Hausärzte wollen telefonische Krankschreibung beibehalten
In der Debatte über die Höhe des Krankenstandes in Deutschland haben die Hausärzte die Bundesregierung vor einer Abschaffung der telefonischen Krankschreibung gewarnt. "Alle bisherigen Auswertungen der Krankenkassen bestätigen, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu einem höheren Missbrauch bei Krankschreibungen führt", sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Markus Beier, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. "Wer die telefonische Krankschreibung abschafft, der trägt die Verantwortung dafür, dass sich in Zukunft wieder unzählige Patientinnen und Patienten ohne Not in die Praxen schleppen müssen", sagte der Mediziner.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte am Samstag bei einer Wahlkampfveranstaltung in Baden-Württemberg den aus seiner Sicht zu hohen Krankenstand kritisiert: Im Schnitt kämen die Beschäftigten in Deutschland auf drei Wochen Krankschreibung. Merz führte das auch auf die Möglichkeit zurück, sich telefonisch krankschreiben zu lassen. Diese Möglichkeit war 2021 während der Coronapandemie geschaffen worden, der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) richtete sie dauerhaft ein. Nach Merz' Äußerungen kündigte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) am Montag eine Überprüfung an.
Bewährtes Instrument zum Bürokratieabbau
Verbandschef Beier hingegen sprach von einem bewährten Instrument zum Bürokratieabbau. Dass Patientinnen und Patienten sich per Telefon krankschreiben lassen können, entlaste die Praxen und schütze die Menschen im Wartezimmer vor Ansteckungen.
Beier stellte klar, dass es für die Krankschreibung per Telefon klare Regeln gebe. So müssten die Patienten in der Praxis persönlich bekannt sein. Die Krankschreibung dürfe zudem maximal fünf Tage lang sein. "Sie ist kein regelfreier Raum, wie gerne behauptet wird", sagte Beier.
Der Verbandschef warf den Arbeitgebern vor, ihre Forderung nach Abschaffung der Telefonkrankschreibung habe keine belastbare Grundlage. "Es bleibt nur zu hoffen, dass die Politik sich an die Fakten hält, statt auf das Arbeitgebermärchen hereinzufallen", sagte Beier.
Grüne und SPD verteidigen telefonische Krankschreibung
Auch der Grünenpolitiker Janosch Dahmen verteidigte die telefonische Krankschreibung und warnte vor den Folgen einer Abschaffung. Die telefonische Krankschreibung "entlastet Praxen, reduziert unnötige Arztkontakte und verhindert in der Infektsaison volle Wartezimmer", sagte Dahmen, selbst Arzt und Sprecher der Grünen für Gesundheitspolitik, der Rheinischen Post. Wer die telefonische Krankschreibung abschaffe, "produziert mehr Bürokratie und mehr Belastung, für Ärztinnen und Ärzte genauso wie für Patientinnen und Patienten".
Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Christos Pantazis, verteidigte die telefonische Krankschreibung ebenfalls gegen Kritik aus der Union. "Die telefonische Krankschreibung ist kein 'Freifahrtschein', sondern eine eng begrenzte, ärztlich verantwortete Regelung für leichte Erkrankungen", sagte Pantazis den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Wer krank ist, soll sich auskurieren können und wer das System stabil halten will, muss Krankheiten verhindern, nicht Kranke unter Generalverdacht stellen", forderte er.