„Ich wusste schon sehr früh, worüber man nur zu Hause sprechen durfte“

„Wenn mich jemand fragt, ob ich Sehnsucht nach Moskau hätte, reagiere ich allein auf das Wort allergisch. Das Gefühl, das mich beim Gedanken an diese Stadt befällt, die so lange meine Heimat und die meiner Familie war, ist nur schwer zu greifen. Vielleicht ist es eher eine Mischung aus Trauer und Verdrängung.“ Mit diesen Sätzen beginnt das aktuelle Buch der Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa. Es trägt den Titel „Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen“ (Droemer) und ist das berührende Dokument einer Zeitzeugin.

Die 1949 in Moskau geborene Publizistin studierte Germanistik und Geschichte, international bekannt wurde sie als Mitbegründerin von Memorial. Diese Moskauer Organisation für historische Aufklärung nahm ihre Arbeit 1989 im Geist der Perestrojka auf und hat entscheidende Forschungsbeiträge zu den Verbrechen des Stalinismus und Sowjetsystems geliefert. 2021 wurde Memorial vom Putin-Regime verboten, seit 2022 lebt Scherbakowa im Exil in Deutschland. Memorial wurde 2022, neben dem belarussischen Anwalt Ales Bjaljazki und dem ukrainischen Zentrum für bürgerliche Freiheiten, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Gefragt nach Büchern, die ihren Werdegang geprägt haben, nennt Scherbakowa auch vier deutschsprachige Werke, die sie nachstehend mit eigenen Worten kommentiert.

Irmgard Keun: Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften

Seit ich sieben Jahre alt war, war ich vom Lesen besessen: Ich verschlang Bücher, einige las ich immer wieder. Irmgard Keuns „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“, das 1958 in einer russischen Übersetzung erschien, gehörte zu solchen Büchern. Mein Leben ähnelte keineswegs dem, was Keun beschreibt; meine Eltern waren liberal und fortschrittlich. Doch die muffige Atmosphäre dieser Zeit, die Heuchelei der sowjetischen Schule, der verlogene Patriotismus – und zugleich der Humor, mit dem Keun das kleinbürgerliche Milieu während des Ersten Weltkriegs schildert –, all das war mir verständlich. Ich wusste schon sehr früh, worüber man nur zu Hause sprechen durfte und was in der Schule oder erst recht öffentlich tabu war. Umso lieber las ich über ein Mädchen, das solche Tabus bricht und damit die Verlogenheit und Scheinmoral der Erwachsenen entlarvt.

Das Tagebuch der Anne Frank

Ich wurde während der Stalinschen antisemitischen Kampagne geboren, und kurz vor Stalins Tod wurden alle Mitglieder unserer Familie aus ihrer Arbeit entlassen. Es kursierten Gerüchte, dass bald Deportationen folgen würden. Die Geschichte der Vernichtung von Millionen Juden in den von den Deutschen besetzten Gebieten wurde verschwiegen. Ich wusste, dass Hitler Juden ermordet hatte, aber das erste Buch, in dem vom Schicksal einer jüdischen Familie in Europa erzählt wurde, war für mich das 1960 auf Russisch erschienene Tagebuch der Anne Frank.

Es machte auf mich einen sehr starken Eindruck – wahrscheinlich, weil es von einem Mädchen meines Alters geschrieben war, das offen über jugendliche Sorgen und über die Alltagsprobleme des Verstecks berichtete – und hinter dieser merkwürdigen Alltäglichkeit stand der drohende, grausame Tod. Seitdem verfolgte mich oft ein Alptraum: Ich träumte, wie ich nach einem Versteck suchte, um unsere Familie zu retten.

E. T. A. Hoffmann: Märchen

Ich liebte es, Schauriges zu lesen, und deshalb war das dreibändige Werk von E. T. A. Hoffmann, das mir zu meinem Geburtstag 1962 geschenkt wurde, bald förmlich zerlesen. Hoffmann wurde in der UdSSR lange Zeit nicht neu aufgelegt, weil er als „reaktionärer Romantiker“ galt. Schon bei der ersten Lektüre zog mich seine Märchenwelt in ihren Bann. Diese Verbindung von Alltäglichem und Grauenhaftem entsprach meinen kindlichen Ängsten: Ich wusste ja, dass sich hinter dem normalen Leben immer etwas Furchtbares verbergen kann.

Es konnten ganz gewöhnliche Menschen zur Tür hereinkommen – und sich als Mitarbeiter der Staatssicherheit entpuppen, die einen deiner Nächsten mitnahmen, der dann für immer verschwand. Anna Achmatowa nannte Stalin „Klein Zaches“. Doch mir scheint, dass es besser auf Putin passt – wenige Wochen nach seiner Ernennung wurde er in einer satirischen Fernsehsendung als Hoffmanns „Klein Zaches“ dargestellt, wobei Jelzin seine unglückliche Mutter spielte. Nur nimmt Hoffmanns Klein Zaches ein ruhmloses Ende, während sich der russische in einen allmächtigen Diktator verwandelt hat.

Jewgenia Ginsburg: Marschroute eines Lebens

Seit meiner Kindheit war ich von Freundinnen meiner Großmutter umgeben, die den Gulag überlebt hatten. Natürlich setzte sich niemand neben mich, um mir eigene Geschichte zu erzählen. Es waren Halbsätze, Bruchstücke von Erinnerungen. Als ich das Manuskript von Jewgenia Ginsburg las, war das genau die Art von Erzählung, die ich immer hatte hören wollen: wie eine junge, gebildete Frau, die an den Kommunismus und an die Partei glaubte, in die stalinistischen Gefängnisse geriet; wie sie allmählich erkannte, dass alles, was ihr widerfuhr, das Ergebnis des von Lenin und Stalin geschaffenen Systems war. Gefängnisse, Verhöre, der Gulag auf der Kolyma – für mich war dieses Buch die Beleuchtung des schwarzen Raums der Vergangenheit, in den ich eintreten wollte.

Obwohl das Buch von Jewgenia Ginsburg nur im Ausland veröffentlicht werden konnte und viele Jahre im Untergrund kursierte, wurde es zu einem der bekanntesten weiblichen Memoirenwerke über den Gulag. In der UdSSR erschien es erst 1989, zehn Jahre nach dem Tod von Jewgenia Ginsburg.

Alexander Solschenizyn: Der Archipel Gulag

„Der Archipel Gulag“ von Solschenizyn galt in der UdSSR, als das Buch im Ausland veröffentlicht wurde, als das gefährliche und subversive Werk schlechthin. Meine Eltern hatten eines der ersten Exemplare, das 1974 heimlich aus dem Westen gebracht worden war, und meine Mutter beschloss, mir ein Geschenk zu machen: Sie überließ es mir für einen Tag, damit ich es als Erste lesen konnte. Erstens las ich sehr schnell, und zweitens saß ich zu Hause mit meiner sechs Monate alten Tochter. Ich verschlang das Buch, gedruckt auf dünnem Papier, und als meine Mutter anrief, war ich so überwältigt von dem Gelesenen, dass ich ins Telefon hineinrief, ich hätte den ganzen „Archipel“ geschafft.

Wenn es etwas gab, worüber man am Telefon auf keinen Fall sprechen durfte, dann war es dieses Buch. Meine Mutter seufzte und sagte: „Du bist so erschöpft vom Sitzen mit dem Kind, dass du völlig den Verstand verloren hast – du weißt gar nicht, was du sagst.“ Zum Glück blieb alles ohne Folgen. Aber das Buch brachte mich zu dem, womit ich mich nun im Geheimen zu beschäftigen begann: die Erzählungen ehemaliger Gulag-Häftlinge aufzuschreiben.

Wassili Grossman: Leben und Schicksal

Dieser Roman gehört für mich zu den wichtigsten Büchern, doch lesen konnte ich ihn erst 25 Jahre nach seiner Entstehung. 1961 beschlagnahmten Mitarbeiter des KGB bei Grossman sämtliche Manuskripte des Romans. In einem Brief an Chruschtschow forderte der Schriftsteller, seinem Buch die „Freiheit zurückzugeben“. Die Antwort kam vom Chefideologen der Partei, Suslow: Eine Rückgabe des Manuskripts komme nicht infrage; der Roman werde frühestens in 200 Jahren in der UdSSR erscheinen. Doch nicht alle Exemplare waren konfisziert worden: Grossman hatte zwei Kopien versteckt. Sie wurden heimlich in den Westen gebracht, wo der Roman 1980 veröffentlicht wurde – 16 Jahre nach dem Tod seines Autors.

Grossmans Buch hat mich tief beeindruckt. Mit einer für jene Zeit erstaunlichen Kühnheit stellte es zwei totalitäre Systeme einander gegenüber. Die Figuren geraten sowohl in den Gulag als auch in die nationalsozialistischen KZs; sie kämpfen gegen den Faschismus für Freiheit, doch diese tritt nach dem Sieg nicht ein. Grossmans Roman bot einen Schlüssel zu dem, was der russischen Gesellschaft so sehr fehlte – zu einer tiefen Reflexion nicht nur über den Krieg, sondern über die gesamte Stalin-Ära.

Nadeschda Mandelstam: Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe

Meine Eltern waren mit Nadeschda Mandelstam befreundet, der Witwe eines der herausragendsten russischen Dichter des 20. Jahrhunderts, Ossip Mandelstam. Deshalb kam ich schon lange, bevor ich ihre Erinnerungen las, in ihre kleine Moskauer Wohnung. Es fällt mir schwer, ihr Bild von ihren Aufzeichnungen zu trennen – auch im Leben war sie oft unerbittlich und ironisch. Ihr, und später auch ihrem Buch, verdanke ich viel: einen nüchternen, unsentimentalen Blick auf die Rolle der Intelligenzija in der Stalin-Zeit, auf ihre Anpassungsbereitschaft und Servilität, die viele später mit den „schweren Zeiten“ zu rechtfertigen versuchten. Indem Nadeschda das Andenken ihres Mannes, des genialen Dichters, der im Gulag umkam, verteidigte, scheute sie sich nicht, die Wahrheit zu sagen. Ihr ganzes Leben lang – verfolgt, arm, ständig gezwungen, aus Angst vor Verhaftung von einem Ort zum anderen umzuziehen – erfüllte sie die wichtigste Aufgabe ihres Lebens: Sie bewahrte das Andenken an Mandelstam und seinen Nachlass.

Friedrich Gorenstein: Der Platz

Wenn man mich bitten würde, die bedeutendsten russischen Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu nennen, würde ich unter den ersten Friedrich Gorenstein (1932–2002) nennen – und vor allem seinen Roman „Der Platz“ (1976). Seine Biografie ist für viele aus seiner Generation typisch: Der Vater kam im Gulag um, die Mutter starb während des Krieges – und wie viele trug auch er die traumatische Erfahrung des Ausgestoßenen mit sich. Doch seine Bücher waren so schonungslos gegenüber dem Preis des Überlebens, der Anpassung, der Akzeptanz des Antisemitismus, der damals ein Bestandteil des Lebens war, dass es – besonders bei „Der Platz“ – fast schmerzhaft war, sie zu lesen.

Gorenstein erlangte nie die Bekanntheit, die er verdient hätte: In Russland ließ er seine Texte nur einem sehr kleinen Kreis zukommen und emigrierte 1980 nach Deutschland. Und als die neue Zeit begann und seine Werke in Russland erschienen, war die gesellschaftliche Rolle der Literatur bereits in den Hintergrund getreten. Viele entdecken ihn erst heute, Jahre nach seinem Tod. Doch ich bin sicher, dass seine Bücher ihre Wirkung noch entfalten werden.

Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen

Als das sowjetische System zusammenbrach, spielte der Umgang mit der Sprache im Prozess der Entsowjetisierung eine große Rolle. Victor Klemperers Buch „LTI“ erschien auf Russisch Ende der 1990er-Jahre, blieb aber bis heute das beste Werk über die Sprache des Dritten Reiches. Für mich – vor allem in der Arbeit mit Studierenden – wurde dieses Buch zu einem wichtigen Instrument. Klemperer beschreibt die charakteristischen Züge der nationalsozialistischen Sprache und versucht, ihre Natur zu verstehen.

Das sowjetische Regime schuf – ebenso wie das nationalsozialistische – seine eigene Sprache, die Lingua Sovietica. Die von Klemperer beschriebenen Beobachtungen lassen sich leicht in der sowjetischen Sprachform wiederfinden. Heute kann Klemperers Buch als Hilfsmittel für die Untersuchung der „Putin-Sprache“ dienen, die durch ihre Nähe zur „LTI“ verblüfft, besonders dort, wo es um Propaganda gegen die Ukraine und die Konstruktion von Feindbildern geht. Die Analyse der Sprache des Putinismus ist ein Schlüssel zum Verständnis des Putinismus selbst.

Vladimir Nabokov: Die Gabe

Dieser Roman aus dem Jahr 1938 war das letzte Werk, das Nabokov, in Berlin, auf Russisch schrieb. Ich habe dieses Buch immer geliebt – mehr als seine anderen Romane. Doch jetzt, selbst im Exil in Berlin lebend, nehme ich „Die Gabe“ ganz anders wahr. Zitate über Berlin tauchen von selbst in meinem Kopf auf, wenn ich durch die Straßen der Stadt gehe. Oft denke ich an Nabokovs Berliner Adressen – viele von ihnen befinden sich ganz in meiner Nähe.

Und im Grunewald fällt mir die komische Episode vom Diebstahl seiner Kleidung am See ein, als gehörte sie bis heute zu dieser Landschaft. Mit Nabokov wurde die russische Exilliteratur geboren. Und er kehrte in seine Heimat zurück – zunächst heimlich in den 1970er-Jahren, später dann offiziell – und wurde zu einem der bedeutendsten russischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.