"Der Donbass ist für uns zur Blackbox geworden"
Wir leben in Zeiten, die uns einiges Kopfzerbrechen bereiten. Deshalb fragen wir in dieser Serie, was interessante Köpfe gegenwärtig bedenkenswert finden. Heute antwortet die 58-jährige Historikerin Tanja Penter, die an einem neuen Podcast zur Geschichte des Donbass beteiligt ist.
DIE ZEIT: Der Kriegsbeginn jährt sich zum vierten Mal, und der ostukrainische Donbass, den Russland gänzlich für sich beansprucht, ist immer noch umkämpft. Etwa 80 Prozent der Region sind russisch besetzt. Sie sind die Expertin für die Geschichte des Donbass, worüber denken Sie gerade nach?
Tanja Penter: Uns erreichen ja kaum noch Informationen aus dieser Region, ich frage mich deshalb, wie es den Menschen dort gehen mag, zumal den Alten, die in den zerstörten Infrastrukturen zurückgeblieben sind, oft ohne Trinkwasser und Strom. Wir müssen von einer humanitären Katastrophe ausgehen, von der die Welt kaum weiß. Aber das sind nicht die einzigen Informationen, die schmerzlich fehlen. Ich frage mich als Historikerin außerdem, wie man künftig die Geschichte des Donbass schreiben wird, die Archive sind seit 2014 zerstört oder nach Russland gebracht. Uns fehlen die Quellen. Der Donbass ist für uns zur Blackbox geworden.
ZEIT: Sie starten in diesen Tagen zusammen mit der unabhängigen Plattform Dekoder einen Podcast, in dem es um die Geschichte des Donbass unter der nationalsozialistischen Besatzung geht. Warum jetzt dieses Format?
Penter: Die Geschichte ist von der Gegenwart nicht zu trennen. Mich treibt seit Langem um, dass es heute in der deutschen Erinnerungskultur noch immer kaum Raum für die NS-Verbrechen an den zivilen Opfern des Vernichtungskriegs in Osteuropa gibt. Typischerweise war es die junge ukrainische Frau, die damals als Zwangsarbeiterin dem Terror der Nationalsozialisten zum Opfer fiel: Das ist zwar in der Geschichtswissenschaft dank Ulrich Herberts Pionierarbeit bekannt, aber in der breiteren deutschen Wahrnehmung kaum angekommen. Die Grundlage für unseren heutigen Podcast haben mein ukrainischer Kollege Dmytro Tytarenko und ich vor mehr als 20 Jahren gelegt: Wir haben seit den frühen 2000er-Jahren im Donbass persönliche Gespräche mit den letzten Zeitzeugen des Weltkriegs geführt, auch mit einigen dieser damals ganz jungen Zwangsarbeiterinnen.
ZEIT: Wie ging es den inzwischen sehr alten Menschen, mit denen sie gesprochen haben?
Penter: Sie waren überraschend offen. Die Zwangsarbeiterinnen erfuhren von deutscher Seite im Rahmen eines Entschädigungsprogramms ab 2001 öffentliche Anerkennung als NS-Opfer, sie sprachen oft erstmals über ihre leidvolle Geschichte, einschließlich der zweiten Diskriminierung, die sie nach ihrer Rückkehr in den Stalinismus erfahren haben. Ich habe diese alten Menschen Anfang der 2000er-Jahre als zuversichtlich erlebt. Es ging ihnen als Rentner zwar in der Strukturkrise der Ukraine ökonomisch nicht gut, aber sie sahen optimistisch in die Zukunft. Der Donbass als Kohle- und Stahlregion war einst das Schaufenster der Sowjetunion gewesen, die Leute dort waren stolz auf ihre regionale multiethnische Identität. Ab 2014 sind wir in eine andere Zeitrechnung eingetreten. Es macht mich sehr traurig, dass diese Menschen nun einen zweiten Krieg erfahren müssen.
Es macht mich sehr traurig, dass diese Menschen nun einen zweiten Krieg erfahren müssen.
ZEIT: Wie entstand aus Ihren Erfahrungen im Donbass der aktuelle Podcast?
Penter: Nach und nach. Zuerst kamen die erwähnten Gespräche, die ich auch in mehreren Publikationen verarbeitet habe. Von 2016 bis zur russischen Vollinvasion im Februar 2022 hatten wir eine gute trilaterale Forschungskooperation mit ukrainischen und russischen Kollegen. Gemeinsam mit jüngeren Forschenden werteten wir in neu zugänglichen Archiven Quellen zur deutschen Besatzung aus. Auf dieser vielschichtigen Grundlage basiert nun der Podcast mit den unabhängigen Journalisten von Dekoder, der zum Jahrestag des Kriegs am 24. Februar startet. Wir möchten dafür sorgen, dass eine breite Öffentlichkeit von dieser Vergangenheit erfährt, die den gegenwärtigen Krieg zutiefst prägt.
ZEIT: Inwiefern?
Penter: Die Russen beziehen sich in ihrer Propaganda seit Langem konstitutiv darauf, dass sie in der Ukraine den Krieg gegen den Faschismus fortsetzen. Wir stehen also auch in einem Krieg um Erinnerung. Die Geschichte ist zur Waffe geworden. Umso wichtiger ist es, genau hinzusehen.