Sollen harte Drogen legalisiert werden?

DIE ZEIT: Herr Streeck, nach der Legalisierung von Cannabis wird von manchen auch eine Entkriminalisierung harter Drogen gefordert. Was halten Sie als Bundesdrogenbeauftragter davon?

Hendrik Streeck: Aus meiner Sicht muss die Politik gegenhalten in einer Welt, in der theoretisch alles verfügbar ist und Jugendliche mit Botschaften aufwachsen, die Drogen verherrlichen und normalisieren. Je nach Substanz haben wir unterschiedliche Vorgehensweisen. Aber aus ärztlicher Sicht ist mir eines wichtig: Drogen schaden dem Körper – egal, um welche Substanz es geht. Mein Ziel ist, dass Menschen wissen, was Drogen mit ihnen machen und weniger davon konsumieren. Die eigene Gesundheit ist das Wertvollste, was ein Mensch hat.

ZEIT: Frau Stallwitz, Sie engagieren sich im Schildower Kreis, einem Fachnetzwerk aus Juristen, Sozialwissenschaftlern, Psychologen und Sozialarbeitern, die eine liberalere Drogenpolitik vertreten. Wie sieht die aus?

Anke Stallwitz: In der deutschen Drogenpolitik funktioniert bereits vieles gut, besonders im internationalen Vergleich. Aber wir sollten weg von der Vorstellung, dass wir Menschen vom Konsum abhalten können. Wir fokussieren uns zu sehr darauf, wie viele Menschen welche Substanzen konsumieren. Wichtiger ist, wie sie konsumieren, welche Risiken und gesundheitlichen oder wirtschaftlichen Schäden daraus entstehen. Beratung und Therapie müssen viel einfacher zugänglich sein. Prävention muss ausgebaut, gemeinsam mit Jugendlichen entwickelt werden und sich an ihrer Lebensrealität orientieren. Ideal wäre es, wenn Jugendliche keine psychoaktiven Substanzen konsumieren. Tun sie es dennoch, müssen sie lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen.

ZEIT: Sie plädieren für eine kontrollierte Abgabe dieser Drogen. Hieße das konkret: Eine Person geht in die Apotheke und holt sich eine Partydroge fürs Wochenende?

Stallwitz: Ja, unter strikten Auflagen. Das Wort Legalisierung ist stark emotional aufgeladen. Ich benutze lieber Regulierung, eine regulierte Form der Abgabe. Ziel ist dabei nicht ein "Recht auf Rausch", sondern Schadensminimierung. Je stärker eine Substanz kriminalisiert ist, desto mehr fehlen informelle Kontrollregeln wie etwa bei Alkohol und Tabak. Beide sind hochgefährlich und verursachen enorme Schäden, aber es gibt gesellschaftlich akzeptierte Regeln, wie wir verantwortungsvoll und kontrolliert mit Alkohol und Tabak umgehen. Konkret könnte Cannabis in Fachgeschäften abgegeben werden, Partydrogen wie Ecstasy und Kokain könnten testweise über Apotheken erhältlich sein. Mit Beratung, anonymer Registrierung, mit Monitoring und Früherkennung von Risiken. Alles muss durch ein Fachgremium evaluiert und bei Bedarf zurückgenommen werden. Für Heroin gibt es die legale Abgabe bereits, allerdings sind die Hürden dafür zu hoch, und sie erfolgt in nur 14 Ambulanzen. Die Evaluation des Heroinprojekts, an der ich mitgearbeitet habe, zeigt klar, dass wir damit verunreinigtes Straßenheroin ersetzen konnten.

ZEIT: Herr Streeck, wäre eine kontrollierte Freigabe für Sie denkbar?

Streeck: Eine Gesellschaft ist kein Labor. Wir können die Folgen nicht zuverlässig abschätzen. Angesichts einer Vielfalt an sozialen Problemen, mit denen wir konfrontiert sind, besteht die Gefahr von Kontrollverlust, von neuen Formen von Elend und von Entwicklungen, die man später nicht zurückdrehen kann. Als Arzt kann ich ein Experiment mit ungewissem Ausgang nicht verantworten. Unser Ziel muss sein, Menschen so zu stärken, damit sie gar nicht erst anfangen zu konsumieren. Abhängigen müssen wir Wege aus der Sucht eröffnen. Das Betäubungsmittelgesetz bietet dafür wichtige Flankierungen: Therapie statt Strafe, Ansprechbarkeit über die Justiz und Zugang zu Hilfesystemen.

ZEIT: Allerdings steigt die Zahl der Drogentoten, besonders bei unter 30-Jährigen. Was tut die Politik dagegen?

Streeck: Wir hatten zuletzt den zweithöchsten Wert seit Beginn der Nullerjahre, 2.137 Tote. Besonders bei jungen Menschen sehen wir risikoreichen Mischkonsum, häufig mit synthetischen Opioiden wie Fentanyl und Nitazen. Deshalb haben wir Maßnahmen zur Schadensminimierung ergriffen: Naloxon, das Gegenmittel bei Überdosierungen von Heroin oder Fentanyl, ist rezeptfrei verfügbar. Außerdem bauen wir ein Frühwarn- und Monitoringsystem auf, das gefährliche Verunreinigungen auf dem illegalen Markt erfasst und Suchthilfen, Rettungsdienste und Konsumierende warnt.

Eine Gesellschaft ist kein Labor
Hendrik Streeck

Stallwitz: Das reicht nicht aus. Gerade in Partyszenen gibt es viele Gefahren. Prävention und aufsuchende Begleitung müssten viel stärker an der Lebenswelt junger Menschen ansetzen. Doch die meisten Menschen konsumieren nicht abhängig oder problematisch – selbst bei Substanzen wie Heroin. Konsum hat oft hedonistische Gründe, Rausch ist ein anthropologisches Phänomen. Prohibition verhindert Konsum nicht. Verbote schrecken manche ab, andere konsumieren gerade deshalb. Die meisten konsumieren unabhängig von der rechtlichen Lage. In Schweden führte eine restriktive Politik zu einem Rückgang des Drogenkonsums, aber den zeitweise europaweit höchsten Todeszahlen.

Streeck: Das ist mir zu pauschal. Das Argument "es passiert sowieso" ist eine Absage an eine aktive Drogenpolitik. Gerade weil konsumiert wird, brauchen wir klare Grenzen, ein starkes Hilfesystem – keine normativ offene Tür. Eine legale Abgabe harter Drogen, egal in welcher Form, erhöht ihre Präsenz und führt langfristig zu mehr Konsum und Schäden. Bei Cannabis steigt der Konsum bei Jugendlichen derzeit zwar nicht, aber wir verlieren durch die fehlende Strafbarkeit den Zugang zu ihnen. So ist eine Frühintervention kaum mehr möglich. Ich habe neun Jahre in den USA gelebt und die Opioidkrise dort erlebt: 70.000 Tote pro Jahr, massive Verelendung. Die restriktive Verschreibungspraxis und das strikte Betäubungsmittelgesetz in Deutschland haben uns davor bewahrt. Regeln schützen die Gesellschaft.

ZEIT: Viele Menschen, die mit Süchtigen arbeiten, kommen zu ähnlichen Befunden. Frau Stallwitz, warum sollte Ihr Ansatz besser sein?

Stallwitz: Weil das die jahrzehntelange Forschung in Kanada, Schweden, Großbritannien und Deutschland von mir und anderen Wissenschaftlern zeigt – und die Erfahrung aus der niedrigschwelligen Drogenhilfe. Je stärker Szenen in den Untergrund gedrängt werden, desto weniger steuerbar sind sie. Eine regulierte Abgabe von Drogen müsste kleinschrittig, nicht kommerziell und streng begleitet sein, nicht von heute auf morgen. Ich wünsche mir, dass der Staat den Schwarzmarkt mithilfe wissenschaftlich begleiteter Regulierungsansätze reduziert und steuert, anstatt wegzusehen, wie es bei der Prohibition der Fall ist.

Streeck: Ich war kürzlich in Lissabon. Da gibt es das viel gerühmte portugiesische Modell, bei dem der Besitz von LSD, Ecstasy, Heroin oder Kokain zum Eigengebrauch in geringen Mengen bloß eine Ordnungswidrigkeit ist. Ich bin vor meinem Hotel mehrmals von Dealern gefragt worden, ob ich Drogen kaufen will. Das System in Portugal kippt seit Jahren schon. So eine Entkriminalisierung ist kein Selbstläufer – ohne massiven Ausbau von Prävention, Suchthilfe und Therapie.

Stallwitz: Es gibt nun einmal globale Trends wie den Kokainboom, die kann die Drogenpolitik kaum verhindern, ähnlich wie der Herointrend in den Achtzigerjahren. Sozial integrierte Konsumierende fallen kaum auf; sichtbar sind vor allem die problematisch Konsumierenden auf der Straße oder in marginalisierten Milieus. Viele stammen aus Familien, in denen Drogenkonsum quasi vererbt wurde, mit kaum Zugang zu Bildung, Arbeit oder sozialer Unterstützung. Über Drogenprobleme kann man nicht reden, ohne die sozialen Ursachen dieser Verelendung anzugehen.