Neuordnung der Lufthansa: Wie die Airline künftig Streiks vermeiden will

Wenn es doch nur ums Geld ginge. Oder um flexible Arbeitszeiten. Dann wäre die Lufthansa ein „normaler“ Konzern, in dem Verteilungskonflikte bisweilen zu Arbeitskämpfen führen. Doch die Lufthansa, gerade 100 Jahre alt geworden, ist speziell. Und mit 240 Tochtergesellschaften auch ziemlich kompliziert.

Sieben Tage haben die Flugbegleiter der Gewerkschaft Ufo sowie die Mitglieder der Pilotenvereinigung VC Cockpit im März und April die Lufthansa bestreikt. Nicht den ganzen Konzern, sondern einzelne Fluggesellschaften, in denen Ufo und VC ausreichend Mitglieder haben, um Forderungen mit Streiks Nachdruck zu verleihen. Vorerst vergeblich.

Über die Jahre hat sich im Management Ärger aufgestaut über renitente Flugbegleiter und (teure) Piloten. Verdi bot sich als Alternative an. Vor zwei Jahren entschied sich das Unternehmen für eine vertiefte Tarifbeziehung mit der Dienstleistungsgewerkschaft. Exklusive Leistungen für Verdi-Mitglieder sieht das Unternehmen als Investment in eine friedlichere Zukunft. Inzwischen dominiert Verdi in den meisten Lufthansa-Töchtern.

Die Lufthansa

Mit 103.000 Beschäftigten erwirtschaftet Lufthansa 2025 knapp 40 Milliarden Euro Umsatz. Zum Konzern gehören neben der Kernmarke Lufthansa die Airlines Swiss, Austrian, Brussels, Discover, Lufthansa City, Air Dolomiti, Eurowings und die inzwischen außer Betrieb genommene CityLine. An der italienischen ITA Airways hält Lufthansa 41 Prozent.

Alles in allem gibt der Konzern die Zahl der weltweiten Tochtergesellschaften mit 240 an, inklusive Logistik, Technik und Bodendienstleistungen. Seit 2014 ist Carsten Spohr Vorstandsvorsitzender der Lufthansa AG.

Als die Lufthansa vor zwei Wochen die vorrangig innerdeutsche Flüge abwickelnde Tochter CityLine mit 1300 Mitarbeitenden vom Markt nahm, empörten sich Ufo und VC über die „Basta-Aktion“. Bei CityLine haben beide Berufsgewerkschaften viele Mitglieder, die zuletzt mehrmals gestreikt hatten. Nun geht es nicht mehr um Geld, sondern um Alternativen zur Arbeitslosigkeit.

Eine Kandidatin für die Weiterbeschäftigung ist Lufthansa City Airlines, bei der Verdi überraschend vor knapp drei Wochen einen ersten Tarifvertrag unterschrieb. City Airlines, das jüngste Mitglied in der Lufthansa-Gruppe, bietet Flüge zu europäischen Metropolen und agiert als Zubringer für die Lufthansa-Drehkreuze Frankfurt (Main) und München.

Den 100. Geburtstag feierte die Lufthansa am 15. April, eine Rede hielt auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Ufo und VC streikten an dem Tag.

© AFP/KIRILL KUDRYAVTSEV

Mit Verdi werden Verträge geschlossen, um Ufo und VC zunehmend zu verdrängen. Der Ferienflieger Discover steht beispielhaft für diese Strategie. 2024 verhandelten Ufo und VC bereits monatelang über einen Tarif, als die Lufthansa überraschend einen Vertrag mit Verdi unterschrieb. Obgleich Verdi erheblich weniger Mitglieder als Ufo und VC in der Discover-Belegschaft hatte.

Verdi verabredete erhebliche Gehaltssteigerungen über drei Jahre für knapp 2000 Beschäftigte und dazu einen Extrabonus: Verdi-Mitglieder bekommen pro Jahr ein halbes Gehalt mehr als die übrigen Discover‑Beschäftigten. Ufo und VC wehrten sich und riefen ihre Mitglieder bei Discover zum Streik auf. Der Arbeitskampf ging im Spätsommer 2024 auch deshalb verloren, weil Beschäftigte zu Verdi wechselten; der Mitgliederbonus wirkte. Ufo und VC hatten „ihr“ Unternehmen Discover an Verdi verloren.

Verdi verdoppelt Mitgliederzahl

Inzwischen organisiert die Dienstleistungsgewerkschaft mehr als die Hälfte der Discover-Belegschaft und hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren die Mitgliederzahl im Lufthansa-Konzern verdoppelt.

Bereits nach dem „Discover-Skandal“ (Ufo) hatte VC-Chef Andreas Pinheiro im Spätsommer 2024 eine böse Ahnung: Das Ziel der Lufthansa sei die „Schwächung der Fachgewerkschaften“, und er rechne damit, dass das Management bei der jüngsten Firmengründung, der Lufthansa City Airlines, auch Verdi als Tarifpartner wähle. Genauso kam es. Und wieder mit einem Bonus für Verdi-Mitglieder: drei Prozent mehr Geld.

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Prozent mehr Geld und einen zusätzlichen freien Tag gibt es für Verdi-Mitglieder.

Kurz zuvor hatte Verdi bereits für ihre Leute unter dem 20.000 Mitarbeitenden zählenden Bodenpersonal der Lufthansa eine Zusatzleistung erreicht: Ein zusätzlicher freier Tag für Gewerkschaftsmitglieder.

Die Präferenz der Lufthansa für Verdi hat verschiedene Gründe. Im Vergleich zu Ufo und VC streikt Verdi selten, die letzten Aktionen betrafen 2024 das Bodenpersonal. Damals wurde auch Eurowings bestreikt, aber nur vier Stunden.

Kernsäule der Tarifierung mit Verdi ist auch die Verständigung auf einen Konfliktlösungsmechanismus einschließlich der Möglichkeit einer Schlichtung.

Lufthansa-Stellungnahme

„Die Mitgliedervorteilsregelung ist Ausdruck eines Paradigmenwechsels“, erklärt Lufthansa die Zusatzleistungen für Gewerkschaftsmitglieder. „Kernsäule der Tarifierung mit Verdi ist auch die Verständigung auf einen Konfliktlösungsmechanismus einschließlich einer Schlichtung.“ Der Konzern möchte mit Verdi „eine starke Sozialpartnerschaft etablieren“.

Mit Verdi lassen sich einheitliche Einsatzbedingungen für Cockpit- und Kabinenmitarbeiter schaffen, wie zuletzt bei City Airlines. Das bringt nach Angaben der Lufthansa „erhebliche Produktivitätssteigerungen“.

Grundsätzlich sollte das fliegende Personal so viel Zeit wie möglich in der Luft, und so wenig wie nötig für Vor- und Nachbereitung oder im Hotel verbringen. Die neuen Verdi-Tarifverträge bieten dafür mehr Spielraum als die gewohnten Verträge mit Ufo und VC.

Carsten Spohr steuert die Lufthansa seit 2014.

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Schließlich sieht die Lufthansa in Verdi einen Partner auf der Lobbystrecke. Die Dienstleistungsgewerkschaft mit 1,8 Millionen Mitgliedern verfügt über andere Zugänge in Berlin und Brüssel als die jeweils rund 10.000 zählenden Flugbegleiterinnen und Piloten der Berufsgewerkschaften VC und Ufo.

Christine Behle, stellvertretende Vorsitzende von Verdi, ist auch stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrats der Lufthansa AG. Dem Vernehmen nach hat Behle einen kurzen Draht unter anderem zum damaligen Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) genutzt, um in der Coronakrise 2020 das Rettungspaket für die Lufthansa zu schnüren.

„Wir werden weiter das Gespräch mit VC und Ufo suchen, um Lösungen für das Unternehmen und die Beschäftigten zu finden“, teilt die Lufthansa zum aktuellen Konflikt mit. Das betrifft sowohl die von Arbeitslosigkeit bedrohten Mitarbeitenden der CityLine als auch die Kernmarke Lufthansa, wo VC eine bessere Altersvorsorge für Pilotinnen und Piloten erreichen möchte.

Weitere Streiks sind möglich

Die Lufthansa präferiert bilaterale Verhandlungen auch über den Vergütungstarifvertrag, obwohl der erst im Dezember ausläuft. Ziel sei eine „nachhaltige Befriedung“ auch bei den „drängenden Zukunftsfragen für Lufthansa Classic“, teilt das Unternehmen mit.

VC besteht auf einer Schlichtung unter der Leitung eines neutralen Vermittlers. Verhandlungen führten zu nichts, heißt es bei der Pilotengewerkschaft. Das weitere Vorgehen wird in diesen Tagen beraten, Streiks sind eine Option. Die Ausstände im März und April haben die Lufthansa bereits einen dreistelligen Millionenbetrag gekostet.

Die Lufthansa wiederum könnte auf eine Eskalation mit der Verlagerung von Kurz- und Mittelstreckenflügen von der Kernmarke zu neuen Gesellschaften wie City Airlines reagieren. Also dorthin, wo es „Konfliktlösungsmechanismen“ mit Verdi gibt.