„Jeff Bezos gab ein so geringes Einkommen an, dass er Familienbeihilfen beantragte – und erhielt“
Noch immer gelten sie als unbekanntes Wesen: die Superreichen. Doch während meist nicht einmal bekannt ist, wie reich sie wirklich sind, hat sich in den vergangenen Jahren ein reges Interesse der Populärkultur am Leben der Reichsten der Reichen in ihrem eigenen Reservat entwickelt. Serien wie „Succession“ oder „The White Lotus“, Kinofilme wie „Triangle of Sadness“ oder „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ und Bücher wie „Superyachten. Luxus und Stille im Kapitalozän“ oder demnächst „Yacht oder nicht Yacht. Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen“ locken ein breites Publikum mit Einblicken in eine abgeschottete Welt, die das Licht der Öffentlichkeit scheut. Dabei ist es für die Öffentlichkeit höchste Zeit, sich mit den Superreichen zu beschäftigen, wie ein Star-Ökonom aus Frankreich fordert. Denn die Reichen zahlen zu wenig Steuern.
Der 39-jährige Gabriel Zucman hat sich jahrelang mit Steuerflucht beschäftigt, ist Gründungsdirektor der Steuerbeobachtungsstelle der EU und lehrt als Professor an zwei renommierten Universitäten: der Paris School of Economics und der University of California in Berkeley. Sein Doktorvater ist niemand Geringeres als Thomas Piketty, einer der berühmtesten Wirtschaftswissenschaftler der Welt. Piketty hat mit „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ und „Kapital und Ideologie“ zwei der meistdiskutierten Bücher über ökonomische Ungleichheit der vergangenen Jahre veröffentlicht. Immer wieder hat Piketty eine 120.000-Euro-Erbschaft für alle gefordert, weil in der Erbengesellschaft von heute das Vermögen weit mehr zur Ungleichheit beitrage als das Einkommen. Dagegen wirkt der aktuell heiß diskutierte Vorstoß der SPD wie Karl Kraus‘ noch immer gültige Definition von Sozialdemokratie: eine Hühneraugenoperation an einem Krebskranken.
Was die „Zucman-Steuer“ bedeutet
Zucman knüpft an Pikettys Kritik der Übermacht der Vermögen an. Für ihn geht das System der Einkommensteuer in den westlichen Ländern an den ökonomischen Realitäten vorbei – mit haarsträubenden Folgen. Das zeige sich vor allem bei den Superreichen, die kaum oder keine Einkommensteuern zahlen, weil ihr Reichtum in Aktienvermögen und Unternehmensanteilen steckt. Das führt laut Zucman zu einer ungerechten Schieflage: Wer sehr viel Vermögen hat, zahlt insgesamt weniger Steuern. Als Beispiel führt Zucman in seinem neu erschienenen Buch „Reichensteuer. Aber richtig!“ die Multimilliardäre Elon Musk und Jeff Bezos an: „Bezos gab in einem Jahr ein so geringes Einkommen an, dass er Familienbeihilfen beantragte – und erhielt.“
Gemessen an ihrem Einkommen, zahlen die Superreichen zu wenig Steuern, und auch gemessen am gesamten Steueraufkommen – so argumentiert Zucman. Was er als Reaktion auf den von ihm beschriebenen Missstand vorschlägt, sorgt in Frankreich bereits seit Monaten für hitzige Debatten. Es geht um 2 Prozent pauschale Mindeststeuer für alle Vermögen ab 100 Millionen Euro. Eine Flat-Tax, die in Frankreich bereits den Namen ihres Erfinders trägt: die Zucman-Steuer. Milliardäre sollten sich an der nationalen Solidarität beteiligen, so Zucman. In Frankreich wären wohl knapp unter 2000 Haushalte mit dieser Steuer erfasst, die Einkünfte schätzt Zucman auf um die 20 Milliarden Euro. Für Deutschland erwartet sich der Ökonom in etwa ähnliche Größen.
Ungerecht ist das heutige System für Zucman auch, weil Vermögen ab 100 Millionen Euro im Schnitt eine Rendite von 6 Prozent abwerfen, während niedrigere Einkommen von der Inflation aufgefressen werden. Die am Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführte Einkommensteuer habe heute zu einem Zustand geführt, in dem die mittleren und unteren Klassen unter immer schwierigeren ökonomischen Bedingungen mit ihren Abgaben für das staatliche Gemeinwesen aufkommen müssen, während sich die Reichsten dieser Aufgabe längst entledigt haben und somit den fiskalischen Konsens aufgekündigt haben, der im 20. Jahrhundert für die meisten Industriegesellschaften galt. Eine groteske Fehlentwicklung, die eine Menge sozialen Sprengstoff mit sich bringt.
„Die Mindeststeuer wäre sicher eine kleine Innovation in der Organisation der nationalen Solidarität, und es ist verständlich, dass die Betroffenen sich mit allen verfügbaren Mitteln dagegen wehren“, schreibt Zucman. So habe auch die Einführung der Einkommensteuer am Anfang des 20. Jahrhunderts den Zorn der Besitzer großer Vermögen erregt, fährt Zucman fort, jedoch ohne Erfolg. „Als Eckpfeiler des modernen Steuerwesens trug sie zur Entwicklung des Sozialstaats, dem Wachstumsmotor der heutigen Wirtschaft bei. Trotz ihrer Lücken stellt sie fast niemand mehr infrage. Wie ihre illustre Vorgängerin, die sie lediglich vollendet, wird sich auch die Mindeststeuer für Ultrareiche letztlich als das durchsetzen, was sie ist: eine Selbstverständlichkeit.“
Auf nur knapp über 50 Seiten kann man mit „Reichensteuer. Aber richtig!“ nun nachlesen, was Zucman als Argumente für seinen Vorschlag zur „Steuerrevolution“ anführt. Wobei man sein Vorhaben statt revolutionär auch konservativ nennen könnte, geht es Zucman doch erklärtermaßen um die Wiederherstellung eines alten Grundsatzes, nämlich des Gleichheitsprinzips bei der Besteuerung.
Wie auch immer: Die Superreichen sind nicht mehr nur in der Populärkultur ein Thema, sondern nun auch in der Steuerpolitik. Und angesichts der Überschuldung der öffentlichen Haushalte, die auch in Deutschland nicht zuletzt wegen der angestrebten „Kriegstüchtigkeit“ immer dramatischere Züge annimmt, dürfte Zucmans politische Annäherung an die Superreichen so interessiert verfolgt werden wie „The White Lotus“ und Ähnliches.
Gabriel Zucman: Reichensteuer. Aber richtig! Suhrkamp, 63 Seiten, 12 Euro