Lena Goreliks Roman „Alle meine Mütter“ : Die Scham vor der eigenen Scham

Auf einem Bild aus der Kindheit legt die Tochter die Arme um den Hals der Mutter, die Ältere auf dem Foto ist eine schöne Frau. Später, als die Mutter an Brustkrebs erkrankt ist und von der Chemotherapie gezeichnet, kauft die erwachsene Tochter ihr eine warme Fleecejacke, die ihr Geborgenheit geben soll. So drehen sich die Rollen um: Die Mutter, die langjährige Kümmerin, wird zum Kind, das Zuwendung braucht. Auch wenn sie immer wieder betont, dass sie stark ist – um die Tochter zu entlasten und sich selbst Mut zu machen.

Spielarten des Mutterseins

Lena Gorelik beschreibt in ihrem neuen Buch, das hier nicht ganz zutreffend als Roman gelabelt wird, unterschiedliche Spielarten des Mutterseins. Dabei schreibt sie mal schonungslos und schmerzhaft direkt, dann wieder tastend, vorsichtig. Da sind die Erwartungen der Gesellschaft, dass Mütter zuverlässig fürsorglich und stressresistent sein sollen, da sind die Mütter, die sich als schwach erleben, überfordert, Rabenmütter, die austicken, klammern, in Panik geraten, sich schuldig fühlen, scheitern. Und die immer wieder große Glücksmomente empfinden.

Das Buch

Lena Gorelik: Alle meine Mütter. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. 272 Seiten, 24 €.

© Rowohlt

Im Zentrum steht die Beziehung zwischen der Ich-Erzählerin, hinter der man ein Stück weit die Autorin vermuten darf, und ihrer Mutter. Die Erzählerin ist in einer Sandwich-Position: Sie selbst ist Mutter von zwei Söhnen, hinterfragt mitunter die eigene Muttertauglichkeit, gleichzeitig ist sie auch Tochter, die mit kritischem Blick auf die Eignung ihrer eigenen Mutter schaut.

Gefühl und Empathie

Eine einfache Frau, in Russland geboren, die später mit der Familie nach Deutschland auswandert, als die Tochter noch ein Kind ist. Die immer in Aktion ist, sich niemals ausruht, nicht selten hat sich die Tochter einsam gefühlt neben ihr. Und trotzdem hat es die Mutter geschafft, ihr immer wieder ihre Liebe zu zeigen, ihr „Gefühl und Empathie“ zu vermitteln, das, was wirklich wichtig ist im Leben.

Nähe und Fremdheit, Fürsorge und Selbstbehauptung – es sind viele Ambivalenzen, die dieses Mutter-Tochter-Verhältnis ausmachen. Die Erzählerin springt in den Zeiten, zwischen der Mutter, mit der sie aufwächst, und der alten, kranken Frau, die gegen die eigene Hilflosigkeit ankämpft. Die Tochter ist, anders als die Mutter, eine Frau der Worte, sie kann die Beziehung der beiden mit Sprache vermessen, Klarheit gewinnen, ohne die Ambivalenzen kitten zu müssen.

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In anderen Szenen lernen wir Facetten des Mutterseins bzw. Nichtmutterseins kennen, die durchaus brutal sein können. Eine der stärksten Szenen findet sich gleich am Anfang: Gorelik führt uns in eine sowjetische Abtreibungsklinik, folgt einer Frau, Maschutka, die in die Klinik eilt, um es schnell hinter sich zu bringen.

Soldatenmutter

Sie muss eine Nummer ziehen, später auf einer dieser Liegen Platz nehmen, wo sie sich das Kind wegmachen lässt, ihre Mutterschaft ist beendet. Die Autorin beschreibt die Klinik mit beklemmender Intensität. Die Frauen hier werden zu Nummern, individuelle Zuwendungen und Ermunterungen sind im bürokratischen Ablauf nicht vorgesehen.

Ein anderes Mal nähert sich Lena Gorelik den Müttern, deren Söhne im Krieg gestorben sind. Da ist zum Beispiel die Mutter, die sich erinnert, wie ihr Sohn in seiner Soldatenuniform von anderen bewundert wird. Auf seiner Abschiedsfeier wird Musik gespielt, heitere Bandura-Klänge. Sie selbst kann nicht aufhören zu weinen an diesem letzten Abend, bevor er in den Krieg ziehen muss. Nach seinem Tod stehen ihr vom Staat Ausgleichszahlungen zu – sie selbst kann mit dem „Todesgeld“ kaum etwas anfangen. In wenigen Strichen erzählt Gorelik von dieser Mutter, deren Leben zerbrochen ist, schmerzhaft und unsentimental.

Auch die Mutter, die sich im ICE dafür schämt, dass ihre behinderte Tochter laute, krächzende Geräusche macht, nach ihr schlägt, geht ans Herz. Nicht, weil sich die Mitreisenden nach dem auffälligen Mutter-Kind-Paar umdrehen, sondern weil sich die Mutter dafür schämt, sich geschämt zu haben – das Kind kann schließlich nichts für das, was es tut. Die Scham vor der eigenen Scham – solche feinfühligen Pointen gelingen der Autorin immer wieder.

Nicht alle Geschichten im Buch sind gleich stark, manche haben Längen. Insgesamt aber ist diese mehrstimmige, kondensierte Spurensuche überzeugend. „Alle meine Mütter“ ist ein subtil austarierter Resonanzraum darüber, wie Mütter unsere Identität, unser Selbstverständnis prägen, sogar über ihren Tod hinaus. Lena Gorelik gelingt es, Alltagsszenen so zu beschreiben, dass sie nicht banal erscheinen, und große Gefühle so einzufangen, dass sie niemals peinlich wirken – dafür aber anrührend und authentisch.