Zum Tod von Georg Baselitz: Der letzte große Expressionist
Einfach eklig, diese Füße. Übergroß nehmen sie jeder eine ganze Leinwand ein: nackte, aufgeschwollene, rosa-gelbliche, abgehackte Klumpen menschlichen Fleisches. Der erste Impuls ist Wegschauen, zu unangenehm. Warum malt einer so etwas? Da war Baselitz etwa 25 und ein aufmüpfiger junger Kerl mit jeder Menge Wut im Bauch und noch mehr Selbstbehauptungswillen.
Traumatische Erinnerungen aus den letzten Kriegstagen rumorten im Kopf. Unlängst hatte er von Ost nach West herübergemacht, wie andere auch, etwa Gerhard Richter. Später, man schrieb schon das 21. Jahrhundert, rangierten sie beide Jahr für Jahr unter den Top 3 der weltweit gefragtesten Künstler, jedenfalls laut dem Kunstkompass der deutschen Zeitschrift Capital.
Baselitz hat in Imperia bei Genua gelebt und am Ammersee in Bayern, er kaufte sich mal ein Schloss in Niedersachsen und ließ sich zuletzt in Salzburg nieder. Wobei er gerne zwischen mehreren parallelen Ateliers und Lebensorten wechselte. Immer wenn ihm die Decke auf den Kopf fiel, zog er um. Dann kam oft eine neue Phase. In Berlin hielt er es nur zu Studentenzeiten aus. Da fand und heiratete er seine Frau Elke, sie bekamen zwei Söhne. Und er provozierte einen Skandal, was zu Beginn einer Malerkarriere ja nie schaden kann.
Schon als Schüler eckte er an
Georg Baselitz hat in Interviews gerne erzählt, wie er mit seinem Widerspruchsgeist schon als Schüler aneckte, immer unvernünftig, renitent. Dass aus so einem ein Künstler wird, zumal wenn er aus einem Dorf in der sächsischen Oberlausitz stammt, liegt nicht nahe. Oder eben doch. Freiheit allerdings hielt er für einen unbrauchbaren Begriff. Er wollte einfach malen. Den Namen seines Dorfes hat der Künstler weltberühmt gemacht, denn ihn nahm der gebürtige Hans Georg Kern 1961 als seinen eigenen an. Das „Deutsch“ von „Deutsch-Baselitz“ ließ er allerdings lieber weg.
Trotzdem wurde Baselitz zu einem Maler deutscher Befindlichkeiten. Der große internationale Erfolg in den USA kam in den 1980er Jahren. Dort nahm man ihn ernst und ging davon aus, dass er als Deutscher sein Publikum nicht einfach nur veräppeln wollte. Dieser Baselitz brachte ein Markenzeichen mit, das sich sofort einprägte. Kopfstand der Motive, auf so eine Strategie muss ein Künstler erst einmal kommen.
© Andreas Klaer
Baselitz demonstrierte damit, dass er die gewohnten Ordnungen nicht zu akzeptieren bereit war. Und er demonstrierte Könnerschaft, indem er seine Bilder ja verkehrt herum malte und nicht einfach nachträglich kopfüber drehte. Anfangs war es nur ein Trick, um sich loszumachen von den inhaltsschweren, aufgeladenen Themen. Doch Baselitz blieb dabei und zog es durch, lebenslang.
Für ihn war die Motivumkehr eine Möglichkeit, sich auf malerische Fragen zu konzentrieren, so betonte er. Doch für das Publikum funktionierte das nicht so ganz. Das Motiv blieb ja erkennbar. Nur schwerer lesbar waren Baselitz’ Bilder fortan. Diese Irritation blieb, ob er sich nun Stillleben, sogar mal eine Landschaft oder wie meistens Figuren vornahm. Die Vorlage bildeten Fotos.
Seine Bilder erzählen nicht, sie behaupten
Seine Lieblingskomposition war simpel: Eine Figur beherrscht frontal die Leinwand. Oft ist es der Künstler selbst, als immer verfügbares Modell; oder seine Frau Elke, die seit Studienjahren an seiner Seite blieb. Baselitz’ Bilder erzählen nicht, sie stellen etwas hin, hinterfragen und behaupten es.
Dass raumgreifende Formate besser funktionieren, wusste er, seit er als Student die Westberliner Schau „Neue amerikanische Malerei“ mit Pollock und Co. sah. Ein Jahr lang versuchte auch Baselitz sich seinerzeit in der großen neuen Freiheit der Abstraktion. Dann entschied sich der Meisterschüler des Informel-Malers Hann Trier, in die Gegenrichtung zu schwimmen, und dockte stattdessen an die figürliche Tradition an.
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In der DDR hatte man ihn wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ 1957 von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee entfernt, zuvor in Dresden gar nicht erst angenommen. Im Westen sei er, so verriet er später, mit einem Schuhkarton durch die Akademieateliers seiner Mitstudierenden gezogen, um die noch feuchte, abgekratzte Ölfarbe verworfener Bilder einzusammeln, als Gratismalmaterial. Eine Riesensauerei wollte er machen mit dem schlammartigen Farbbrei.
Als eine Galerie in Kurfürstendammnähe die Bilder ausstellte, kam die Staatsanwaltschaft und ließ sie beschlagnahmen. Das Skandalbild „Große Nacht im Eimer“ von 1962/63 hängt heute im Museum Ludwig. Schöne Scheiße: Ein dünner Rotzlöffel mit erigiertem Penis ist beim Onanieren zu sehen. Unappetitlicher noch ist dessen entstelltes Pickelgesicht, ein zermantschtes Farbgemenge à la Francis Bacon. Die Riesenpimmel blieben noch eine Weile Standardrepertoire, waren aber bald kein Aufreger mehr.
Die „Helden“, seine vielleicht wichtigste Werkgruppe, übernahmen Mitte der 1960er. Kräftige Typen in abgerissenen Militärklamotten stolpern da isoliert durch menschenleere Trümmerlandschaften. Viel zu kleine Köpfe haben diese Kriegsheimkehrer. Manche schwenken eine rote Flagge. Andere sind in eine Fuchsfalle geraten. Wenn diese Männer toxisch sind, haben sie sich auch selbst vergiftet. Eines der rund 60 Helden-Bilder heißt „Ein moderner Maler“ und gehört der Berlinischen Galerie. Es ist, natürlich, auch Selbstreflexion. Aber eben nicht nur.
Noch im Alter arbeitete Baselitz immer in Serien, mit Variationen bis zur Motiverschöpfung. Sich an Körperlichkeit abzuarbeiten, blieb virulent. Seine späten Serien zeigen nackte Leiber vor dunkler Leinwand. Geisterhaft ausgezehrt, schon fast wie Skelette, thematisieren sie rückhaltlos das eigene Altern.
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So fragil, so anrührend waren Baselitz’ Figuren nie gewesen. Linear ausschwingende helle Farbspuren umkreisen die Körper auf diesen Selbstbildnissen und Doppelselbstbildnissen. Es sind die Spuren des Rollators, mit dem der Künstler sich über die auf dem Atelierboden ausgebreiteten Großformate und durch die noch frische Farbe bewegte.
Der Maler war auch ein hochproduktiver Grafiker, ob klassische Radiertechnik, Holz- oder Linolschnitt. Und er war Sammler. Bei einem Stipendiumsaufenthalt in Florenz stieß der junge Künstler auf die Manieristen des 16. Jahrhunderts, deren antiharmonische Konzepte ihn begeisterten. Später kamen afrikanische Skulpturen dazu. Auf deren Präsenz antwortete der Künstler mit eigener Aktivität: Ungeschlacht mit der Motorsäge begann er in seinem Atelier im italienischen Imperia ganze Zedernstämme zu traktieren.
Seine erste Holzfigur wuchtete er 1980 in den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Kritiker sahen in dem ausgestreckten Arm einen provokanten Hitlergruß. Baselitz bestritt. Die expressionistische Formensprache jedenfalls war eine Hommage an die sächsische Bande der „Brücke“-Künstler. Weitere Skulpturen folgten. Etwa die Monumentalköpfe der Dresdener „Frauen“, Trümmerfrauen.
Da sitzt er nun und denkt. Fast wie Rodins berühmter Denker, nur in Blau. Und viel größer, im Holzfällerstyle zurechtgesägt, hat Baselitz sein Alter Ego. So hat ihn sich die Nationalgalerie vor ihren Hamburger Bahnhof gestellt, in Bronze zu dauerhafter Präsenz gegossen. Aber denkt er überhaupt? Hochhackige Schuhe trägt dieser Typ an den Füßen. Macht er sich damit nicht lächerlich? Und wenn schon, davor hatte Baselitz keine Scheu. Auf seinem weißen Basecap steht ZERO. Diese nihilistische Losung ist platterdings auch der Herstellername seines Farbenlieferanten aus Bad Oeynhausen.
Baselitz wusste aus allem etwas zu machen. Wenn ihm nichts mehr einfiel, zögerte er nicht, sich zu wiederholen und alte Motive noch einmal zu malen. So lange, bis etwas Neues daraus entstand. Er hörte auch nie auf, sich vor der Kunst anderer Meister zu verbeugen und mit ihnen in Wettstreit zu treten. Ob Ferdinand Rayski, Edvard Munch, Michelangelo, Courbet oder De Kooning. So schrieb er sich ein in die Kunstgeschichte und in das Gespräch der Maler. Am Donnerstag ist Georg Baselitz gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.