Die schwierige Rückkehr der Toten
Abends erreichen die weißen Leichenwagen der israelischen Armee das nationale forensische Institut in Tel Aviv, zuletzt am Mittwoch: Die Hamas hat seit Anfang der Woche nach und nach die ersten der insgesamt 28 toten Geiseln übergeben, die Israel als Teil des Waffenruheabkommens zurückfordert. Nach der Vereinbarung hätte die Terrororganisation längst alle getöteten Geiseln überführen sollen. Bislang sind allerdings nur zehn Leichname in Israel angekommen, und nicht alle waren Verschleppte.
Bei einer der Leichen soll es sich laut israelischen Medien um einen Mann aus Gaza handeln: Demnach habe die Hamas den Palästinenser hingerichtet, weil sie ihn der Kooperation mit Israel bezichtigte. Schon das zeigt, wie die Terrororganisation einmal mehr die Geiselübergabe für ihre Machtdemonstration instrumentalisiert. In der Nacht zum Donnerstag erklärte die Hamas dann, keine weiteren Leichname ausfindig machen zu können. Sie bricht damit erneut die Vereinbarung, und der israelische Verteidigungsminister Israel Katz droht deshalb bereits mit der Wiederaufnahme der Kämpfe in Gaza. Tatsächlich aber zeigt der Umgang mit den toten Geiseln, wie sich die Waffenruhe stabilisiert.
Das hat vor allem mit dem stärksten Element des sogenannten Friedensplans zu tun, den US-Präsident Donald Trump vor zwei Wochen präsentiert hat: Die arabischen und Golfstaaten unterstützen ihn, auch die Türkei. Wie türkische Medien berichten, entsandte Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Mittwoch 81 Such- und Rettungstechniker nach Gaza. Die Suchtrupps bringen eigene Fahrzeuge mit und sollen bei der Bergung der noch 19 verschollenen toten Geiseln unterstützen. Zuvor hatte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz mitgeteilt, die Suche nach den Leichnamen werde sich durch die schweren Kriegsverwüstungen extrem schwierig gestalten. Es sei mit nicht detonierten Sprengsätzen zu rechnen, Spezialgerät und besonders ausgebildetes Personal würden nötig sein.
Die Türkei kann nach den Erfahrungen mit Erdbeben im eigenen Land auf große Expertise in diesem Bereich zurückgreifen ‒ und ist auch bereits erfahren in der Zusammenarbeit mit dem israelischen Zivilschutz. Bei dem verheerenden Beben in der Südtürkei und in Syrien im Februar 2023 gehörte Israel zu den wichtigsten Ersthelfern. "Wie es im Nahen Osten manchmal der Fall ist, bieten Krisen den Ländern die Gelegenheit, eine andere Seite von sich zu zeigen und vielleicht sogar Einigkeit zu demonstrieren", schrieben seinerzeit die beiden Sicherheitsexperten Nir Boms und Joelle Rosenthal in einer Analyse für das Washington Institute.
Als konkretes Beispiel nennen Boms und Rosenthal das Programm "Good Neighbors" (Gute Nachbarn) für humanitäre Hilfe, das Israel in Syrien aufgebaut hatte. "Dieser Ansatz ist besonders bemerkenswert, da keine diplomatischen Beziehungen bestehen und oft verdeckt gearbeitet werden muss, häufig über gleich gesinnte NGOs, die nicht unter israelischer Flagge operieren." Das zeigt: Unter der Oberfläche der Feindschaft zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn bestehen langjährige Netzwerke und Mechanismen, die nun auch bei der Suche nach den toten Geiseln greifen könnten.
Netanjahus Spielraum ist begrenzt
Der nötige Rückhalt dafür kommt von der US-Regierung. Wie die Zeitung Ha'aretz berichtet, soll es Pläne geben, Menschen in Gaza dafür finanziell zu belohnen, wenn sie bei der Suche nach den toten Geiseln mitmachen. Man werde "wahrscheinlich eine Art Programm auf die Beine stellen, bei dem wir die Menschen bitten, uns bei der Suche nach Leichen zu helfen", zitiert die Zeitung einen namentlich nicht genannten US-Beamten. Demnach plane die US-Regierung aktuell ebenfalls, mit der Finanzierung für den Wiederaufbau des fast vollständig zerstörten Küstenstreifens erst dann zu beginnen, wenn die sterblichen Überreste aller übrigen israelischen Geiseln gefunden wurden.
Das Bemühen um die getöteten Geiseln ist damit ein entscheidender Punkt für die Stabilisierung der Waffenruhe: Solange ihre Körper nicht zurück in Israel sind, wird der dringend nötige Wiederaufbau nicht beginnen. Solange die USA und die arabischen Staaten aber deutlich machen, dass sie sich in der Suche engagieren, kann Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auch nicht viel mehr unternehmen, als sich für die Hilfe zu bedanken. Damit bleiben sowohl der Hamas wie auch Israel aktuell nur noch wenige Möglichkeiten der Eskalation. Die Drohung des israelischen Verteidigungsministers, der zu Netanjahus Likud-Partei gehört und als dessen Getreuer gilt, lässt sich deshalb eher als letzter Versuch deuten, den rechtsextremen Koalitionspartnern einen Spielraum zu suggerieren, den Israel faktisch nicht mehr hat.
Israelische Journalisten, die sich mit dem Likud und Netanjahu befassen, sagen in diesen Tagen: US-Präsident Donald Trump hat bewusst seine Vertrauten Steve Witkoff und Jared Kushner nach Israel geschickt, damit sie als Hüter des Abkommens sicherstellen, dass Netanjahu keine Sabotageversuche unternehmen kann. Der überschwängliche Dank der israelischen Öffentlichkeit für Trumps diplomatischen Durchbruch, das gleichzeitige öffentliche Ausbuhen Netanjahus, so heißt es, könnten dem US-Präsidenten klargemacht haben: Der israelische Premier ist in seinem Land längst nicht mehr so stark, wie er sich auf internationaler Bühne gibt.
Will Netanjahu gegenüber Trump nicht weiter schwach wirken, wird er versuchen müssen, mehr Rückhalt im eigenen Land zu gewinnen. Einen vernichtenden Sieg über die Hamas brauchte es offenbar nicht mehr, um die israelische Gesellschaft zum ersten Mal seit dem Überfall der Terroristen vor zwei Jahren in kollektiver Freude ausbrechen zu lassen: Die Freilassung der noch lebenden 20 Geiseln am Montag war das, was zählte. Jetzt wollen die Menschen nur noch ihre Toten zurück. "Eine Nation, die ihr Volk im Stich lässt, gibt ihr eigenes Schicksal auf", erklärten die Angehörigen der Verschleppten dazu am Donnerstag und forderten alle Beteiligten auf, die übrigen Leichname schnellstmöglich nach Israel zu bringen. "Jede Geisel hat eine Familie, die auf sie wartet."