Die Musik ist eine Punktlandung
Um uns zu erinnern, dass das Internet ein höchst erfreulicher Ort sein kann, kann man zuletzt zwei Gestalten auf Instagram sehen: Sie haben lange, bizarre Pappmachénasen und gepunktete Körper in Schwarz und Weiß, während beide, einer am Schlagzeug, einer mit einer doppelhalsigen Gitarre (inklusive Bass), überaus erratisch komplexe Musik spielen. Ebenfalls erfreulich, dass der Gitarrist einen riesigen Kanister auf dem Kopf trägt, die Nase des Schlagzeugers hin und her schleudert und beide nur allenthalben metallische Grunzlaute von sich geben wie ein Eimer mit schwerem Liebeskummer. Es handelt sich bei diesem Video um ein Konzert der Band Angine de Poitrine für den US-Radiosender KEXP. Angine de Poitrine bedeutet im Übrigen Brustenge, was ein prima Name ist, sogar ein ziemlich guter, irgendwo oben links tut es den Menschen aus verschiedenen Gründen ja öfter mal weh. Die Band nennt ihr Projekt "Mantra-Rock Dada Pythago-Cubist Orchestra", was sich erstens genauso funky anhört wie die Musik und was man zweitens in seiner Virtuosität als Rache an der künstlichen Intelligenz begreifen kann oder als verspätete Autoimmunreaktion eines gnadenvollen Weltgeistes nach zwei Jahrzehnten Taylor Swift, einem Vierteljahrhundert Coldplay und diesen deprimierenden Nächten, in denen doch wieder nur die musikalische Konkursmasse aus Döpdöpdöp läuft. Das Duo erinnert daran, dass die beste Musik oft die ist, die man nicht sofort mitzählen kann und bei der man sich hernach angenehm kariert fühlt von all den rhythmischen Schleudergängen und mikrotonalen, dissonanten Turbulenzen. Es muss erwähnt werden, dass Angine de Poitrine zwei Außerirdische darstellen sollen, was selbstredend reizend wäre, wenn es stimmte. Schon allein ihren Planeten will man unverzüglich besuchen: wo alle Bewohner mit diesen neutralen Gesichtsausdrücken herumlaufen und in melancholischen Blechlauten in eine Welt reinrufen, die aussehen muss, als sei Yayoi Kusama persönlich als Innenarchitektin eingestellt worden. Wie man hört, kleine Enttäuschung, stammen die beiden allerdings aus Quebec in Kanada, was in den Kommentaren ihrer Videos allerdings tröstlicherweise für die Rubrik "obskurer Planet" genügt, "very quebecois" steht da zum Beispiel, als sei damit alles gesagt. Vielleicht ist es das auch.