Zum Tod des Sammlers Egidio Marzona: Sein Blick auf die Kunst veränderte die Dinge

Wo Egidio Marzona war, war auch die Kunst. Schwer vorstellbar, ein Gespräch mit ihm zu führen, ohne das Thema bald zu streifen und dann immer tiefer einzutauchen. Es gab schließlich so viel zu sagen: über das Bauhaus, die Arte Povera, den Minimalismus. Marzona, 1944 als Sohn einer italienischen Unternehmerfamilie in Bielefeld geboren, begeisterte sich bereits als Mittzwanziger für die Strömungen der europäischen wie amerikanischen Avantgarde und begann zu sammeln.

Was seinen Blick auf die Kunst vor seiner Zeit ebenso auf wie die unmittelbare Gegenwart besonders machte, war das Interesse an den Prozessen ihrer Entstehung. Egidio Marzona, der am Sonntag in Berlin im Kreis seiner Familie verstarb, erwarb Arbeiten von den Konzeptualisten Bruce Nauman und Robert Ryman, von Jannis Kounellis oder Charlotte Posenenske. Zugleich ging er in den Dialog, sprach mit Künstlern und Künstlerinnen über ihre Ideen – und legte ein Archiv an, das dokumentieren sollte, in welchem Kontext die Werke entstanden. 

Archiv der Avantgarden

Für Marzona waren Einladungskarten, Texte, Plakate, Manifeste und Briefe ebenso relevant wie die Kunst selbst. 1972 eröffnete er in Bielefeld eine Galerie, im Jahr darauf gründete er seinen Verlag „Edition Marzona“, und 1977 entschied er, sich ganz auf die Publikationen zu konzentrieren. Seine Recherchen für Bücher etwa über das damals noch unterschätzte Bauhaus erbrachten zahllose Materialien, aus denen sich Marzonas Archiv der Avantgarden speist: ein Fundus, der die Sammlung einzigartig macht. Dass sie darüber hinaus allen zugänglich sein sollte, war sein Traum.

Innenansicht ADA, © Archiv der Avantgarden, SKD, Foto: Klemens Renner
Innenansicht des Archivs der Avantgarden in Dresden.

© Archiv der Avantgarden, SKD, Klemens Renner

Ein Stück weit erfüllte er sich diesen Traum im Sommer 2002 mit der Übernahme von 600 Kunstwerken durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Ein gutes Drittel davon wurde unter Marktwert von der Stiftung erworben, ein Teil geschenkt, ein weiterer mit dem Recht auf Ankauf geliehen. 2014 kamen noch einmal 370 Objekte als Schenkung hinzu. Da hatte Marzona, der abwechselnd in Berlin und im Friaul lebte, wo er aktuelle Kunst in einem frei zugänglichen Park zeigte, seine Tätigkeit längst auf die gesamte künstlerische Avantgarde des 20. Jahrhunderts ausgeweitet und sammelte enzyklopädisch.

Späte Versöhnung

Später haderte er mit den Konditionen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Eine adäquate Wertschätzung der Archivalien schien ihm nicht gegeben. Nach zähen Verhandlungen um den dritten Teil seiner weiterhin enormen Sammlung bot ihm Marion Ackermann als Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die Möglichkeit eines eigenen Museums an der Elbe. Nach sechsjähriger Bauzeit eröffnete im Mai 2024 das „Archiv der Avantgarden“, überschattet vom plötzlichen Tod seines Sohnes Daniel Marzona, der als langjähriger Galerist in Berlin wirkte und sich dann für das Archiv engagierte.

In ihrem aktuellen Statement erinnert Marion Ackermann an Egidio Marzona als einen „leidenschaftlichen und unermüdlichen Sammler der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, der die künstlerischen und geistigen Bewegungen eines ganzen Jahrhunderts zu erfassen suchte“. Dass sie dies als Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz tut, versöhnt die beiden Orte, an denen sich Marzonas Vermächtnis nun erleben lässt.

„Berlin und auch Dresden verdanken ihm viel, denn er hat seine Sammlungen nach und nach den jeweiligen Museen übergeben, wo sie wie eine Batterie wirken, die immer wieder neue Narrative und Kontexte ermöglicht“, sagt Ackermann. Dennoch verliert Berlin mit ihm eine Stimme, die so einzigartig kämpferisch für die Sichtbarkeit und das Verständnis der Kunst im 21. Jahrhundert eingetreten ist. Egidio Marzona wurde 82 Jahre alt.