Zum Tod von Peter Sempel: Auf Erlebnissuche mit Blixa Bargeld, Nina Hagen und den anderen
Peter Sempel sei einer jener Menschen, hat der leider auch schon verstorbene Kollossale-Jugend-Musiker Kristof Schreuf einmal geschrieben, „deren Talent schwer zu definieren ist“. Das allerdings hielt Sempel nicht davon ab, seinen diffusen Talenten als Filmemacher freien Lauf zu lassen und vor allem Filme über Musiker und Musikerinnen zu drehen, deren Talent auf keiner Musikhochschule eine Chance bekommen hätte. Ihre Namen: Blixa Bargeld, Nina Hagen, Lemmy Kilmister, Peter Brötzmann oder Dieter Meier von Yello.
Berühmt wurde er mit „Dandy“
So unterschiedlich diese im Einzelnen sind und sich entwickelt haben, wäre der Überbegriff für sie Punk, und Punk war neben dem Kino eine der Leidenschaften des 1954 in Hamburg geborenen Sempel. Der „taz“ hat er einmal in einem Interview gesagt, dass er immer ins Kino, auf Punkkonzerte und in die Oper gegangen sei: „Das waren drei Hobbys, und ich habe die im Kino nie zusammengesehen. Aber Bilder zwingen sich auf bei der Musik.“
Aufgewachsen in Australien, wohin seine Eltern ausgewandert waren, kehrte Sempel Ende der sechziger Jahre nach Hamburg zurück und begann später, amerikanische Literatur und Sport zu studieren. Von 1981 an drehte er erste experimentelle Kurzfilme wie „Augen“ mit Musik von Beethoven oder „Der alte Mann und das Fahrrad“, auf die mit den Poe-Adaptionen „Wild Raven“ und „Burning Raven“ erste längere Arbeiten folgten, bei denen Mona Mur und die Neubauten für die Musik verantwortlich waren.

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Mit „Dandy“ wurde Peter Sempel dann zu einer Underground-Berühmtheit, einem Film über Blixa Bargeld, in dem unter anderem auch Campino, Nick Cave oder erstmals auch Nina Hagen zu sehen sind und mit Bargeld zusammen Nonsense-Dialoge sprechen. „Weißt du, wie spät es ist“, fragt Campino Bargeld, und der antwortet: „Null Uhr war es vor einem Moment.“ Campino bestellt dann zwei Cola, sagt „Null Uhr, zero o clock, das heißt Nichts“ und Bargeld sagt: „Perhaps. Ask Martin Heidegger.“ So philosophierte man tapfer über die Minute Null, dazu gab es viel Musik und Bilder aus einer post-industriellen Welt.
Sempel hatte sich einen Namen in der Szene gemacht, drehte Filme über Nina Hagen („Nina und Ananda“ und „Punk & Glory“) und Lemmy von Motörhead, nannte sie selbst „Musik-Psycho-Dokumentationen“ und wurde „zu einer Art Onkel des Golden Pudel Clubs“, wie ihn Kristof Schreuf kurzerhand und in einem Anfall von Begeisterung mutmaßlich mehr über den von Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun betriebenen Club bezeichnete, in jedem Fall zu einer Hamburger Figur, die in der Stadt viel in eigener Sache unterwegs war.
Drei Filme über Jonas Mekas
Trotzdem zog es ihn ebenso viel in die weite Welt völlig unterschiedlicher Künste: Er drehte unter anderem eine Hommage an den japanischen Tänzer Kazuo Ohno, „Just Visiting this Planet – die Winterreise“, und eine an Jonathan Meese; er begab sich in Andalusien, Japan und Indien auf die Spur des Flamenco („Flamenco La Vida“) und setzte mit gleich drei Porträts dem 2019 verstorbenen litauisch-amerikanischen Filmemacher Jonas Mekas ein Denkmal.
Mekas hatte er bei den Dreharbeiten für den Ohno-Film kennengelernt, als Avantgarde-Filmer ein Bruder im Geist von Sempel, nur berühmter, mit insbesondere seinen Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre entstandenen Tagebuchfilmen „Walden“, „Lost, Lost, Lost“ und „Reminiscences of a Journey to Lithuania“.
Fast jeder Sempel-Film ist ein Ereignis, ohne dass man immer genau weiß, welche Idee genau dahintersteckt, was Sempel wiederum egal war: „Was ich nicht erklären kann, halte ich fest, damit ich es nochmal erleben kann“, hat er einmal gesagt. Sein letzter Film „Artistas“, im vergangenen Herbst erschienen, ist eine Porträtcollage von 42 Künstlerinnen, unbekannten wie bekannten wie Doro Pesch oder Schauspielerin Hildegard Schmahl, von ihm selbst eingeordnet als „experimentelle Kunst-Collage von/mit wundervollen Künstlerinnen, die ein abenteuerliches Mosaik ergeben“.
„Artistas“ ist nun sein Vermächtnis zu Lebzeiten geworden. Wie jetzt erst bekannt wurde, ist Peter Sempel schon vergangene Woche in Hamburg gestorben. Er wurde 72 Jahre alt.