Wer hat hier einen Knall?

Erst gähnt man, dann knallt es: Ihr Silvesterabend ging mal wieder viel zu früh los, es ist erst halb 11, und die Gesprächsthemen am Tisch sind bereits nahezu aufgebraucht. Wie sollen Sie bloß die letzten anderthalb Stunden dieses Jahres rumbringen? Keine Sorge, das Politische Feuilleton hat vorgesorgt: Vier klare Gedanken zum Böllern.

1. Gedanke: Ausgerechnet Sylt nimmt die Böllergefahr ernst

Gen Nordwesten richten dieser Tage die 63 Prozent im Lande ihre Blicke, die gegen das Böllern sind. Dorthin, wo es bald schon nicht mehr brutal knallen, sondern nur noch sanft plauzen wird. Denn die Niederlande haben ein Böllerverbot auf den Weg gebracht, das ab dem 1. Januar 2026 greift. Einmal noch wird es dort also heftig rumsen, danach darf man als Privatperson nur noch Feuerwerkskörper des Kalibers F1 erwerben, sprich: in Knallerbsengröße.

So etwas, hört man die 63 Prozent der Deutschen seufzen, wäre hier niemals möglich! Eher als das Böllerverbot kommt hierzulande doch ein Tempolimit! Und so weiter und so selbstmitleidig. Dabei sind wir in Wahrheit mancherorts viel fortschrittlicher als unsere niederländischen Nachbarn. Noch weiter nördlich nämlich, hinter den Wellen des Wattenmeers, von Dünen eingerahmt, gibt es einen Ort, der weiter, moderner, ja humanistischer als der Rest des Landes ist: Sylt. Ausgerechnet auf der durch vermeintlich versnobte Reiche und grölende Rechte bei vielen in Verruf geratenen Insel herrscht schon seit Jahrzehnten ein absolutes Böllerverbot, das noch strenger als das in den Niederlanden ist. Nicht einmal Knallerbsen sind auf der friesischen Champagner-Insel erlaubt; wer trotzdem heimlich zündelt, muss mit Geldbußen von bis zu 50.000 Euro rechnen.

Zugegebenermaßen ist das Verbot nicht aus Rücksicht auf traumatisierte Menschen und hellhörige Tiere erlassen worden, sondern aus Sorge um die leicht entzündlichen Reetdächer, deren Erneuerung schon mal einen fünfstelligen Betrag kostet. Und genauso sei zugegeben, dass Sylt nicht der einzige Ort im Reetdach-Norden ist, an dem Silvester per Gesetz still begangen wird. Trotzdem: Wer noch nach einem guten Neujahrsvorsatz sucht, kann doch die unerwartete Sylter Fortschrittlichkeit als Anlass nehmen, mit den eigenen Vorurteilen etwas vorsichtiger herumzuböllern. (Florian Eichel)

2. Gedanke: Friedrich Schiller würde das Böllern Profis überlassen

Dass man mit ein wenig Abstand die Dinge besser erkennt, gilt beim Feuerwerk ja im ganz wörtlichen Sinne: Ich zumindest sehe Raketen lieber am Horizont aufsteigen, statt selbst in ihrem rauchigen Schweif zu stehen. Das Anschauen ziehe ich dem Anzünden klar vor, weswegen ich auch kein Geld für Feuerwerk ausgebe – aber gerne davon profitiere, wenn andere es tun. Die anderen sind die Aktivböllerer, ich aber bin leidenschaftlicher Passivböllerer.

Dieses Verhältnis ist natürlich im höchsten Maße ungerecht. Doch anders als etwa der Passivraucher ist der Passivböllerer kein Kollateralgeschädigter, sondern ein Profiteur. Die anderen tragen alle Kosten und Risiken, ich trage nur mein Sektglas. Sie verlieren Geld und schlimmstenfalls Gliedmaßen, ich gewinne einen hübschen Anblick. Die Aktivböllerer haben es ja selbst so gewollt. Wenn es nach mir ginge, könnten sie gern die Seite wechseln und zu mir ins Publikum kommen, und das Böllern überlassen wir dann vollständig den Pyrotechnikern. So, wie es ja früher auch der Fall war (zu diesen mittelalterlichen und neuzeitlichen Feuerwerken lesen Sie weiter unten mehr) und wie es in Ländern wie Frankreich weitestgehend selbstverständlich ist. Man nennt es auch Arbeitsteilung, die Menschheit soll bisher recht gute Erfahrungen mit diesem Prinzip gemacht haben.

Dann versammeln wir uns in sicherer Entfernung, schauen in den bunten Himmel, hören das Knallen und empfinden vielleicht jene Form von Erhabenheit, die bereits Friedrich Schiller beschrieben hat. Denn was ist so ein Feuerwerk anderes als die Imitation eines erhabenen Naturereignisses, eine Art menschengemachter Vulkanausbruch? Wir stehen davor und spüren mit unseren Sinnen, wie klein und ausgeliefert wir sind, aber zugleich wissen wir, dass uns nichts passieren kann. "Beim Erhabenen", schreibt Schiller, "stimmen Vernunft und Sinnlichkeit nicht zusammen, und eben in diesem Widerspruch zwischen beiden liegt der Zauber, womit es unser Gemüt ergreift." Ja, Schiller wäre heute ein Passivböllerer, ganz bestimmt. (Lenz Jacobsen)

3. Gedanke: Pyrotechnik kann friedensstiftend sein 

Schwarzpulver ist naturgemäß zunächst einmal laut und schmutzig. Bei genauerer Betrachtung aber entpuppt es sich als philosophischer Knaller. Denn das explosive Material verdeutlicht auf geradezu grelle Weise die dialektische Bewegung der Geschichte. Einerseits bildete es über Jahrhunderte den Stoff, aus dem Kriege gemacht sind – und brachte dementsprechend Tod und Verderben über ganze Landstriche. Andererseits verkörperte es aber genauso die Auszeit vom ständigen Schlachten. Sei es im Zuge aristokratischer Zeremonien oder populärer Volksfeste: Beim Feuerwerk mussten die Büchsenmacher ihre Expertise mal nicht fürs Töten einsetzen, sondern konnten mit friedlicher Unterhaltung glänzen. Es waren also die wenigen Momente, in denen ein barocker Waffenmeister mit gutem Gewissen sagen konnte: Pyrotechnik ist doch kein Verbrechen!

Besonders deutlich wurde diese friedensstiftende Kraft des Feuerwerks nach Ende des Dreißigjährigen Krieges. Als man 1650 den Nürnberger Friedensexekutionskongress beging, auf dem die offen gebliebenen Fragen des Westfälischen Friedens geklärt wurden, beschloss man die Veranstaltung mit einem pyrotechnischen Spektakel. So erschien auf dem Bühnenbild etwa ein "Castell des Unfriedens", das mittels einer Rakete in Brand geschossen wurde und somit den Sieg der Eintracht über die Zwietracht symbolisierte.

Heute bekommt man an Silvester von dieser friedensstiftenden Kraft des Feuerwerks nicht mehr allzu viel mit. Dank der dialektischen Bewegung der Widersprüche herrscht in bundesdeutschen Großstädten nämlich wieder Krieg. So fühlt es sich nämlich an, wenn fünf Meter neben einem eine Großpackung "Zombie Alarm"-Böller gezündet wird. Und zumindest aus der Perspektive eines barocken Waffenmeisters ist so ein unnötiger Unfrieden natürlich ein Verbrechen. (Nils Markwardt)

4. Gedanke: Böller sind Männer

Manche Menschen in Deutschland reisen nach Polen oder Tschechien, um sich die richtig dicken, hierzulande verbotenen Dinger zu kaufen. Andere übernachten gar auf Supermarkt-Parkplätzen, um als Erste an die heiße Ware zu kommen – und fast immer sind es: Männer.

Beim Böllern sind die Geschlechterverhältnisse längst einseitiger als in jedem Fußballstadion. Es sind Männer, die in den Kassenschlangen und an den Zündschnüren stehen; es sind Männer, die vergangenes Jahr 197 Millionen Euro für ihr Feuerwerk ausgegeben haben; und es sind Männer, die bestimmt auch dieses Jahr wieder einen neuen Unfallrekord aufstellen werden. In den Kliniken bereitet man sich schon vor: 97 Prozent der Feuerwerksverletzten im Berliner Unfallkrankenhaus waren in der vergangenen Silvesternacht männlich. In anderen Städten sind die Zahlen ähnlich.

Und während Männer also offensichtlich (selbst-)mörderischen Spaß an der Knallerei haben, nimmt sie jede zweite Frau als Bedrohung wahr. Ich gehöre zu dieser Hälfte. Meine Freundinnen und ich planen bereits Tage vorher die sicherste Route zum Silvesterdinner. Erinnerungen an Abende, an denen Männer "aus Spaß" mit Böllern auf uns zielten, prägen unser Sicherheitsgefühl dieser Tage. Es ist eine patriarchale Raumbeanspruchung: Einige erlauben sich Rücksichtslosigkeit und schränken so die Freiheit vieler ein.

Böllern wirkt wie ein Ritual männlicher Selbstvergewisserung. Raketen und Böller als zündende Phallussymbole, kleine Inszenierungen männlicher Präsenz. Sigmund Freud hätte vermutlich angemerkt, dass sich hier der Trieb nicht nur als Lust am Knall manifestiert, sondern als Versuch, Macht öffentlich zur Schau zu stellen. Hinzu kommt, dass Risikobereitschaft und die Unterdrückung eigener Angst Teile des traditionellen Männlichkeitsideals sind.

Vielleicht erklären sich die aktuellen Verkaufsrekorde auch dadurch, dass aktuell männliche Autorität und Aggression zunehmend hinterfragt werden. Beim Böllern können sie zumindest symbolisch zelebriert werden. Doch mit dieser Party könnte auf absehbare Zeit hoffentlich Schluss sein: Knapp die Hälfte der Männer in Deutschland spricht sich mittlerweile ebenfalls für ein privates Böllerverbot aus. Tendenz steigend. (Anastasia Tikhomirova)