die Kamera, dann fängt er auf dem Arm des Weihnachtsmannes an zu weinen. Der Weihnachtsmann im Hinausgehen, vertraulicher Ton: "50 Prozent der Kinder schreien auf dem Arm."   

Auf der nächsten Station holt die Ärztin gerade eine Jugendliche mit Maske aus dem Zimmer mit dem rot laminierten Zettel an der Tür. "Da können Sie nicht rein, das ist ein Isolationszimmer", sagt die Ärztin gestresst, der Weihnachtsmann steht etwas verloren da. Eine Pflegerin mit Reh-Haarreif kommt über den Flur gelaufen. "Wir haben hier fast alle Kinder im Isolationszimmer", sagt sie: "Ich mache das vermummte Rentier!" 

Im Aufenthaltsraum plärren Weihnachtshits aus dem Radio, elektronische Kerzen bilden einen Adventskranz, ein Adventskalender baumelt an der Wand, nur Deko, nicht befüllt – aber der Weihnachtsbaum ist echt. Ein schmales Mädchen im Teeniealter isst langsam an einem Tisch, etwas weiter sitzt eine andere mit zwei Müttern und einem etwas älteren Jugendlichen zusammen. "Bist du Geschwisterkind?", fragt Marion Paschen ihn. "Nein, Freund", nuschelt er. Der Weihnachtsmann bringt noch ein Geschenk. "Das lohnt sich ja richtig, jemanden zu besuchen", sagt seine Mutter. Beide packen verlegen Legokoffer aus: Frau Paschen hat das Notfallgeschenk gezogen, für alle Alter geeignet.   

© Anna Karetnikova für DIE ZEIT

Eine Jugendliche in Jogginghose und Tanktop kommt am Weihnachtsmann vorbei. "Du bist auch Patientin? Wie alt bist du?", fragt er. Sie kichert, lässt ihn stehen und läuft zu ihrem Bett: "Was ist das denn, ein Weihnachtsmann?" Der Weihnachtsmann reicht ihr ins halbdunkle Zimmer ein Päckchen und sagt: "Hier kriegt jeder ein Geschenk."

Auf dem Flur vor der Intensivstation läuft der Weihnachtsmann dann in ein jüngeres Pärchen, beide haben eine Capri-Sonne aus dem Getränkeautomaten in der Hand. "Oh, Santa Claus!", ruft der Vater. "Dein inneres Kind freut sich, was?", sagt die Mutter. "Und das kleine Mäuschen liegt hier?", fragt Marion Paschen. "Ja, sieben Monate alt. Seit drei Tagen, sie hatte Atemnot", sagt der Vater. Und setzt nach, schnell: "Sie ist hier aber ja gut aufgehoben." Als der Weihnachtsmann sich den Eltern nähert, fängt das kleine Mäuschen im Babybett an zu schreien. "Du armer Schatz, du weißt gar nicht, wer das ist", sagt seine Mutter mitfühlend.  

Im Kinderkrankenhaus scheint der Weihnachtsmann an diesem Tag mindestens genauso wichtig für die Eltern und Pfleger zu sein wie für die Kinder. Vielleicht gibt er ihnen das Gefühl, dass sie den Kindern trotzdem etwas Besonderes bieten können, einen normalen Heiligabend. Die Kraft, es entgegen allen störenden Kabeln, eklig schmeckenden Medikamenten und schmerzenden Pieksern zu versuchen. Und die Hoffnung, dass all das vorbeigehen wird, wenn der Weihnachtsmann sagt: "Nächstes Jahr komme ich dann wieder zu dir nach Hause!"   

Im Keller angekommen, zieht sich der Weihnachtsmann den roten Mantel mit erleichtertem Stöhnen über den Kopf. Kleine rote Stofffetzen bleiben an seinem schwarzen T-Shirt hängen. "Sagen Sie nächstes Jahr Bescheid, wenn die musikalische Begleitung wieder ausfällt", sagt der Weihnachtsmann, der nun wieder Christian Göke ist, zum Abschied zu Frau Paschen. "Da kriege ich jemanden organisiert, wenn ich's ein paar Tage vorher weiß!"    

In der Eingangshalle des Kinderkrankenhauses verabschieden die Patientin mit dem Legokoffer und ihre Mutter den mitbeschenkten Freund. Der Wartebereich ist noch immer voll. "Es reißt nicht ab!", sagt die Dame am Empfang. 

"Tja, das war Weihnachten", sagt Frau Paschen bedauernd. Das Krankenhaus hat seine eigene Zeitrechnung: Es ist 14 Uhr, draußen läuten jetzt zum ersten Mal die Glocken der Kirche, nur wenige Gehminuten entfernt. Hirten, Engel, Wirte, Maria und Josef im Grundschulalter üben das letzte Mal ihren Satz im Krippenspiel, Eltern stellen Geschenke unter den Weihnachtsbaum, schieben Weihnachtsessen in den Ofen. Christian Göke geht jetzt mit seinen zwei erwachsenen Kindern zum Gottesdienst, Frau Paschen fährt nach Hause, Kartoffelsalat mit Würstchen mit ihrem Mann essen. Aber vorher bringt sie noch ein paar Plüscheisbären auf die Stationen, auf Vorrat.