Ghost Stories: Siri Hustvedt schreibt über ihr Leben mit Paul Auster.

Siri Hustvedt und Paul Auster galten als intellektuelles Traumpaar der Gegenwartsliteratur. Bis zu seinem Tod verbrachten sie 43 Jahre zusammen – in geistiger Nähe und großer Liebe zueinander und zur Literatur.

"Was wäre, wenn ich dir nicht begegnet wäre?" – Eine Frage, die Paul Auster seiner Frau Siri Hustvedt während ihrer 43-jährigen Ehe oft stellte. Wie wären ihre Leben verlaufen, wenn die 26-jährige Nachwuchsdichterin Siri Hustvedt am 23. Februar 1981 nicht zu einer Lesung in Brooklyn gegangen wäre, wenn sie dort nicht dem 34-jährigen Dichter Paul Auster vorgestellt worden wäre.

Wachstum, Bewegung und intellektueller Austausch prägten die Beziehung des New Yorker Schriftstellerpaars bis zuletzt. "Was sich zwischen uns bewegte, war lebendig", so Hustvedt. "Wir haben einander genervt, geärgert, gereizt, aber nie gelangweilt. (...) Wir redeten und redeten und redeten." An die Elektrizität ihres Dialogs und an ihre intellektuell-erotische Verbindung erinnert sich Hustvedt besonders gut. Als sich die beiden Anfang der 80er-Jahre trafen, stand sie am Beginn ihrer Karriere. Auster bewunderte die junge Frau und Dichterin, die ihn ihre Texte lesen ließ. "Kein Gegenüber ermunterte mich so wie Paul (...)", erinnert sich Hustvedt. Von Anfang an begegneten sie sich auf Augenhöhe. Als 1993 ihr erster Roman "Die unsichtbare Frau" erschien, mutmaßte ein Journalist, so ein Buch könne nur von Auster stammen. Der äußerte sich dazu immer wieder öffentlich und stellte klar: "Siri ist einer der klügsten Menschen, die mir je begegnet sind. Sie ist die Intellektuelle in der Familie, nicht ich."

43 Jahre lang lektorierten sie ihre Werke gegenseitig. Beide beschäftigten sich in jeweils eigener Form mit verwandten Themen wie etwa Identität. Sie ließen einander bewusst als Figuren in ihren Büchern auftauchen – etwa als "Siri" in "Stadt aus Glas" oder als "Boris" in "Der Sommer ohne Männer". Doch vor allem der unbewusste Einfluss auf den jeweils anderen, der durch eine "gemeinsame Geistesverfassung" entstand, war für sie von entscheidender Bedeutung.

Abschied vom "Wir": Siri Hustvedt, Ghost Stories – Erinnerung an Paul Auster

»Ghost Stories«: In diesem großen Werk der Erinnerung werden Fragen aufgeworfen, die alle Menschen angehen

Das Schriftstellerpaar war symbiotisch miteinander verbunden und ließ sich dennoch Raum und Geheimnisse. Blickt Hustvedt auf ihre gemeinsamen Jahre zurück, sieht sie vor allem eines klar. "(...) Weil ich ihn hatte, bin ich nicht, die ich war, als ich ihn kennenlernte, sondern jemand anderes – besser, wärmer, robuster, klüger." Paul Auster erkrankte im Dezember 2022 an Krebs. Am 30. April 2024 starb er in ihrem gemeinsamen Haus in Brooklyn. Es war das Haus ihrer Liebeserklärungen, Dispute und Gewohnheiten – das Haus eines langanhaltenden Dialogs, der nun beendet ist. Als Auster stirbt, beginnt die Hustvedt zu schreiben. In "Ghost Stories" nähert sie sich dem Tod ihres Mannes, findet Worte für ihren Verlust und für ihre Trauer und setzt ihrer großen Liebe ein literarisches Denkmal. Über ein Buch der Erinnerung und Geistergeschichten, die Trost spenden.

"Ich lebe. Mein Mann, Paul Auster, ist tot. Er starb am 30. April 2024 um 18 Uhr 58 hier im Haus in Brooklyn, wo ich jetzt diese Worte schreibe." So beginnt Siri Hustvedts Memoir "Ghost Stories – Ein Buch der Erinnerung". Nur wenige Tage nach seinem Tod folgt sie ihrem ersten Impuls und fängt an zu schreiben – über den Schriftsteller Paul Auster, ihren Ehemann, und über die 43 Jahre ihres gemeinsamen Lebens.

Paul Austers letzter Roman: »Baumgartner« erschien im November 2023

Das Denkmal einer Liebe

Auf 400 Seiten baut Hustvedt ein Denkmal aus Fragmenten. Sie teilt "Nachrichten aus Krebsland", E-Mails, mit denen sie Freundinnen und Freunde Austers bis kurz vor seinem Tod auf dem Laufenden hält über das, was in "Krebsland, diesem seltsamen Ort", vor sich geht. Sie gewährt Einblick in Tagebucheinträge, in ihre Trauer, die "an manchen Tagen kommt, wie ein scharfer Wind", der sie umhaut oder ihren Geist "kognitiv splittert". Sie trägt Austers Jacke, isst seine Lieblingsspeisen und benennt klar, was ist. "Paul Auster, seit dreiundvierzig Jahren mein Mann, ist tot, und ich kann ihn nicht zurückbekommen, nicht so, wie ich ihn haben will, nicht als atmenden Körper mit schlagendem Herzen, warm wie ein Ofen in unserem Bett (...)." 

Doch die "Ghost Stories", so sagt Hustvedt, sind keine "Biografie des Abgrunds", sondern auch Love Stories. Sie schreibt Geschichten über Siri und Paul, geht gedanklich zurück an die Anfänge ihrer großen Liebe zu Beginn der 1980er-Jahre in New York. Sie öffnet Schachteln, findet alte Fotos, Zettel, Postkarten und Faxe mit Liebesbotschaften, liest Songtexte und handgeschriebene Briefe, von denen einige Teil des Buches geworden sind. 

Hustvedt schreibt aus dem Bedürfnis heraus, etwas von ihrem Mann "aufs Papier zurückzubringen." Das gelingt ihr auch, indem sie Auster selbst zu Wort kommen lässt. In ihre Erinnerungscollage ist sein letztes Buchprojekt Briefe an Miles eingebettet, dass er im März 2024 beginnt und nicht mehr vollenden kann. Er schreibt an seinen damals zwei Monate alten Enkel, erzählt ihm Geschichten über sich und seine Familie. Insgesamt sieben dieser Briefe sind in "Ghost Stories" zu finden.

Kurz vor seinem Tod sagt Auster zu seiner Frau: "Ich will ein Geist sein." Er wolle zurückkehren, um zu sehen, wie es ihr gehe, was sie schreibe. Er wolle, dass sie ihren Roman vollende, die Musik ihrer Tochter höre und den gemeinsamen Enkel aufwachsen sehe. Je mehr Zeit vergeht, desto häufiger überdeckt das Jetzt Hustvedts Trauer. Etwa, wenn sie Miles beobachtet oder ihr die Sonne ins Gesicht scheint.

"Ghost Stories", ist Hustvedts erstes Buch, das ihr Mann nicht vor der Veröffentlichung gelesen hat. Während des Schreibens hatte sie aber seine Stimme in ihrem Kopf. Ein Satz, den Auster Zeit seines Lebens liebte, stammt von dem Philosophen Ludwig Wittgenstein. Er lautet: "Man lebt in den Seiten eines Buchs." Hustvedt hat diesen Satz für sich adoptiert: "Wir lebten beide in den Seiten von Büchern." Und es stimmt: In "Ghost Stories" sind Siri UND Paul lebendig.