Pollenzeit und die ewige Frage: Warum ist mein Immunsystem so doof?
Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 12/2026.
Heuschnupfen ist das Übel, das mir vor Augen führt: Ich bin wohl nichts weiter als eine Ansammlung biochemischer Prozesse. Ich wohne zwar in diesem Körper, habe aber nichts zu melden.
Stehe ich beispielsweise vor einer wunderschönen Birke, deren Anblick mich selig stimmt, denkt mein Immunsystem, dass es sich bei Birkenpollen um außerirdische Killerkeime handelt und feuert aus allen Rohren.
Ich habe keine Chance, ihm den Fehler zu erklären. Mein Immunsystem verwechselt den Baum mit einem Virus. Und egal, was ich ihm sage: Es ist beratungsresistent. Jeden Frühling das Gleiche.
Wenn einer weiß, warum mein Immunsystem so doof ist und warum es seit Jahren gefühlt nichts Neues gegen Heuschnupfen gibt, dann ist es Torsten Zuberbier. Der Allergologe leitet das Institut für Allergieforschung an der Charité in Berlin. Seit 1991 erforscht er Mastzellen – die zentralen Zellen bei Allergien, wie er sagt.
Am Telefon hört sich Zuberbier an, als sei seine Begeisterung für Mastzellen nach 35 Jahren Forscherleben ungebrochen: "Diese Zellen waren im Laufe der Evolution unsere Überlebensgarantie", sagt er.
Gene sind ein treibender Faktor für den Hang zu Typ-I-Allergien wie Heuschnupfen oder Hausstauballergie, markant wegen ihrer Sofortreaktionen: hatschi, trän, schwell, juck, schnief. Menschen mit einer solchen Neigung hätten ein besonders aktives Immunsystem, sagt Zuberbier. Zu Urzeiten war das ein Überlebensvorteil.
(Notiz: Ich wäre ein guter Neandertaler gewesen.)
Zuberbier erklärt mir, was Mastzellen machen. Sie sitzen direkt unter den Epithelzellen, die unter anderem die Oberfläche unserer Schleimhäute bilden. In der Nase sind Epithelzellen die erste Barriere gegen Krankheitserreger. Wenn diese Barriere bricht, muss Gefahr im Verzug sein. "Mastzellen sorgen dann für eine explosionsartige Reaktion des Immunsystems, wie ein besonders aktiver Polizeiapparat, der alles bekämpft, was auch nur gefährlich zu sein scheint", sagt Zuberbier.
(Notiz: Heuschnupfen ist ein immunologischer Polizeistaat.)
Bei Heuschnupfen werden die Mastzellen auf Pollen regelrecht scharf gestellt, wie ein Spürhund auf Sprengstoff oder Drogen. Am Anfang dieses Prozesses steht ein weiterer Typ von Immunzellen, die sogenannten dendritischen Zellen. Die sehen aus wie keimende Kartoffeln und sitzen, wie die Mastzellen, direkt unter den Epithelzellen. Ihre Triebe, die Dendriten, lugen sogar aus der Schleimhaut heraus, damit können sie Pollenteile aus der Nase aufnehmen, in verschiedene Eiweiße zerstückeln und analysieren.
Und dabei kommt es zu Missverständnissen. Denn die Birkenpollen, die wir heute einatmen, würden sich von jenen deutlich unterscheiden, auf die sich unser Immunsystem evolutionär angepasst hat, sagt Zuberbier. Heute sind Pollen mit Feinstaub überzogen und schädigen beim Einatmen die Epithelzellen der Nasenschleimhaut. Die signalisieren den dendritischen Zellen dann, dass die Polleneiweiße gefährlich sind. Das ist ein Weg, wie Allergien entstehen können.
(Notiz: Faszinierend. Tue ich meinem Immunsystem etwa unrecht, wenn ich es beschimpfe?)
Unsere Vorfahrin, die Australopithecus-Dame Lucy (berühmtes Fossil, benannt nach einem Beatles-Song), musste sich vor 3,2 Millionen Jahren mit so etwas nicht herumplagen. Luftverschmutzung verwirrt unser Immunsystem und macht Allergien wahrscheinlicher (die können auch ohne Feinstaub entstehen) – dazu gibt es Berge an wissenschaftlicher Literatur. Hier etwa zu Heuschnupfen bei Kindern.
Der Körper produziert dann exakt auf die Polleneiweiße angepasste Antikörper. Die wiederum stellen die Mastzellen auf Pollen scharf. So lernen wir Allergie. Beim nächsten Pollenkontakt stoßen die Mastzellen explosionsartig bereits vorproduziertes Histamin aus. Das ist die Sofortreaktion: Die Bronchien werden eng, Schleim bildet sich, um nicht noch mehr des vermeintlichen Gefahrenstoffs einzuatmen. Die Haut juckt, damit man potenzielle Parasiten wegkratzt.
Lauter Lucy-Reaktionen also, die Sinn ergäben, wären wir noch nackte Halbaffen. Statt, wie heute, bekleidete Nacktaffen.
Weitere Botenstoffe der Mastzellen aktivieren dann das Immunsystem längerfristiger. Die Folge sind Entzündungen, noch mehr Schleim, Atemnot. In diese Regelkreise können Medikamente eingreifen: Antihistaminika zum Beispiel. Besonders effektiv sind sie mit lokal wirkenden Kortison-Nasensprays, sagt Zuberbier. Langfristig wirkt die Desensibilisierung, was viele Heuschnupfen-Geplagte wahrscheinlich schon mehrfach von ihrem Hausarzt erklärt bekommen haben. "Die Therapie ist nicht mehr die gleiche wie vor zehn Jahren. Desensibilisierung ist viel besser und exakter geworden", sagt Zuberbier.
Das Prinzip: Den dendritischen Zellen wird das Eiweiß, gegen das wir allergisch sind, als Tablette unter der Zunge oder als Spritze unter der Haut präsentiert. Das ergibt eine für Immunzellen sehr entspannte Atmosphäre, ohne zusätzliche Alarmsignale durch gestresste Epithelzellen etwa. Die dendritischen Zellen lernen: Birkenpollen sind okay. Sie trainieren daraufhin einen Teil des Immunsystems, Reaktionen gegen die Pollen nicht nur zu unterlassen, sondern aktiv zu unterdrücken.
Und wenn diese neu trainierten Zellen allmählich die Oberhand über die alarmistische Immunfraktion gewinnen, geht die Allergie zurück. Desensibilisierung kann aber Jahre dauern.
(Notiz: Mein Immunsystem ist genauso träge wie ich, wenn es darum geht, schlechte Angewohnheiten loszuwerden.)
Aber, das ist Zuberbier wichtig: dranbleiben. "Wir haben heute wirklich gute Instrumente gegen Heuschnupfen in der Hand. Man muss sie nur nutzen", sagt er. Heuschnupfen sei keine Lappalie und werde bei vielen Menschen immer heftiger. Schülerinnen und Schüler mit Heuschnupfen haben während der Pollensaison beispielsweise schlechtere Noten.
Ich habe weiter recherchiert, was die Forschung gerade Neues gegen Allergien ausheckt. Es ist eine Menge. Von der Idee, mittels einer mRNA-Impfung das Immunsystem schneller zu desensibilisieren, bis zu einem Antikörper-Nasenspray gegen Heuschnupfen.
Zuberbier findet all diese Ideen spannend. Seine Erkenntnis aus 35 Jahren Forschung ist aber: Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz. Das Immunsystem ist kein isolierter, biochemischer Prozess, es ist verknüpft mit dem, was wir essen und wer wir sind. Erst kürzlich konnte er zeigen, dass bereits eine kurzfristige Einnahme von Kapseln mit 53 probiotischen Bakterienstämmen Symptome von Heuschnupfen lindert. Der Darm und das Immunsystem tauschen sich offenbar aus. Die genauen Mechanismen dahinter kenne man bisher nicht, sagt Zuberbier.
"Es gibt auch eine Verbindung zwischen unserem Nervensystem und unserem Immunsystem", sagt Zuberbier. Er verweist beispielsweise auf Studien aus den 60er-Jahren, bei denen Menschen unter Hypnose deutlich weniger stark auf Allergene reagierten, die man ihnen auf den Arm aufgetragen hatte. Was nicht heißen soll, dass Hypnose gegen Heuschnupfen wirkt. Aber der Zusammenhang ist zumindest interessant – und größere Studien zeigen, dass Stress allergische Reaktionen durch Mastzellen verschlimmern kann. Fährt die Seele runter, beruhigen sich auch die Mastzellen?
Vielleicht, denke ich nach dieser Recherche, flucht mein Immunsystem über mich genauso wie ich über es. Nur kapiere ich es nicht. Wenn wir unser Immunsystem als eine Intelligenz begreifen, die sich mit uns einen Körper teilt, könnten Allergien eine Ausdrucksform dieser Intelligenz sein. Und was sie sagt, ist: Ihr ernährt euch nicht ordentlich, atmet zu viele Abgase ein, und eure Nerven scheinen ziemlich blank zu liegen.
Warum ist mein Mensch so doof? Fragt sich mein Immunsystem.
(Notiz: Mal wieder unter einem Baum liegen. "Lucy in the Sky with Diamonds" hören.)
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