Harten Drogenkonsum stigmatisieren? Unbedingt!

Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 05/2026. 

Unterscheiden wir eigentlich noch zwischen harten und nicht so harten Drogen? Ich frage deshalb, weil früher in meinem Umfeld alles jenseits von Alkohol und Cannabis als hart galt. Heute ist es irgendwie normal, dass die Leute auf einer Party MDMA (früher hieß das Ecstasy und klang nach Neunziger-Netzhemd-ufz-ufz-ufz-Party) werfen, Keta schnupfen, am Samstagabend das Kokstaxi rufen oder sich Pilze und LSD für ihre Sommergartenparty besorgen.  

Wir könnten jetzt lange über die Milieus sprechen, in denen ich verkehre. Vielleicht kenne ich einfach zu viele Psychiater, die glauben, ihnen könne nichts passieren, weil sie ihre Hirnchemie so gut verstehen. Vielleicht habe ich mein Erwachsenenleben auch zu lange in den Clubstädten Leipzig und Berlin verbracht, ich kenne auch ein paar Hauptstadtjournalisten und sowieso Berlin, da ist ja alles Extreme normal.  

Aber ich glaube nicht, dass das als Erklärung ausreicht. Daten dazu sind für Deutschland rar, aber mir scheint, dass es in vergangenen Jahren eine Verschiebung gab, eine Ausweitung dessen, was noch nicht als harte Droge gilt, eine Normalisierung von Drogenkonsum. Und ich glaube auch, dass diese Normalisierung durch die Liberalisierung der Drogenpolitik nur noch verstärkt wird, die wir gerade bei Cannabis erleben und die vielen noch nicht weit genug geht. 

Es mag sein, dass viele Menschen ihren Konsum illegaler Substanzen gut im Griff haben und natürlich macht es einen großen Unterschied, ob jemand mit Psychedelika hantiert oder sich Heroin spritzt. 

In der Kolumne "Die Diagnose" beschäftigen sich Jakob Simmank, Anaïs Kaluza und Ingo Arzt (von links) jedes Wochenende mit aktuellen Gesundheitsfragen. © Marcus Glahn für DIE ZEIT

Und trotzdem macht mir die gesellschaftliche Liberalisierung Bauchschmerzen, als Mitbürger, als Mediziner und als Journalist, der gerade für eine andere Recherche eine Woche in der Psychiatrie verbracht und gesehen hat, wie Drogen das Leben der Menschen kaputt machen. Ich rede von Menschen, die alles nehmen, was sie kriegen können (oftmals haben sie mit Cannabis angefangen, sorry, ist so), und dann immer wieder ausgemergelt in der Psychiatrie aufschlagen, glauben verfolgt zu werden, Stimmen hören, aggressiv werden.  

Nur sind das eben nicht die Leute, die öffentlich über ihren Drogenkonsum – und die Liberalisierung der Drogenpolitik – sprechen. Laut und deutlich zu hören sind stattdessen Menschen, die gern mal einen kiffen oder gelegentlich etwas Speed schnupfen, ansonsten aber einen guten Umgang mit abhängig machenden Substanzen gefunden haben. Sie bekommen ihr Leben auf die Reihe, hatten vielleicht Glück in der genetischen Sucht-Lotterie, haben ein sicheres Einkommen, ein soziales Netz, das sie auffängt, Ziele im Leben.

Liberalisierung sendet das Signal, dass eine Substanz nicht so schlimm ist

Ein, zugegebenermaßen, extremes Beispiel ist der US-Psychologe Carl Hart, der in seinem Buch Drug Use for Grown-Ups darüber schreibt, wie er selbst Heroin, Crystal und andere Substanzen benutzt. Aber auch der Journalist Michael Pollan schreibt in Verändere dein Bewusstsein bisweilen euphorisch über Psychedelika, das läuft inzwischen auch als Serie auf Netflix. Auch Podcasts und Raptexte gibt es zuhauf. Das Problem: Diese Menschen schließen etwas zu freizügig von sich selbst auf andere.  

Eigentlich stelle sich bei Drogen nicht die Frage, warum Menschen sie nehmen, sondern warum so viele Menschen sie nicht nehmen (oder zumindest nicht süchtig werden), sagte der Suchtforscher Keith Humphreys vor einiger Zeit im New-York-Times-Podcast mit Ezra Klein. Drogen zu nehmen, fühle sich einfach sehr gut an, sagt Humphreys. Der Grund, aus dem viele Menschen trotzdem nichts nehmen: Sie haben noch andere Belohnungen im Leben, von denen sie sich Freude und Erfüllung erwarten.  

Genau das aber vergessen viele Leute, auch die aus meiner Bubble, die eine weitere Liberalisierung für eine gute Idee halten und eine Entkriminalisierung aller Drogen gut finden. 

Eine blinde Liberalisierung von Drogen können wir wirklich nicht wollen und wir sollten auch nicht auf diejenigen hören, die das fordern, nachdem sie in ihrem 4.000-Euro-Eames-Chair einen Joint geraucht haben oder gerade von einem verdrogten Fusion-Wochenende in ihr glückliches Familien- und Mittleres-Management-Leben zurückgekehrt sind. Dafür sind Drogen viel zu zerstörerisch, Abhängigkeit weltweit ein zu großes Problem, die Zahl der Menschen, die wenig haben in ihrem Leben, auf das sie sich langfristig freuen und deshalb für Süchte anfällig sind, vielleicht einfach zu groß.  

Liberalisierung, das ist ja eigentlich ein No-Brainer, sendet eben immer das Signal, dass eine Substanz gar nicht so schlimm ist. Und mit diesem Signal sollte man vorsichtig umgehen.  

Natürlich gibt es sehr gute Gründe für eine Entkriminalisierung und eine gewisse Liberalisierung. Menschen, die MDMA einwerfen, Crack rauchen oder sich Heroin spritzen, sind keine Verbrecher, gehören dafür nicht ins Gefängnis, sondern brauchen oft vor allem eines: Hilfe, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen, und einen Therapieplatz. Dass es in ganz Bayern keinen Ort gibt, wo Menschen, die süchtig sind, saubere Nadeln bekommen, ist absurd. Jeder Mediziner weiß, wie wichtig Schadensminimierung ist, damit Menschen, die süchtig sind, nicht auch noch HIV oder Hepatitis C bekommen. 

Die Kriminalisierung und Stigmatisierung von Menschen, die konsumieren, drängt sie ins Dunkel und hält sie von Therapien ab. Die Vorstellung, dass Sucht ein Charaktermangel ist und kein psychisches Problem, ist noch immer  verbreitet – obwohl sie Quatsch ist.

Die Idee der Entstigmatisierung kommt an ihr Ende

Und doch kann man es auch übertreiben. Das zeigt ein Beispiel aus den USA: Dort breitet sich seit Jahren das hochpotente Opiat Fentanyl aus. Jedes Jahr sterben Zehntausende daran. Als Reaktion schalteten die Gesundheitsbehörden verschiedener Städte eine Aufklärungskampagne, die man eigentlich nur verzweifelt nennen kann.  

In New York hieß es in der U-Bahn: "Schäme dich nicht, dass du konsumierst, sei stolz darauf, dass du es sicher tust" und weiter: "Fang mit einer niedrigen Dosis an und mach langsam." In San Francisco erschienen Plakate, auf denen schlanke, fit aussehende Leute lachen wie in einer Bierwerbung, daneben der Spruch: "Mach es mit Freunden." Das Ziel: Überdosis-Tote verhindern.

Man kann jetzt insgeheim hoffen, dass es hierzulande weder mit Fentanyl noch mit Gesundheitskampagnen so weit kommt. Die Menschen, die in den USA von Fentanyl abhängig sind, fanden sich in dieser Kampagne ganz sicher nicht wieder. Stattdessen konnte man den Eindruck gewinnen, es sei ganz normal, an einem schönen Samstagnachmittag nach dem Football mit Freunden etwas Fentanyl zu spritzen – und man sähe dabei auch so aus wie die Menschen auf dem Plakat: hübsch, fröhlich, gut angezogen, erholt. Es wäre klug zu fragen, ob die Idee der Entstigmatisierung gerade an ihr Ende kommt. Und zwar deshalb, weil wer entstigmatisiert, immer auch ein wenig normalisiert.  

Süchtigen zu helfen, schreiben die Suchtexperten Keith Humphreys und Jonathan Caulkins im Atlantic, "ist vollkommen vereinbar mit einer starken Stigmatisierung des Drogenkonsums". Eine Kultur, die gefährliches Verhalten offen ablehne, schütze die öffentliche Gesundheit. Das beste Beispiel: die Stigmatisierung von Rauchen und Alkohol am Steuer. 

Vielleicht müssen wir einfach etwas genauer unterscheiden: Wir können den Akt des Drogenkonsums weiter stigmatisieren, nicht aber die Menschen. Wir können sagen: Diejenigen, die süchtig sind, sind nicht selbst schuld. Und gleichzeitig: Für viele Menschen ist es wirklich keine gute Idee, Drogen zu konsumieren, es ist vielleicht sogar unmoralisch.

Alle Folgen der Kolumne "Die Diagnose" finden Sie hier.