Weimer beruft Sondersitzung von Berlinale-Aufsichtsrat ein
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat für Donnerstagvormittag eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung zur Ausrichtung der Berlinale einberufen. Dafür sollen laut Vize-Regierungssprecher Steffen Meyer die Führungsgremien der für die Berlinale zuständigen "Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH" (KBB) zusammenkommen. Weimer ist Vorsitzender des Aufsichtsrats. Thema der geplanten Sitzung sei unter anderem die Zukunft der Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle, berichtete die Bild-Zeitung.
"Es soll eine Aussprache zur Ausrichtung der Berlinale geben. Zu weiteren Spekulationen äußern wir uns nicht", gab indessen Meyer an. Im Rahmen der Berliner Filmfestspiele hatte es eine Debatte um Äußerungen über Israel und Gaza gegeben. Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib verband seine Dankesrede für den Preis zum besten Spielfilmdebüt mit deutlicher Kritik an der Haltung der Bundesregierung im Gazakrieg.
Bei seinem Auftritt mit einer palästinensischen Flagge hatte Alkhatib der deutschen Regierung vorgeworfen, "Partner des Völkermordes in Gaza" zu sein. "Wir werden uns an alle erinnern, die an unserer Seite standen, und wir werden uns an alle erinnern, die gegen uns standen", sagte er. Bundesumweltminister Carsten Schneider, das einzige Regierungsmitglied bei der Verleihung, verließ daraufhin den Saal. Andere Preisträger solidarisierten sich ebenfalls mit den Palästinenserinnen und Palästinensern.
Berlinale laut Weimer "kein Ort für Hetze"
Der Bild-Zeitung sagte der parteilose Kulturstaatsminister: "Die Berlinale ist kein Ort für Hetze, Drohungen und Antisemitismus. Israel-Hass darf sich dort nicht austoben, schon gar nicht mit Steuergeldern finanziert." Die Berlinale selbst äußerte sich nicht direkt zum Bericht der Bild-Zeitung, teilte aber mit, über die Sitzung informiert worden zu sein.
Intendantin Tuttle leitet die Berlinale seit 2024. Im Zuge des Filmfestivals waren in diesem Jahr intensive Debatten darüber geführt worden, inwiefern sich das Festival und Filmschaffende zum Gazakrieg positionieren müssen. Rund 80 Filmschaffende – darunter bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler wie Tilda Swinton und Javier Bardem – warfen der Berlinale in einem offenen Brief vor, bei diesem Thema nicht ausreichend Stellung zu beziehen. Auch beschuldigten sie das Festival, propalästinensische Stimmen zu zensieren. Die Berlinale wies die Vorwürfe zurück.
Kulturstaatsminister unterstützte Tuttle und Wenders
Weimer hatte sich zu diesem Zeitpunkt zunächst hinter Tuttle und den diesjährigen Jurypräsidenten Wim Wenders gestellt. Die beiden hätten diese Festivalausgabe "unter besonderen weltpolitischen Herausforderungen feinfühlig, grundliberal und künstlerisch anspruchsvoll gestaltet".
Wenders hatte sich kurz nach dem Beginn der Berlinale dafür ausgesprochen, sich als Filmfestival "aus der Politik herauszuhalten". Dafür war der Jurypräsident mitunter deutlich kritisiert worden, die indische Autorin Arundhati Roy sagte in der Folge ihre Teilnahme ab. Tuttle stärkte Wenders und den Künstlern des Festivals daraufhin in einem ausführlichen Statement den Rücken. Sie sagte, bei den Internationalen Filmfestspielen finde freie Meinungsäußerung statt, es solle aber nicht vorausgesetzt werden, dass Künstlerinnen und Künstler zu jedem politischen Thema Stellung nähmen.
Grünen-Kulturpolitiker Sven Lehmann rief Weimer zu einem fairen Umgang mit der Berlinale-Intendantin auf. Bei aller berechtigten Kritik erwarte er eine Anerkennung ihrer Leistungen für den Film und "eine selbstkritische Haltung auch der Bundesregierung", sagte Lehmann der Nachrichtenagentur dpa. "Der Umgang mit Tricia Tuttle und einige Medienberichte zu ihrer Person sind eine Zumutung", hieß es außerdem.