„Wird geraume Zeit dauern“: Regierung dämpft Hoffnung auf bald sinkende Spritpreise – auch Reeder zurückhaltend

Die Zeichen standen auf Eskalation im Krieg der USA und Israels gegen den Iran, dann in der Nacht zu Mittwoch (MESZ) die Überraschung: Präsident Donald Trump und die Machthaber in Teheran einigten sich auf eine zweiwöchige Waffenruhe, in der über eine dauerhafte Lösung verhandelt werden soll. Bedingung sei, dass der Iran seine Blockade der für Öltransporte wichtigen Straße von Hormus aufhebt, teilte Trump auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social mit.

Seit Beginn der Angriffe hatten die iranischen Revolutionsgarden die für den weltweiten Handel wichtige Meerenge, durch die etwa ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gaslieferungen transportiert wird, de facto lahmgelegt. Die Preise für Rohöl und Gas schossen in die Höhe, Autofahrer müssen an den Tankstellen Rekordpreise bezahlen.

Auch wenn internationale Experten die Einigung zurückhaltend bewerten und zur Vorsicht mahnen, reagierten die internationalen Märkte euphorisch. Die Preise für Öl sanken drastisch, die Kurse an den Börsen legten wie beim Dax massiv zu. Frankreich erklärte umgehend, mit rund 15 weiteren Staaten den Schiffsverkehr wieder ermöglichen zu wollen. Kanzler Friedrich Merz (CDU) kündigte ein deutsches Engagement an, ohne einen Zeitpunkt oder die Art der Beteiligung zu nennen.

Globale Schifffahrtsströme lassen sich nicht innerhalb von 24 Stunden wieder hochfahren.

Jennifer Parker, Defence and Security Institute der University of Western Australia

Die Bundesregierung dämpfte am Mittag die Erwartung der Verbraucher auf schnell sinkende Spritpreise. „Wir sind noch weit von einem Abkommen entfernt, und erhebliche Rückschläge sind jederzeit möglich“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille in Berlin. Erstens sei der Waffenstillstandsprozess mit großen Unsicherheiten behaftet. „Zweitens, die Wiedereröffnung der Straße von Hormus braucht Zeit und führt nicht schnell unmittelbar zurück zum Status aus dem Februar.“

Es werde Zeit benötigen, bis bei der Schifffahrt das Vorkriegsniveau wieder erreicht sei und sich das Angebot am Weltmarkt stabilisiert habe. Es werde zudem dauern, bis zerstörte Produktionsanlagen wiederhergestellt seien.

Wenn Schiffe die Straße von Hormus ab sofort wieder passieren könnten, dauere es logistisch drei bis sechs Wochen, bis Schiffe die Transportrouten nach Europa vollständig zurückgelegt hätten. „Es wird also geraume Zeit dauern, bis diese zusätzlichen Mengen physisch verfügbar sind. Dementsprechend wird es auch dauern, bis deutliche Preissenkungen bei uns ankommen“, sagte Hille. Die Transportkosten würden absehbar erhöht bleiben.

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„Besteht ein Risiko und die zukünftige Versorgung ist gefährdet, explodieren die Preise an der Zapfsäule sofort. Dann kommen die Übergewinne hinzu, denn gerade in stark konzentrierten Märkten wie in D gibt es ein Oligopol. Wenn sich die Märkte wieder stabilisieren, dann heißt es, man müsse geduldig sein, denn das Öl sei ja noch nicht da.“

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Dass eine schnelle Rückkehr zur Normalität unwahrscheinlich ist, zeigen auch die Reaktionen der Schifffahrtskonzerne. Die dänische Reederei Maersk, die weltweit zweitgrößte Fracht-Reederei, beabsichtigt vorerst nicht, den Normalbetrieb in der Straße von Hormus wieder aufzunehmen. Unklar ist auch, ob der Iran sich die Durchfahrt bezahlen lassen will. Berichten zufolge will Teheran pro Schiff zwei Millionen Dollar verlangen und sich die Einnahmen mit Oman teilen.

Man verfolge einen vorsichtigen Ansatz und nehme zunächst keine Änderungen an bestimmten Diensten vor, teilte der Schifffahrtskonzern mit. Die Waffenruhe schaffe zwar Möglichkeiten für den Transit, biete aber noch keine vollständige Sicherheit für die Seefahrt. Maersk hatte im vergangenen Monat Buchungen für viele Häfen in der Golfregion ausgesetzt.

EU erwartet längere Energiekrise

Die durch den Iran-Konflikt ausgelöste Energiekrise ist der EU-Kommission zufolge nicht von kurzer Dauer. Rund 8,5 Prozent des Flüssigerdgases, sieben Prozent des Erdöls sowie 40 Prozent des Flug- und Dieselkraftstoffs der EU würden durch die Straße von Hormus transportiert, sagt Sprecherin Anna-Kaisa Itkonen. „Was wir bereits absehen können, ist, dass diese Krise nicht von kurzer Dauer sein wird“, sagte sie. Es handele sich offensichtlich um einen sehr, sehr wichtigen Engpass. (Reuters)

Ein Vertreter des Verbands Deutscher Reeder (VDR) begrüßte im Gespräch mit der „Bild“ zwar die Pläne als „ein wichtiges und hoffnungsvolles Signal“ – aber: „Solange die Details nicht vorliegen und die Sicherheit nicht gewährleistet ist, bleibt die Lage angespannt.“ Der Verband weiter: „Jetzt kommt es darauf an, dass aus politischer Ankündigung maritime Realität wird. Entscheidend ist, wie schnell und verlässlich aus Ankündigungen konkrete Maßnahmen werden.“

Unter Berufung auf die Agentur Bloomberg heißt es in dem Bericht weiter, mehr als 1000 Schiffe warteten derzeit auf beiden Seiten der Straße von Hormus, darunter mindestens 50 Schiffe von deutschen Reedereien. Ein großer Teil der festliegenden Flotte bestehe aus Energieschiffen. Daten der Analysefirma Kpler zufolge befänden sich derzeit 426 Öltanker sowie Dutzende Gas- und LNG-Schiffe im Golf. Hinzu kämen Frachter mit Agrarprodukten, Metallen und Containern.

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Experten sind sich sicher: Selbst wenn die Waffenruhe hält und es zu einer dauerhaften Lösung kommt, wird es dauern, bis sich die Logistik neu organisiert hat.

„Globale Schifffahrtsströme lassen sich nicht innerhalb von 24 Stunden wieder hochfahren“, sagte auch Jennifer Parker, außerordentliche Professorin am Defence and Security Institute der University of Western Australia, der Nachrichtenagentur Bloomberg dem „Handelsblatt“ zufolge. „Tankerbetreiber, Versicherer und Besatzungen müssen davon überzeugt sein, dass das Risiko tatsächlich gesunken ist – und nicht nur pausiert.“

Und Amena Bakr, Analystin bei Kpler, schrieb auf der Plattform X: „Rechnen Sie nicht damit, dass das Angebot schnell wieder auf das alte Niveau zurückkehrt. Zwei Wochen reichen nicht aus, um die entstandenen Schäden zu beheben und den enormen Verlust von 300 Millionen Barrel aus dem Nahen Osten auszugleichen.“