"Chomeinis Enkel ist eine Option"
Kann Trumps Angriff die Mullahs stürzen? Der Wiener Iranwissenschaftler Walter Posch analysiert seit Jahren die Machtstruktur von den Klerikern über die Militärs bis zur Protestbewegung. Er richtet den Blick auf die Rolle der sunnitischen Gruppen und spricht über Alternativen an der Spitze des Iran, einschließlich des Enkels des verstorbenen Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Chomeini.
DIE ZEIT: Herr Posch, seit diesem Samstagmorgen greifen Israel und die USA den Iran mit Luftschlägen an. Was ist das Ziel?
Walter Posch: Es bleibt unklar, wie man sich von US-amerikanischer und israelischer Seite das Resultat dieser Angriffe vorstellt. Geht es nur um die Entwaffnung des Iran? Hofft man auf eine Aufstandsbewegung? Oder geht es in erster Linie um die nuklearen Anlagen?
ZEIT: US-Präsident Donald Trump sprach in einer Rede vom Samstagmorgen davon, dass jetzt "die Stunde der Freiheit" der iranischen Bevölkerung gekommen sei. Das klingt doch, als wäre Regime-Change das Ziel.
Posch: Wenn es um Regime-Change geht, dann liegt den Israelis und den Amerikanern eine vollkommen andere Beurteilung der inneren Lage des Iran zugrunde, als sie die meisten Experten teilen. Die Mehrheitsmeinung der Fachleute ist: Das Regime von Ali Chamenei hat die Situation im Land noch unter Kontrolle, da die Bevölkerung nach den vielen Toten der letzten Wochen weitgehend eingeschüchtert und verbittert ist.
ZEIT: Aber das könnte sich doch ändern?
Posch: Die einzige echte Gefahr für das Regime könnte von den sunnitischen Gruppen im Osten des Landes ausgehen. In der breiten Bevölkerung dürfte jetzt dagegen die Furcht überwiegen, von Luftschlägen getroffen zu werden. Das macht eine Wiederholung der jüngsten Proteste eigentlich unmöglich.
ZEIT: Bei den Verhandlungen in Genf verfolgten die USA das Ziel, ein Ende des iranischen Atom- und Raketenprogramms herbeizuführen. Warum hat der Iran nicht eingelenkt?
Posch: Die Iraner wissen: Wenn sie sich einmal etwas wegverhandeln lassen, ist das ein Dammbruch. In dieser Phase fehlte ein klares Angebot von US-amerikanischer Seite, dass bei einer Einigung die Sanktionen erleichtert würden. Das iranische Regime konnte somit nicht darauf vertrauen, dass die Wirtschaft des Landes wieder gesunden würde. Dabei hätten die Iraner sicher eingelenkt, wenn man ihnen auf rein symbolischer Ebene das Recht zur Urananreicherung zugestanden hätte. Frühere Verhandlungen haben gezeigt, dass sich das Atomprogramm so einhegen ließe.
ZEIT: Das Atom- und Raketenprogramm komplett aufzugeben, wäre nach Einschätzung vieler Fachleute existenzgefährdend für die iranische Führung. Trifft das auf einen Krieg mit den USA und Israel denn nicht zu?
Posch: Natürlich hängt das Überleben des Regimes auch davon ab, wie es diese Krise managt. Aber das Nuklearprogramm war keine Idee des Regimes – das war schon Teil der Modernisierung unter den Pahlavis, die vorher geherrscht haben. Es ist die Verkörperung des modernen, souveränen Iran. Auch das Raketenprogramm wurde über Jahrzehnte aufgebaut und ist eine echte Konstante im iranischen strategischen Denken. Selbst wenn das Regime durch ein anderes ersetzt würde – das kann man nicht einfach aufgeben. Das ist Teil des Staats und der Staatslogik geworden.