"Gelbe Briefe" von İlker Çatak gewinnt Goldenen Bären
Gelbe Briefe des deutschen Regisseurs İlker Çatak ist als bester Beitrag der 76. Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Der Film dreht sich um ein Künstlerpaar, das ins Visier des türkischen Staats gerät. Der Produzent Ingo Fliess nahm die Auszeichnung am Samstagabend bei einer festlichen Gala im Berlinale-Palast entgegen. Der Vorsitzende der Jury, Wim Wenders, hatte zuvor in seiner Laudatio gesagt, der Film spreche sehr deutlich "die politische Sprache des Totalitarismus". Er sei eine angsteinflößende Vorahnung, wie es möglicherweise bald auch in anderen Ländern aussehen könnte.
Damit hat erstmals seit mehr als 20 Jahren der Film eines deutschen Regisseurs die wichtigste Auszeichnung des Filmfestivals erhalten. Zuletzt hatte Gegen die Wand von Fatih Akin im Jahr 2004 den Goldenen Bären gewonnen. Vor drei Jahren hatte Çatak seinen Film Das Lehrerzimmer auf der Berlinale gezeigt, der dann als bester internationaler Film bei den Oscars nominiert wurde.
Sandra Hüller 20 Jahre später erneut ausgezeichnet
Die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller gewann zum zweiten Mal in ihrer Karriere den Silbernen Bären für die beste Hauptrolle. Die 47-Jährige erhielt die Auszeichnung für ihre Darstellung im Drama Rose von Markus Schleinzer. Hüller verkörpert darin eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert in einem kleinen, abgelegenen Dorf als Mann ausgibt.
2006 war die Thüringerin zum ersten Mal auf der Berlinale zu Gast und gewann damals den Darstellerinnenpreis für ihre Rolle in dem Drama Requiem. Das sei der "Grundstein für die Anerkennung meiner Kinoarbeit" gewesen, sagte sie im Interview mit der ZEIT. 2019 war sie in der Jury der Berlinale.
"Kurtuluş" gewinnt den Großen Preis der Jury
Die zweitwichtigste Auszeichnung, den Großen Preis der Jury, erhielt die Tragödie Kurtuluş des türkischen Regisseurs Emin Alper. Stilistisch an einen Western erinnernd, handelt der Film vom mörderischen Kampf zweier Dorfgemeinschaften und der unheilvollen Auswirkung von religiösem Feminismus.
Das Drama Queen at Sea des Amerikaners Lance Hammer wurde als einziger Film im Wettbewerb mit zwei Preisen ausgezeichnet. Neben dem Preis der Jury teilten sich Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay einen Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle. Calder-Marshall spielt eine demenzkranke Frau, Courtenay ihren Ehemann.
Film von syrisch-palästinensischem Filmemacher bestes Debüt
Der Preis für die beste Regie ging an den Briten Grant Gee für das Jazzmusiker-Porträt Everybody Digs Bill Evans. Die Kanadierin Geneviève Dulude-de Celles bekam einen Silbernen Bären für das Drehbuch des Spielfilms Nina Roza. Für eine herausragende künstlerische Leistung wurde der Film Yo (Love is a Rebellious Bird) der US-Amerikaner Anna Fitch und Banker White geehrt.
Das Drama Chronicles From the Siege des syrisch-palästinensischen Filmemachers Abdallah Alkhatib erhielt die Auszeichnung als bestes Spielfilmdebüt. Der Filmemacher warf der deutschen Regierung auf der Bühne vor, sie sei Partner "des Völkermords im Gazastreifen".
Umweltminister Schneider verlässt während Rede den Saal
Alkhatib, der eine palästinensische Flagge mit auf die Bühne brachte, sagte, eines Tages werde es ein wunderbares Filmfestival in Gaza geben. "Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war", sagte er. "Ein freies Palästina von jetzt bis ans Ende der Welt." Im Saal waren Applaus und auch Zwischenrufe zu hören.
Israel bestreitet, dass es im Gazastreifen einen Völkermord begeht oder begangen hat. Eine unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats bestätigt den Vorwurf jedoch. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), der als einziger Vertreter der Bundesregierung bei der Preisverleihung anwesend war, verließ während Alkhatibs Rede den Saal.