Paracetamol ist und bleibt sicher – auch in der Schwangerschaft
Hat eine schwangere Frau Schmerzen oder Fieber, werden Ärztinnen ihr sehr wahrscheinlich Paracetamol empfehlen. Denn: In der Schwangerschaft ist Paracetamol das Mittel der Wahl. Das gilt in Deutschland genauso wie im Rest der Welt. Ärztinnen und Ärzte tun das, weil Paracetamol erwiesenermaßen sicher ist. Es führt nicht etwa zu Nierenschäden oder Herzüberbelastung des Kindes, wie es beispielsweise bei dem sonst beliebten Medikament Ibuprofen passieren kann.
Und: Paracetamol erhöht nicht die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind mit Autismus oder ADHS geboren wird – genau das haben Forscher nun erneut in einer großen Metastudie gezeigt, die am Samstag im Fachmagazin The Lancet Obstetrics, Gynaecology & Women's Health erschienen ist.
Fachleute halten die Untersuchung für sehr gut gemacht und überzeugend: "Die Übersichtsarbeit scheint sehr solide durchgeführt und das Ergebnis verlässlich zu sein", sagt etwa Jana Meixner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department für Evidenzbasierte Medizin der Donau-Universität Krems. "Das Ergebnis zeigt absolut keinen Zusammenhang zwischen Paracetamol und Autismus, ADHS oder anderen intellektuellen Entwicklungsstörungen."
Dass es diese Botschaft braucht, liegt auch an der Verunsicherung, die US-Präsident Donald Trump und sein Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. im vergangenen Herbst gestiftet haben. In einer denkwürdigen Pressekonferenz behauptete Trump, Paracetamol in der Schwangerschaft einzunehmen, könne bei Kindern Autismus verursachen. Seine Forderung, die Sicherheitskennzeichnungen des Medikaments zu ändern, verunsicherte viele Menschen in den USA und darüber hinaus.
Doch schon damals war klar: Trump und Kennedy stützen sich mit ihrer Behauptung nicht auf wissenschaftliche Belege.
Was stimmt: In der Vergangenheit haben Fachleute immer mal wieder einen statistischen Zusammenhang gesehen: Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen haben, hatten in manchen Studien geringfügig häufiger Autismus oder ADHS. Trotzdem gehen viele Fachleute nicht davon aus, dass es eine Ursache-Wirkung-Beziehung gibt.
Denn bei Beobachtungsstudien können viele Faktoren das Ergebnis verzerren. Denkbar ist etwa, dass fieberhafte Infekte während der Schwangerschaft – deretwegen eine Frau überhaupt erst Paracetamol einnimmt – der eigentliche Grund dafür sind, dass in der Folge etwas häufiger Autismus oder ADHS auftreten. Tatsächlich legen Studien nahe, dass Infektionen der Schwangeren die neurologische Entwicklung des Kindes beeinflussen könnten.
Der entscheidende Vergleich: Was, wenn man Geschwister betrachtet?
Schon 2024 erschien eine schwedische Studie, in der Forscher Daten von knapp 2,5 Millionen Kindern zusammengetragen hatten. Auch in dieser Studie trat eine leichte statistische Häufung auf. Das nahm das schwedische Forschungsteam zum Anlass, genauer hinzuschauen: Sie verglichen Geschwisterpaare, bei denen die Mutter nur bei einer Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatte und in der anderen nicht. Solche Geschwistervergleichsstudien können Störfaktoren verringern, indem sie familiäre Faktoren wie Genetik, sozioökonomischen Status und häusliches Umfeld berücksichtigen. Als die Forscherinnen diese genauere Analysemethode anwendeten, verschwand der Zusammenhang: Ob die Mutter in der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatte oder nicht, spielte für das Autismusrisiko der Kinder keine Rolle.
Dieses Ergebnis hat die aktuelle Metaanalyse über 43 Studien nun untermauert. Denn auch die neue Studie stützt sich primär auf Geschwistervergleiche – was "aus methodischer Sicht besonders positiv hervorzuheben" sei, sagt Jörg Meerpohl, Direktor von Cochrane Deutschland und dem Institut für Evidenz in der Medizin am Uniklinikum Freiburg. Und einmal mehr zeigte sich, dass der zuvor beobachtete Zusammenhang zwischen Autismus- und ADHS-Risiko und Paracetamol eher durch andere Faktoren zu erklären ist als durch das Medikament.
"Insgesamt bekräftigt diese sehr sorgfältig durchgeführte systematische Übersichtsarbeit, dass es aktuell keine überzeugenden Hinweise für einen Zusammenhang zwischen Paracetamoleinnahme in der Schwangerschaft und Autismus-Spektrum-Störungen gibt", sagt Meerpohl. Und dieser Befund wiederum bekräftige die gängigen, aktuellen Leitlinienempfehlungen zum Einsatz von Paracetamol in der Schwangerschaft.
Paracetamol in der Schwangerschaft
Wie für jedes andere Medikament während der Schwangerschaft gilt dabei auch für Paracetamol: Man sollte es so kurz und so wenig wie möglich einnehmen. Dann aber kann das Medikament sogar Leben retten: Denn wie Expertin Jana Meixner zu bedenken gibt, kann hohes Fieber während der Schwangerschaft das Risiko für Fehlgeburten und Entwicklungsstörungen erhöhen. Ein wirksames Mittel gegen Schmerzen und Fieber in der Schwangerschaft zur Verfügung zu haben, sei daher wichtig. "Paracetamol ist eines der wenigen Medikamente, die Schwangere einnehmen dürfen", sagt Meixner. "Ungerechtfertigt Angst vor dem Medikament zu schüren, ist unverantwortlich und geht auf Kosten der Gesundheit von Schwangeren und ihren Kindern."
Allzu oft bleibt nämlich leider doch irgendein Verdacht zurück. Und in der Tat scheint in der Bevölkerung das Wissen darüber, dass Paracetamol zu den sichersten Medikamenten zählt, nicht allzu weit verbreitet zu sein. Als die ZEIT nach Trumps Auslassungen zusammen mit dem Sozialforschungsinstitut Infas im November mehr als 1.100 Menschen befragte, sagten nur 24 Prozent, dass sie Paracetamol für ein sicheres Schmerz- und Fiebermedikament hielten. Fast ebenso viele Befragte (22 Prozent) hielten Paracetamol für nicht sicher. 43 Prozent waren unsicher, knapp zehn Prozent wollten nicht antworten.
Man kann es deswegen nicht oft genug wiederholen: Paracetamol ist die sicherste Option zur Behandlung von Fieber und Schmerzen in der Schwangerschaft, und es gibt keine wissenschaftlichen Anhaltspunkte dafür, dass es die Wahrscheinlichkeit für Autismus oder ADHS erhöht.
Konkrete Empfehlungen für Paracetamol und andere Medikamente während der Schwangerschaft können werdende Eltern auf der Website Embryotox der Berliner Charité einsehen.