Manipulierte Monsanto die Forschung zu Glyphosat?

Sasha Kaurov staunt noch heute, der Erste gewesen zu sein: Gemeinsam mit der renommierten US-Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes forderte er im Sommer den Rückzug einer umstrittenen Studie zur gesundheitlichen Wirkung des Unkrautvernichters Glyphosat, die schon vor 25 Jahren erschienen war. Die Arbeit von Williams, Kroes und Munro hatte das weltweit meistgenutzte Pestizid im Jahr 2000 für unbedenklich und nicht krebserregend erklärt. Bis heute prägt das Papier die wissenschaftliche Debatte – obwohl schon 2017 öffentlich wurde, dass Monsanto die Studie verdeckt mitverfasst hatte. Monsanto ist der Hersteller des meistverkauften Pestizids der Welt, inzwischen ist er mit dem deutschen Chemiekonzern Bayer fusioniert.

Fünf Monate nach der Beschwerde-E-Mail an den Verlag des Journals Regulatory Toxicology and Pharmacology zog dieser die Studie zurück: Der Chefredakteur erklärte schriftlich, es bestünden erhebliche Zweifel an der Autorenschaft und den Ergebnissen, die offenbar durch Interessenkonflikte belastet seien. Die drei Autoren hätten möglicherweise Geld für die Studie erhalten und dies verschwiegen. Der Artikel habe lange als "Meilenstein" für die Sicherheitsbewertung von Glyphosat gegolten – nun sei unklar, wie glaubwürdig die Schlussfolgerungen seien.

Der Vorgang ruft Fragen in Erinnerung, die sich seit der Veröffentlichung der internen Dokumente des Konzerns Monsanto im Jahr 2017 stellen: Hat das Unternehmen Forschungsarbeiten zur gesundheitlichen Wirkung des weltweit wohl berühmtesten Unkrautvernichters manipuliert? Wie viel Vertrauen verdienen Zulassungsbehörden, deren Einschätzungen auch auf diesen Arbeiten basierten? Müssen sie ihre Bewertung neu aufrollen? Nach ZEIT-Recherchen prüft der Verlag eines weiteren wissenschaftlichen Journals inzwischen mindestens eine Veröffentlichung zu Glyphosat. 

Um diese Dokumente geht es

2017 wurden interne Dokumente, darunter E-Mails von Monsanto-Mitarbeitenden, in einem US-amerikanischen Gerichtsprozess öffentlich. Sie diskutierten darin offen über Studien, die sie teilweise oder vollständig selbst verfasst – und die wahre Urheberschaft verschleiert hatten. Ein Dokument (hier als PDF) enthält beispielsweise E-Mails aus dem Jahr 2015, in denen es um den Auftrag für eine wissenschaftliche Arbeit geht. Die nun zurückgezogene Studie wird darin erwähnt: Man würde Kosten sparen, indem man den Text selbst verfasse und die beauftragten Forscher den Text sozusagen nur redigieren und unterschreiben würden. "Wir erinnern uns, so haben wir das bei Williams Kroes & Munro, 2000, gemacht."

Die Studie blieb dennoch acht Jahre lang unverändert online – bis Kaurov, ein neuseeländischer Forscher für Wissenschaftskommunikation, und die US-Wissenschaftshistorikerin Oreskes sie im Frühjahr entdeckten und den Verlag schließlich zum Rückzug drängten. Ursprünglich wollten sie das Phänomen des Ghostwriting in der Wissenschaft untersuchen: Forschungsarbeiten also, die unter falschem Namen in Fachzeitschriften erscheinen. Doch ausgerechnet diese Studie, bei der Ghostwriting nachweislich vorlag, blieb unberührt zugänglich. "Es ist erschütternd, dass das Journal die Studie nicht längst zurückgezogen hatte", sagt Kaurov im Videogespräch mit der ZEIT.

Die Studie von Williams et al. ist nicht die einzige, deren Schlussfolgerungen jetzt infrage gestellt werden: Weitere Arbeiten, die laut den internen Monsanto-Dokumenten vom Konzern mitverfasst worden sein sollen, stehen aktuell zur Prüfung. Die Anwaltskanzlei Wisner Baum, die vor Gericht Kläger gegen Monsanto vertrat und die Veröffentlichung der E-Mails von Monsanto-Mitarbeitern erwirkte, listet auf ihrer Webseite alle veröffentlichten Dokumente auf. Darin erklären sie beispielsweise explizit, Studien zu "ghostwriten", um die Einschätzung von Gesundheitsbehörden zu beeinflussen: Firmenmitarbeiter verfassen sie, in den Publikationen werden dann aber andere Forscher genannt, die offiziell keine Verbindung zu Monsanto haben. Kaurovs und Oreskes Anstoß könnte damit weitreichende Folgen haben: Denn Studien bilden die Grundlage für die Zulassung von Pestiziden. 

Um die Zulassung und gesundheitliche Wirkung gibt es einen langen Konflikt

Der Wirkstoff Glyphosat wird weltweit in Produkten mit dem Markennamen Roundup vertrieben. Jedes Jahr steigt der Absatz des Unkrautvernichters. In Deutschland verkaufte der Hersteller Monsanto, der mittlerweile zu Bayer gehört, zuletzt jährlich mehr als viertausend Tonnen des Mittels an Landwirte, Winzerinnen oder auch die Deutsche Bahn, die damit ihre Gleise von Pflanzen befreit. Glyphosat wirkt als Totalherbizid gegen zahlreiche Unkrautarten, auch gegen mehrjährige und schwer bekämpfbare. Seit 50 Jahren ist das Produkt schon auf dem Markt, ebenso lange sorgt es für Bedenken bei Bauern, Verbraucherinnen und Umweltschützern.

Der Konzern Monsanto selbst betont, Glyphosat sei einer der "am umfassendsten untersuchten Stoffe" überhaupt. Laut Konzernsprecher Philipp Blank habe Monsanto an der "überwältigenden Mehrheit der Studien" nicht mitgewirkt. Der Konzern habe klare Vorgaben zu wissenschaftlichen Publikationen und lege "Kollaborationen" mit Wissenschaftlern offen. "Weltweit herrscht unter führenden Regulierungsbehörden Einigkeit darüber, dass Glyphosat bei sachgemäßer Anwendung sicher und nicht krebserregend ist," sagt Blank gegenüber der ZEIT. 

Alle zehn Jahre muss der Glyphosat-Hersteller Monsanto eine neue Zulassung bei der EU-Kommission beantragen. Diese stützt sich dabei auf die Bewertungen der EU-Lebensmittelbehörde Efsa und der Europäischen Chemikalienagentur Echa. Die letzte Zulassung wurde 2023 verlängert. 

Die Kommission und die beteiligten Behörden geben an, dass der Rückzug der Studie zunächst keine Folgen habe. Die Studie habe in der Bewertung von 2023 keine Rolle mehr gespielt. Sie stütze sich vor allem auf eigene Analysen von Studien und Rohdaten. Allerdings lässt sich damit ein Einfluss der Studie nicht völlig ausschließen – andere Autoren könnten sich direkt oder indirekt auf sie bezogen haben. Die Efsa räumt auf Nachfrage ein, die zurückgezogene Studie sei "ein oder zwei Mal" im Zulassungsprozess erwähnt worden – betont jedoch erneut ihre geringe Bedeutung bei Tausenden Studien. Die Europäische Chemikalienagentur Echa wiederum schreibt, sie habe noch nicht überprüfen können, ob sie zitiert worden sei.