Solide am Ziel vorbei

Die AfD-Parteispitze braucht einige Minuten, bis sie aus den Hinterzimmern des Stuttgarter Landtages auftaucht, um das Ergebnis der Landtagswahl zu erklären. Dann läuft Tino Chrupalla über den Teppichboden der Plenarsaalebene von Kamera zu Kamera: "Wir haben uns verdoppelt", lobt der Parteichef die knapp 18 Prozent des frühen Wahlabends – 2021 war die Partei unter zehn Prozent gesackt. Das knappe Rennen zwischen dem Grünen Cem Özdemir und Manuel Hagel von der CDU macht er für das unerwartet magere AfD-Ergebnis verantwortlich.

Jetzt kann die AfD wieder schätzungsweise mehr als 30 Abgeordnete in den Landtag schicken. Weil die FDP voraussichtlich aus dem Landtag ausscheidet, konnte sie ihre Fraktionsstärke verdoppeln, obwohl sie nur acht Prozentpunkte hinzugewann.

Zumindest die Schmach von 2021 ist überwunden, als im allgemeinen Abwärtstrend der Partei ein Teil der bisherigen Wähler einfach zu Hause geblieben war und die AfD ein Drittel ihrer Stimmen verlor. Laut ersten Analysen zu Wählerwanderungen mobilisierte die AfD diesmal fast 200.000 Nichtwähler, 65.000 kamen von der CDU und 60.000 von der FDP. Chrupalla sagt: "In Baden-Württemberg sind wir Volkspartei." Und Spitzenkandidat Markus Frohnmaier sagt: "Wir haben uns als die relevante Oppositionskraft im Südwesten etabliert."

Landtagswahl 2026 : Ergebnisse der Wahl in Baden-Württemberg live

  • Stimmenverteilung: Hochrechnung

    70,5 % Wahlbeteiligung • Stand: 22.55 Uhr •
    Quelle: 
    • Grüne

      30,3 % −2,3
      ’21 2026
    • CDU

      29,7 % +5,6
    • AfD

      18,7 % +9,0
    • SPD

      5,5 % −5,5
    • Linke

      4,4 % +0,8
    • FDP

      4,4 % −6,1
  • Mögliche Koalitionen

    Mehrheit mit 80 Sitzen
    • Grüne +CDU
      113 Sitze
    • CDU +SPD
      66 Sitze
  • Wahlkreise

    69 / 70 ausgezählt
Alle Wahlergebnisse aus Baden-Württemberg live

Das Ergebnis ist aus Sicht der AfD zweifellos solide, zumal für einen Landesverband im Westen. Der Anspruch war allerdings ein ganz anderer. 20, vielleicht sogar 25 Prozent hatte Frohnmaier als Zielmarke ausgegeben, von einem blauen Balken geredet, der durch die Decke gehen sollte. Tatsächlich war die AfD in Umfragen 2025 zeitweise sogar zweitstärkste Kraft. Getragen von dieser Welle hoffte die Führung darauf, zur Landtagswahl als erster westdeutscher Landesverband ebenjene 20 Prozent knacken zu können. Dieses Ziel haben Frohnmaier und die AfD verpasst. Die Berliner Parteispitze dürfte darüber kaum erfreut sein. Ein fulminantes Ergebnis in Baden-Württemberg sollte für die AfD Auftakt für ein triumphales Superwahljahr werden. Doch letztlich landete die AfD jetzt nur dort, wo sie schon 2016 war, als sie mit mehr als 15 Prozent in den Landtag einzog.

Frohnmaier hatte schon einen "Abschiebebeauftragten" vorgesehen

Abseits einstudierter Erfolgsverkündigungen muss sich Frohnmaier nun fragen lassen, woran es gelegen haben könnte. War er es, der mit seinem Pro-Wirtschafts- und Anti-Migrationswahlkampf nicht überzeugen konnte? Oder doch eher der Skandal um die Vetternwirtschaft, in den Frohnmaier selbst verwickelt ist und der auch seine Kampagne überschattete?

Frohnmaier hatte im Wahlkampf versucht, zumindest für die Öffentlichkeit sein völkisches Image abzustreifen und etwas moderater zu wirken. Im Wahlkampf mied er den Kampfbegriff "Remigration" und diente sich der CDU als Koalitionspartner an. Weil aber die AfD allein mit bürgerlicher Camouflage keine Wahlen gewinnt, kopierte Frohnmaier in den Wahlkampfhallen auch die radikale Wortwahl der rechtsextremistischen AfD-Jugend und kündigte an, auch er werde Migranten ohne Bleiberecht "rückführen, bis die Startbahnen glühen".

Für die Radikalität hatte er andere ausersehen. Schon unter den vordersten zehn Listenkandidaten ist die völkisch-nationalistische Strömung der AfD stark vertreten – darunter Abgeordnete wie Bernhard Eisenhut, der Migranten pauschal als "Frauenschläger, Vergewaltiger, Messermänner und Mädchenmörder" herabwürdigte oder Miguel Klauß, der "millionenfache Migration" anstrebt und den Frohnmaier als "Abschiebebeauftragter" in Baden-Württemberg vorgesehen hatte.

Doch gewählt wird die AfD eben nicht nur von Ausländerfeinden oder Menschen, die vom Gendern genervt sind. Sondern gerade im Südwesten auch von einer gut situierten, von Abstiegsangst getriebenen Mittelschicht, die auf ökonomische Grenzüberschreitungen, Filz und Selbstbedienungsmentalität empfindlich reagiert. Und hiervon hat die AfD einiges zu bieten.

Seit Ende Januar wurden in der Partei Dutzende Fälle von Vetternwirtschaft bekannt – es ging um Abgeordnete in Landtagen und der Bundestagsfraktion, die teils großzügig dotiert Verwandte und Geliebte entweder bei sich selbst oder bei Parteifreunden angestellt hatten. Fraktionsgelder wurden für Parteiarbeit zweckentfremdet, sogar Fälle von Scheinbeschäftigung kamen ans Licht. Während die Verursacher die Vorwürfe bei allen sich bietenden Gelegenheiten als "Hetzkampagne der Mainstream-Presse" abtaten, reagierten parteinahe Medien oder das neurechte politische Vorfeld durchaus kritisch: Die Partei laufe Gefahr, sich von innen heraus zu zerstören. Das blieb nicht ohne Wirkung: Seitdem die ersten Fälle bekannt wurden, ging es für die AfD bundesweit in Umfragen abwärts.

Und damit auch in Baden-Württemberg: Zwei Wochen vor der Wahl wurde bekannt, dass auch Spitzenkandidat Frohnmaier Teil dieses Systems war: Seine Frau wurde von einem Fraktionskollegen im Bundestag angestellt, sein Vater bei einer anderen Abgeordneten, seine Schwester war vor einigen Jahren für einen AfD-Politiker im Landtag tätig. Genau lässt es sich noch nicht sagen, aber zumindest steht die Vermutung im Raum, dass der Anstellungsskandal die Partei einige eingeplante Prozentpunkte gekostet haben könnte.

Die Endphase des Wahlkampfs schwänzte Frohnmaier

Schon das Konstrukt von Frohnmaiers Kandidatur warf Fragen auf. In seiner Heimat verkaufte er sich als "Ministerpräsidenten-Kandidat", auf den Wahlzetteln allerdings tauchte sein Name gar nicht auf, weil er für den Landtag selbst gar nicht kandidierte. Kundigen AfD-Anhängern aber wird rasch klar gewesen sein, dass Frohnmaier trotz hoher Umfragewerte keinerlei Chance auf die baden-württembergische Regierungsspitze hatte – die Kandidatur des Abgeordneten aus dem Bundestag mehr oder minder nur Show war. Dass Frohnmaier nur für den Posten des Ministerpräsidenten antrat, aber nicht für den Landtag, sei von den Wählern "wohl nicht so richtig verstanden" worden, sagte Co-Landechef Emil Sänze am Sonntagabend. 

Dazu passt, dass Frohnmaier die Endphase des Wahlkampfes in Baden-Württemberg sogar schwänzte. Er zog es vor, auf Kosten der Bundestagsfraktion in die USA zu reisen, um dort angeblich insbesondere wirtschaftliche Interessen seines Bundeslandes zu vertreten. Sein eigentliches Ziel allerdings war ein anderes: eine Konferenz befreundeter Maga-Unterstützer in Washington. Statt persönlich als Spitzenkandidat in der Heimat um Wähler zu werben, referierte Frohnmaier auf dem Podium eines Luxushotels und machte Fotos mit republikanischen Kongressabgeordneten. In seinem Landesverband kam der US-Trip jedenfalls nicht gut an. "Es gab auch kritische Stimmen, weil er beim Wahlkampfabschluss in Rottweil gefehlt hat", sagte Sänze.

Auch in den vergangenen Wochen hat die Partei sensibel registriert, wie Frohnmaier performte, was er tat, sagte und unterließ. Die Abrechnung mit ihm wird längst vorbereitet: "Alles andere als ein überragendes Ergebnis der AfD in Baden-Württemberg wird viele zum Teil sehr unangenehme Fragen aufwerfen", postete der Höcke-Parteifreund und Thüringer Bundestagsabgeordnete Torben Braga auf X.

Die Berliner Parteispitze jedenfalls will sich mit Frohnmaier wohl erst mal nicht blicken lassen. Einen gemeinsamen Auftritt mit Weidel und Chrupalla am Sonntag gab es nicht, obwohl beide eigens nach Stuttgart gereist waren. Eine für Montagmorgen angekündigte Pressekonferenz wurde kurzerhand wieder abgesagt. Grund: Die Parteispitze stehe leider nicht zur Verfügung. Im Wahlgeschehen der vergangenen Jahre ist das ein einmaliger Vorgang.