Tribute-Acts sind das wirkliche Gedächtnis des Pop

Mike Sardina (Hugh Jackman) hätte ein Superheld des Rock ’n’ Roll werden können. Für ein paar Zuschauer auf Rummelplätzen in Wisconsin und in Bars – landauf, landab –, die Namen tragen wie „Good Time Charlie’s“ oder „Chubby Bear“, war er in den späten 1980er-Jahren jedenfalls eine Legende.

Ein Star für einen Abend, von dem so mancher sagte, er sei „Chuck Berry, The Beatles und Barry Manilow in einem“. Ein Blitz schoss die Rückseite seiner Bühnenjacke herunter, und „Lightning“ lautete sein Bühnenname. Jede Stadt, jede Region in den USA kennt solche lokalen Helden, die sich jahrelang den Arsch abspielen und irgendwann wieder verglimmen. Mit „Song Song Blue“ erzählt Craig Brewer vielleicht die schönste all dieser wahren Alltagsgeschichten.

Wo ein Blitz ist, da braucht es auch Donner. Für Mike kommt der an einem Abend auf dem Wisconsin State Fair in der Gestalt von Claire (Kate Hudson), einer geschiedenen Friseurin in Teilzeit, die als Countrysängerin die glühend tränenziehenden Songs von Patsy Cline singt. Sie werden ein Paar und gründen gemeinsam eine Band: Lightning & Thunder, einen Tribute-Act für Neil Diamond.

Es flimmert sofort etwas greifbar in der Luft, wenn er auf seiner Gitarre schwungvoll die Akkorde von Diamonds „Cherry, Cherry“ anstimmt und sie erst den Rhythmus tastend mitklatscht und plötzlich leicht versetzt auf dem Klavier einsetzt. Etwas, von dem der Film sofort selbst mitgerissen wird: Aus Augenhöhe saust die Kamera auf die Finger von Kate Hudson herab, wirbelt um das Paar herum, das somit einen gemeinsamen Beat, eine Weise, stimmlich miteinander zu harmonieren, gefunden hat. Eine Bühnenshow, eine eigene Performance-Masche ist geboren.

In Filmen gelten Pop-Imitatoren oftmals als Treppenwitz und tragikomische Figuren: Kleinkünstler, die auf ewig dazu verdammt sind, mit Schmalztolle den Hüftschwung eines scheinbar nie alt und korpulent gewordenen Elvis Presleys nachzuahmen. „Ich habe den Typen noch 30 weitere Jahre am Leben gelassen“, sagt hingegen in „Song Sung Blue“ ein von Michael Imperioli gespielter Musiker stolz über seine Fähigkeit, Buddy Holly auf der Bühne wiederauferstehen zu lassen. Tribute-Acts füllen eine Lücke in der popkulturellen Wunschvorstellung aus: Sie konservieren die Aura und das Charisma von Künstlern auf ihrem kommerziellen Höhepunkt, lösen ihn ab von den Zumutungen des Alters.

Trotz der ikonischen Paillettenanzüge und des schulterlangen Haars, das er sich auf der Bühne von einem zur Windmaschine umfunktionierten Laubbläser verführerisch durchpusten lässt, sieht sich Mike nicht als jemand, der Neil Diamond lediglich imitiert. Stattdessen interpretiert er selbstbewusst mit der geläuterten Energie und Sensibilität eines trockenen Alkoholikers, eines Vietnamveteranen, der als Tunnelratte über die Leichname seiner Kameraden robben musste.

Mit Lightning & Thunder schafft er es so alsbald in die überregionalen Fernseh-News („Amerikas trällernde Turteltauben“) und – diesen Popularitätsschub für einen nie enden wollenden Abend lässt der Film als großen Event wiederauferstehen – zum einmaligen Anheizer für einen Auftritt der Grunge-Band Pearl Jam. Deren Sänger imponierte der Showgestus und die organisch anwachsende Fanschar des Ehepaars.

Bekannt wurde der Regisseur Craig Brewer Mitte der 2000er-Jahre mit „Black Snake Moan“, einer postmodernen Anverwandlung des amerikanischen Exploitation-Kinos vergangener Dekaden. Seitdem wahren seine Filme die Verbindung zur vielgestaltigen Genre-Vergangenheit. Er drehte ein Remake der Tanzsause „Footloose“ und bescherte Eddie Murphy ein doppeltes Comeback mit einer Fortsetzung von dessen Erfolgsfilm „Der Prinz aus Zamunda“ und einem Biopic, in dem Murphy den legendär umstrittenen Comedian Rudy Ray Moore darstellte. Auch „Song Sung Blue“ widmet sich in der Form eines Musicals einer längst verschwundenen Spielweise des amerikanischen Kinos: der populistischen Tragikomödie mit Working-Class-Grundierung, die sich souverän von einer leichtherzigen Romanze zum unpathetisch erzählten Melodram wandelt.

Noch besser als die Story sind gleichwohl ihre beiden Hauptdarsteller, die sie mit enthusiastischem Spiel tragen. Ihre eigentümliche Chemie erklärt sich aus den unterschiedlichen Karrierewegen. Hugh Jackman gibt seit über zwei Jahrzehnten mit toughem Grummeln dem beklauten Superhelden Wolverine seine definitive Gestalt und reüssierte bislang nur selten als Komödienschauspieler. Kate Hudson bleibt hingegen bis heute trotz zahlreicher Versuche im Katastrophenfilm („Deepwater Horizon“) oder Thriller („The Killer Inside Me“) eine der ungekrönten Königinnen romantischer Komödien im 21. Jahrhundert.

Gegenseitig entlocken sie sich Performances, die überlebensgroß und intim zugleich sind. Damit machen sie „Song Sung Blue“ zu einem im besten Sinne altmodisch-routinierten Film, der einen daran erinnern kann, welche selbstverständliche Bandbreite das Hollywood-Kino einst besessen hat.