Tempo trifft Präzision: Das ist die neue deutsch-israelische Cyberallianz
Cyberangriffe auf Energieversorger, Industrie oder staatliche IT-Systeme bedrohen zunehmend kritische Infrastruktur. Israel entwickelt dafür oft schnelle, praxisnahe Lösungen, Deutschland bringt seine Stärke in Forschung und Systemarchitektur ein. Im Nationalen Forschungszentrum für angewandte Cybersicherheit ATHENE arbeiten Haya Schulmann und Tal Shapira daran, beide Ansätze zu verbinden.
Frau Schulmann, Cyberangriffe nehmen weltweit zu und werden immer komplexer. Wo stoßen bisherige Abwehrstrategien an ihre Grenzen?
Haya Schulmann: Unsere Abwehrstrategien beruhenbisher vorwiegend auf unserem Wissen über Bedrohungen, die wir durch vergangene Angriffe kennen. Bei ATHENE entwickeln wir Methoden, wie wir Angriffe schon in ihrer Vorbereitungsphase erkennen und stoppen können. Ein Cyberangriff passiert nicht plötzlich, er braucht eine technische Infrastruktur, die möglichst unauffällig aufgebaut werden muss. Dieser Aufbau hinterlässt Spuren im Internet und in den IT-Systemen der späteren Opfer, und diese Spuren können wir finden und interpretieren.
Dabei arbeiten Sie mit Forschenden in Israel zusammen. Warum?
Israel hat in dem Bereich viele Stärken: Forschende arbeiten dort bedrohungsgetrieben. Das zwingt sie, schnell Lösungen und Abwehrmechanismen für diese neuen Angriffe zu finden.
Herr Shapira, Sie arbeiten auf der israelischen Seite dieser Kooperation. Welches ist aktuell Ihr drängendstes Projekt?
Tal Shapira: Eines unserer wichtigsten Ziele ist es gerade, kritische Infrastruktur sicherer zu machen – insbesondere den Energiesektor. Um das zu schaffen, werden die Kernkompetenzen beider Länder gebraucht: Israel bringt umfassende operative Erfahrung bei der Verteidigung kritischer Systeme unter realen Bedrohungsbedingungen mit, während Deutschland erstklassiges Fachwissen beim Aufbau widerstandsfähiger, standardbasierter technischer Umgebungen hat. Ziel der Zusammenarbeit ist es, diese sich ergänzenden Stärken zu maßgeschneiderten Cybersicherheitslösungen für den Energiesektor zu vereinen.
Worin sehen Sie die Vorteile der Zusammenarbeit?
Shapira: In Workshop-Diskussionen habe ich gesehen, wie produktiv die Verbindung beider Arbeitsweisen sein kann. Wir Israelis brachten praktische Erkenntnisse zu Bedrohungen und schnelle Analysen von Angriffswegen ein – Erfahrungen, die durch unsere Arbeit in einer der am stärksten angegriffenen Cyberumgebungen der Welt geprägt sind. Die deutschen Forscher trugen methodische Validierung bei und stellten die Frage, wie sich eine Lösung im Laufe der Zeit in einem realen System verhalten würde. Die Kombination aus beiden Ansätzen war zielführend, da sie Israels Innovationen mit Deutschlands konsequenter Ausrichtung auf langfristige Zuverlässigkeit verband.
Warum schauen Sie sich ausgerechnet den Energiesektor an?
Schulmann: Der Energiesektor ist wichtig für die nationale Sicherheit. Ohne Energie funktioniert heute nichts mehr, deshalb sind Stromnetze ein strategisches Ziel, das gegebenenfalls kriegsentscheidend sein kann. Bei solchen Angriffen geht es nicht um Datenklau oder -verlust, sondern um physische Auswirkungen. Sämtliche Sektoren unseres täglichen Lebens funktionieren nur mit Strom – Kommunikation, Finanzsektor, Logistik, medizinische Versorgung. Fällt ein Bereich aus, kann das eine Kettenreaktion auslösen und eine Gefährdung von Menschen zur Folge haben – beispielsweise, wenn Krankenhäuser wegen fehlendem Strom und ausfallenden Systemen nicht mehr arbeiten können.
Was können wir uns in Deutschland von der Arbeitsweise in Israel abschauen?
Schulmann: Israel setzt Angriffsszenarien schnell in funktionierende Systeme und Gegenmaßnahmen um. Forschende analysieren, wie die Angreifer arbeiten, und reagieren. In Deutschland beginnt die Arbeit mit einem Paper, das geschrieben und veröffentlicht werden muss, bevor man in eine Umsetzungsphase kommt. Unsere Stärke liegt in der Grundlagenforschung – bei der schnellen Umsetzung können wir uns von den israelischen Kollegen etwas abschauen.
Shapira: Das Lernen funktioniert in beide Richtungen: Deutschland profitiert von Israels Startup-getriebener Innovationskultur und unserer Erfahrung bei der Abwehr komplexer, hartnäckiger Bedrohungen in Echtzeit. Israel wiederum kann von Deutschlands Disziplin beim Aufbau von Systemen lernen, die strenge Compliance- und Zuverlässigkeitsstandards erfüllen. Gemeinsam entwickeln wir Lösungen, die nicht nur innovativ, sondern auch vertrauenswürdig und skalierbar sind.
An welchen weiteren Themen möchten Sie in Zukunft zusammenarbeiten?
Schulmann: Das Thema KI ist für uns zentral. Besonders spannend sind sogenannte KI-Agenten. Das sind Programme, die eigenständig Aufgaben erledigen, etwa E-Mails schreiben, Daten analysieren oder Software steuern. Kein Unternehmen würde einen Mitarbeiter einstellen, ohne ihn zu überprüfen. Bei KI-Agenten passiert genau das aber oft. Unternehmen geben ihnen Zugriff auf sensible Daten, ohne genau zu wissen, wie sicher sie sind. Das kann zu erheblichen Sicherheitsrisiken führen.
Shapira: Durch KI-Agenten ergibt sich eine neue potenzielle Bedrohungslage: Cyberrisiken werden schneller, autonomer und komplexer. Genau bei dieser Art von Problem kann die deutsch-israelische Zusammenarbeit auf sehr praktische Weise helfen, da sie sowohl schnelle Innovation als auch rigoroses Denken in Bezug auf Sicherheit und Vertrauen leisten kann.
Zur Person: Prof. Haya Schulmann
Prof. Haya Schulmann ist deutsch-israelische Professorin am Institut für Informatik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Mitglied im Direktorium des Nationalen Forschungszentrums für angewandte Cybersicherheit ATHENE.
Zur Person: Dr. Tal Shapira
Dr. Tal Shapira ist Mitgründer und Chief Technology Officer des Startups Reco. Er befasst sich damit, wie Unternehmen KI-Funktionen und -Agenten sicher einsetzen können.
Beide Forschende arbeiten in einem kooperativen Forschungsbereich des Nationalen Forschungszentrums für angewandte Cybersicherheit ATHENE und des israelischen Ministeriums für Energie und Infrastruktur, das Lösungen für drängende Fragen der Cybersicherheit im Energiesektor entwickeln soll.