„Wir müssen uns bis an die Zähne bewaffnen“

Der Wanderdichter sieht für ein Abenteuer angemessen übernächtigt aus. Bei Kassel hat Steffen Kopetzky im Auto übernachtet. Von Pfaffenhofen in Oberbayern, woher er stammt, ist er in den Harz gekommen. Augen auf bei der Sujetwahl.

Kopetzky hat sich den Ruf eines deutschen Meisters in der Verfertigung von hochspannenden, mit Wissen vollgepackten Labyrinthen aus Gegenwart und Geschichte erschrieben. Genreverspielte Erkundungen der Übergänge von Wissen und Kultur waren „Monschau“, „Risiko“ und zuletzt „Atom“. Literarische Geostrategiespiele voller Bezüge zwischen der deutschen und europäischen Vergangenheit und der Welt, in der wir heute leben. Kopetzky ist ein ständig wacher historischer Sachensucher und Querverbindungsfinder. 

Dann brauchte er – komplizierte Pläne für einen Roman rund um den Kyffhäuser auf dem Schreibtisch – eine Pause. Eine Art Gesundheitsreise. Wegen der sind wir heute hier im steinkalten, verregneten Wernigerode, einem fast schon verlogen schönen Fachwerkidyll in Sachsen-Anhalt am Fuß des Brockens. Kopetzkys Verleger hatte ihm den Bericht einer anderen Gesundheitsreise anempfohlen, die vor ziemlich genau 200 Jahren erschien. Als eine Art Heimaterforschung im Drei-Bundesländer-Eck.

Heinrich Heine war 1824 losgewandert, 26 Jahre alt und kurz vor dem Juraabschluss – vom verhassten Göttingen, wo er studiert hatte, durch eine Landschaft im radikalen Wandel, über den Brocken, den mythischen Berg der Deutschen, bis nach Weimar am Ende, zu Goethe, mit dem er sich herzlich nicht verstand. Er war gut zu Fuß, sagt Kopetzky. 

„Nichts ist dauernd als der Wechsel“, dieser Börne-Satz war eins von Heines Motti. Nicht wie der Brocken von oben her schaute Heine auf die Welt um ihn herum, sondern von unten, von den Menschen, denen er begegnete. Die „Harzreise“ wurde das Debüt des hochbegabten Spötters und gnadenlos liebenden Analytikers des Deutschen. Sie machte ihn berühmt.

Kunst des stilvollen Wanderns

Steffen Kopetzky, er hält sich mit stundenlangem Seilspringen fit, stammt aus einer nicht eben wanderaffinen Familie, las zur Recherche Heine. Las Werner Herzogs „Vom Gehen im Eis“, das alte Testament der neueren deutschen Wanderliteratur, und vor allem Stephen Grahams „Die Kunst des stilvollen Wanderns“, eine herrliche Einführung in die Philosophie des Wanderns, ein Aufruf zum allmählichen Erkunden der Welt mit den Füßen, der jetzt gerade hundert Jahre alt wird.

Er packte nur das Nötigste, der Laptop blieb daheim, Notizbücher kamen mit, Wanderstöcke, ein paar kurze Hosen aus dem Ausverkauf, ein Fischerhut (eine Hautärztin machte sich Sorgen um seine Ohren und drohenden weißen Hautkrebs) und Wanderstiefel, die ein letztes Geschenk seines inzwischen verstorbenen Bruders waren. 

Bis auf die Wanderschuhe, die am Ende der 160 Kilometer, die Kopetzky auf Heines Spuren in gut zwei Wochen gewandert ist, mürbe waren, aber daheim in Pfaffenhofen aufbewahrt werden, hat er alles dabei. Wir können los.

Bringt Tausende im Jahr auf den Brocken: Die Schmalspurbahn

Mit der Schmalspurbahn auf den Brocken, so ist der Plan. Vom Brockenhaus dann runter nach Schierke wandern, ein inzwischen eher prekärer Ort, von wo der deutsche Wintersporttourismus seinen Ausgang nahm, von da wieder mit der Bahn zurück nach Wernigerode. Heine hätte auch die Bahn genommen. Konnte er aber nicht, sie fährt seit 1899. 

Oben soll es schneien. Kalt ist es da immer, 1142 Meter ragt der Brocken über die norddeutsche Tiefebene, und garstigen Wind aus Westen hat es auch ständig. Drei Grad sind es im Durchschnitt. Kopetzky leiht sich Handschuhe. Seine Hände sind empfindlich. Dann schreitet er aus. Er hat ein ordentliches Tempo.

Da, wo es raucht über Wernigerode, müssen wir hin. Weit ist es erst einmal nicht. Im Waggon ist die Heizung ausgefallen. Wir wollen nicht klagen. Die deutsche Mäkelei, der Hang, sich selbst kleinzureden, geht Kopetzky auf die Nerven.

Den Kleinmut, die Angst, den Verlust, sich etwas zuzutrauen, den verlorenen Glauben an eine gute Zukunft – das bilanziert er alles am Ende der Begegnungen auf seiner „Deutschlanderkundung“. Und doch ist sein Reisebericht kein literarischer Katastrophentourismus. Wo Gefahr ist für Deutschland, glaubt er mit Hölderlin, einem der Hausheiligen seiner Harzfahrt, wächst das Rettende auch.

Gegen den Druck auf den Ohren und die zunehmende Kälte werden Liköre gereicht – der legendäre Kräuterschnaps Schierker Feuerstein vor allem. Es geht durch einen Friedhof der Fichten. Der sieht in Nebel und Schnee extrem apokalyptisch aus. Selbst die Bäume, die scheinbar dem Sterben trotzen, sind tot, sie wissen es bloß noch nicht. Sagt Kopetzky.

Der Wald ist im Wandel, wie der Harz insgesamt ein Spiegel ist für den Transformationsprozess des ganzen Landes. Das war er schon zu Heines Zeiten. Abgeholzt für die Industrialisierung, für Gruben und Holzkohlemeiler. Heute stirbt nicht der romantische deutsche Mischwald, der nun allmählich nachwächst. Heute stirbt, was in Monokultur angepflanzt wurde nach dem „Reparationshieb“ für die Briten in den Fünfzigern.

Ein bunter deutscher Wald

Und nicht der Borkenkäfer war schuld, wehrt Kopetzky Monokausalbegründungen ab, nicht der Klimawandel. Die Ursachen der Krise sind – wie die Ursachen der Krise überhaupt in Deutschland – vielfältig. Was stirbt, wird liegengelassen. Die Natur erholt sich, ein neuer nachhaltiger Wald wächst. Ein bunter deutscher Wald. Ein Urwald. 

Das Schneetreiben nimmt zu. Vielleicht sollten wir nachher doch nicht herunterwandern. Obwohl das Kopetzky gut getan hat, das Wandern. Eine Art therapeutisches Schreiten. Diese Verlangsamung, der Schmerz auch und seine Bewältigung. Das Gefühl, als kleiner Held am Abend in eine neue Stadt zu kommen. Das Einswerden von Denken, Gehen und Schreiben, wenn er im Hotel saß und mit der Hand schrieb, was ihn – wie der Umgang mit analogen Karten – zurückbrachte in die Kindheit, „als man noch Entdecker spielte und Abenteurer und Pionier“.

Die Doppelbewegung aus Wanderung durch die Gegenwart und hinein in einen begehbaren, unendlich weiten Geschichtsraum. Die Erfahrung der Demut vor dem, was Menschen im Wandel immer schon geschafft haben. Und die Hoffnung, dass Deutschland am Ende jener Harzreise, die Kopetzky seinem Land sehr wünscht, neu und frei und europäisch zurückkommt.

Wir sind am Brockenhaus. Dem Dichter fliegt der Fischerhut fast vom Kopf. Eine Nordlandfahrt könnte nicht kälter sein. Man sieht nichts. Wird vom schneidenden Wind am Heine-Denkmal vorbei in die Brockenhausgastronomie geweht. Es ist ein wenig trostlos da. Auch eine Transformation. Demnächst gibt’s hier Barbecue und Erlebnisgastronomie und Countrymusic.

Der alte Brockenwirt hat aufgeben müssen. Wegen Personalmangel. Ein Lied, das sich wie ein Cantus firmus durch Kopetzkys Buch zieht. Symbol für einen Wandel, der sich vor allem im ehemals westdeutschen Teil des Harzes zeigt. Der ist ein Argument für ein Sofortprogramm Aufbau West. Im Harz ist der Westen der Osten, sagt Kopetzky. Sterbende Städte, leerstehende Gastronomie, Abwanderung der Jungen. Ganze Städte, sagt Kopetzky, müssen sich neu erfinden. 

Vom Wandel des Tonfalls war er erschüttert, als er kurz nach dem Überschreiten der Grenze ins Sachsen-Anhaltinische in Bad Harzburg in der Kneipe saß. Er ging wie Heine überall in Wirtshäuser und Restaurants, um den Volkston abzuhören. Davon, wie sehr Deutschnationales im ehemaligen Osten inzwischen Common Sense ist, wie sehr Migration zum einzigen Gesprächsthema wird und wie offen Migrantenhass und Hass auf die Brüsseler Bürokratie zur Schau gestellt werden, davon war er schon überrascht.

Durchfroren in der ein wenig apokalyptischen Brockengastronomie: Steffen Kopetzky

In einer Gegend, die ihren Wohl- und Zustand zu nicht geringen Teilen EU-Subventionen verdankt und in der mindestens jeder zweite in der Gastronomie migrantische Wurzeln hat, in einem Bundesland mit einer Geburtenrate, sagt Kopetzky, die sogar noch niedriger ist als die in Russland – irre sei das. 

Er sei da sehr ergebnisoffen hingekommen, hätte gern einen netten AfDler getroffen, traf aber keinen. Was ihn um den Schlaf bringt, sind aber ohnehin weniger die vermeintlichen Nationalisten als Gedanken an eine Transformation, die schon Heine, den großen Europäer, umtrieb. Dass nämlich die Deutschen, „wenn wir überhaupt noch eine Chance haben wollen, uns zwischen den Großmächten mit unserem Kontinent ohne Freunde zurechtzufinden und unsere Wirtschaft zu sichern und gehört zu werden in der Welt, das nur als Vereinigte Staaten von Europa hinbekommen“. Wenn wir unsere kulturelle Identität bewahren und eine tatsächlich politische Einheit wagen – „und uns, weil uns keiner helfen wird, bis an die Zähne bewaffnen“ –: Steffen Kopetzky ist lebenstüchtiger Skeptiker und hoffnungsloser Optimist.

Wir sind wieder in Wernigerode. Es regnet noch. Das Glück, die Schrecken des Eises und der Finsternis überlebt zu haben, wärmt mehr als jeder Schierker Feuerstein. Man kommt mit Steffen Kopetzky herunter vom Berg wie aus dem Buch: mit mehr Bewusstsein fürs Land und die beglückenden (und gefährdeten) Tiefenschichten seiner Geschichte. Und mit einer Glücksoffenheit und Zuversicht, die vielleicht nur entsteht, wenn man zu Fuß unterwegs ist. Nichts ist dauernd als der Wechsel. Es muss nicht immer jener zum Schlechten sein.