So leer waren die Gasspeicher noch nie

Das Problem begann im vergangenen Sommer. In der warmen Jahreszeit ist der Gasverbrauch gering. Die Händler nutzen üblicherweise die Gelegenheit und leiten das überschüssige Gas in die Speicher, legen einen Vorrat an, zu günstigen Preisen. Doch vergangenes Jahr wurde viel weniger Gas eingespeichert als in den Vorjahren. Zum Höchststand Ende September 2025 waren die Speicher nur zu drei Vierteln gefüllt – dabei sollten es 80 Prozent sein. 

Und dann war es auch noch kalt wie seit 15 Jahren nicht mehr, das Thermometer sank mancherorts gar auf minus 20 Grad. Ein Kaltstart 2026. Im ganzen Land drehten die Bürgerinnen und Bürger die Heizungen auf, die Gasvorräte leerten sich rasant. 

Das Ergebnis: Noch nie waren Deutschlands Gasspeicher Mitte Januar so leer wie jetzt. Inzwischen beträgt der Füllstand weniger als 45 Prozent. Und der Winter ist noch lang.

Um sich ein Bild von der Lage zu machen, lohnt ein Blick auf die wichtigsten Zahlen – jeweils großzügig gerundet, denn es soll um Größenordnungen gehen, nicht um die Nachkommastellen. An einem durchschnittlichen Wintertag verbraucht Deutschland etwa 4.000 Gigawattstunden Gas, an sehr kalten Tagen auch bis zu 5.000. Die Importe liegen aber nur bei 3.000 Gigawattstunden. Die wichtigsten Quellen sind dabei das Pipelinegas aus Norwegen und Flüssiggas (LNG), das per Tanker kommt. Davon leitet Deutschland etwa 700 bis 1.000 Gigawattstunden an andere Länder weiter.

Insgesamt also stehen einem Verbrauch von gut 4.000 Gigawattstunden nur Netto-Importe von 2.000 Gigawattstunden gegenüber. Die Differenz muss aus den Speichern kommen. Diese fassen insgesamt 250.000 Gigawattstunden. Zuletzt sank der Füllstand um etwa einen Prozentpunkt pro Tag, das entspricht 2.500 Gigawattstunden. Wenn es dauerhaft ungewöhnlich kalt bliebe, wären Deutschlands Speicher also Ende Februar komplett leer.

So eine lang anhaltende Kältephase ist allerdings unwahrscheinlich. Nicht zu unterschätzen ist dennoch der psychologische Faktor: Wenn die Füllstände unter 20 oder sogar 15 Prozent fallen, dürfte Nervosität aufkommen, bei Unternehmern, aber auch Verbraucherinnen und Verbraucher. 

Erstaunlich ist: Die internationalen Gaspreise haben sich seit den Ausreißern wegen des Ukrainekriegs auf niedrigem Niveau stabilisiert.

Selbst wenn hierzulande die Verbraucher die Heizung aufdrehen – die Gaspreise liegen weiterhin auf niedrigem Niveau, zwischen 30 bis 50 Euro je Megawatt. Kein Vergleich zur Gaskrise 2022, als der kurzfristige Spotpreis auf mehr als 320 Euro pro Megawatt hochschnellte. Die jüngste Kältephase wirkte sich kaum auf die Preise aus, auch wenn es am Terminmarkt zuletzt um gut zehn Prozent nach oben ging. Der Grund: Es ist zurzeit ausreichend Gas auf den Weltmärkten erhältlich. 

Was erst einmal gute Nachrichten für die Kunden sind, bringt allerdings die Betreiber der Gasspeicher in Deutschland in Bedrängnis. Ihr Geschäftsmodell basiert bislang auf Schwankungen. Zu günstigen Preisen im Sommer einspeisen, zu hohen im Winter verkaufen. Allerdings müssen sie auch gesetzliche Speichervorgaben erfüllen. "Uns fehlen die wirtschaftlichen Anreize für die Einspeicherung", teilt Uniper mit, einer der größten Gashändler Europas mit Sitz in Düsseldorf. Zwar würden die Preise zwischen Sommer und Winter wieder etwas stärker schwanken, aber das reiche kaum aus, um die Kosten für Speicherentgelte und Netzentgelte zu decken. "Aus diesem Grund wurden im vergangenen Jahr viele Speicher nur teilweise gebucht." Das erklärt auch die niedrigen Speicherstände im vergangenen Sommer. 

Sicherlich auch, um Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, hat Uniper daher im vergangenen Herbst bei der Bundesnetzagentur den Antrag gestellt, sogar einen Speicher in Bayern stillzulegen. Kein trivialer Schritt, denn der Speicher in Breitbrunn, immerhin Deutschlands drittgrößter, ist ein Porenspeicher, der sich technisch nicht so leicht reaktivieren lässt. Ein "wirtschaftlich tragfähiger Speicherbetrieb" sei langfristig nicht darstellbar, erklärt Uniper.  

Dass sich der gesetzliche Rahmen aber ändern wird, ist unwahrscheinlich – denn schließlich gibt es momentan Flüssiggas in ungekannten Mengen auf dem Weltmarkt. Seit 2022 hat Deutschland gleich vier LNG-Terminals in Betrieb genommen, über welche es direkt importiert. "Das führt dazu, dass Gasspeicher relativ gesehen an Attraktivität verloren haben zur Sicherstellung der Gasversorgungssicherheit", teilt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums mit. Man habe bei der Füllung der deutschen Erdgasspeicher von Anfang an klar auf den Markt gesetzt. "Dies hat sich als richtig erwiesen."

Eine Gewinnerin steht schon heute fest: die USA. Lag der Anteil von US-Gas in Europa vor dem Ukrainekrieg noch bei etwa fünf Prozent, so ist er inzwischen nach Informationen des Thinktanks Bruegel auf 27 Prozent gestiegen. Die vier deutschen LNG-Terminals importieren sogar fast ausschließlich Gas aus den USA – wenn auch in Deutschland noch immer mehr Gas via Pipeline als per Schiff ankommt. 

Es ist eine Entwicklung, die Fachleute kritisch beobachten, aus mehreren Gründen. Da ist zum einen der Umweltaspekt. Amerikanisches Frackinggas sei besonders umweltschädlich, warnt Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen. In der Förderung müssen Chemikalien eingesetzt werden. Der Wasserbedarf dafür ist enorm, zudem wird besonders viel Methan beim Fracking freigesetzt. "Deswegen ist es wichtig, davon wegzukommen", sagt Kellner. 

Die Energiefachleute des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln verfolgen den Trend zu US-Gas ebenfalls kritisch. Deutschland hat schließlich während Coronazeiten, aber auch seit Ausbruch des Ukrainekriegs schmerzhaft lernen müssen, wie gefährlich die Abhängigkeit von nur wenigen Lieferanten sein kann. "Es besteht das Risiko, dass sich die EU beim LNG-Einkauf zu sehr auf einen Anbieter verlässt", gibt IW-Experte Malte Küper zu bedenken. 

Doch es gibt angesichts zunehmender Überkapazitäten auch Alternativen. "Würden die USA ihre LNG-Exporte nach Europa stoppen, würden andere Lieferanten wie etwa Katar einspringen", sagt Bruegel Energieexperte Georg Zachmann. Die USA könnten folglich mit Gaslieferungen Europa nicht so stark unter Druck setzen, wie Russland es beim Überfall auf die Ukraine konnte. 

Weitere Daten und Visualisierungen

Es könnte sogar in die andere Richtung gehen. Europa will sich schließlich wegen seiner Klimaschutzziele vom Gas verabschieden. Wenn am Wärmemarkt immer mehr auf Strom gesetzt wird, die Erneuerbaren wachsen und die Wasserstoffwirtschaft anzieht, dann werde man ab Ende der 2020er-Jahre in der EU einen schrittweisen Rückgang der Gasimporte beobachten. "Dies dürfte nicht im Interesse der USA sein", gibt IW-Fachmann Küper zu bedenken. 

Wie sehr das Donald Trump schon heute umtreibt, konnte man im vergangenen Herbst während der Zollverhandlungen zwischen der US-Regierung und der EU-Kommission sehen. Damals sicherte Europa dem Präsidenten zu, bis zum Ende seiner Amtszeit Ende 2027 Flüssiggas im Wert von 750 Milliarden US-Dollar zu kaufen.