"Da wird Honecker auch mal mit Hitler verwechselt"
Die Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) hatte eine Idee: Oberstufenschüler sollten nicht mehr verpflichtend DDR-Geschichte lernen müssen. Dagegen wehrten sich der Geschichtslehrerverband und die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit einem offenen Brief. Die Senatorin lenkte ein – und doch bleibt die Frage: Wie viel Geschichtsunterricht braucht es denn nun?
DIE ZEIT: Herr Lamprecht, Sie sind Vorsitzender des Geschichtslehrerverbandes. Ihre letzten 24 Stunden waren fast schon historisch turbulent. Warum?
Niko Lamprecht: In ganz Deutschland muss das Fach Geschichte darum kämpfen, in den Lehrplänen ausreichend vorzukommen. Und ausgerechnet in Berlin, der schlimmsten Baustelle, sollte der Lehrplan in der gymnasialen Oberstufe so geändert werden, dass eine vertiefte Beschäftigung mit der DDR, der deutschen Teilung und der Nachwendezeit nicht mehr verpflichtend sein soll.
ZEIT: Die Bildungssenatorin ist nun auch auf Druck des offenen Briefs Ihres Verbandes zurückgerudert; die DDR-Geschichte ist im Lehrplan weiter verpflichtend vorgesehen. Aber es bleibt auch die Frage: Warum war Ihnen gerade die Oberstufe so wichtig? Mindestens die Hälfte eines Jahrgangs ist dann sowieso nicht mehr an der Schule – und die haben hoffentlich bis zur zehnten Klasse ausreichend über das Thema erfahren.
Lamprecht: Da bin ich skeptisch, ob bis dahin so viel gelernt wurde. In Klasse 10 wird die aktuelle Geschichte oft nur noch "als Anhängsel" oder gehetzt behandelt. In Berlin, aber auch in anderen Bundesländern kann man teils ganz ohne dieses Wissen mühelos bis zum Ende der zehnten Klasse kommen. Wenn Sie sich unter Jugendlichen umhören, merken Sie schnell: Die Geschichtskenntnisse werden immer rudimentärer, immer wackliger, da haben längst nicht mehr alle Anne Frank gelesen oder wissen über den Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in der DDR Bescheid. Das Wissen verschwindet, ist nur noch mikroskopisch wahrnehmbar. Das zeigen inzwischen auch repräsentative Studien.
ZEIT: Wie konnte es dazu kommen?
Lamprecht: In den Siebzigerjahren fand man es modern, die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer zusammenzunehmen. An den Sekundarschulen in Berlin zum Beispiel heißt das Fach Gewi – Gesellschaftswissenschaften. Dazu gehören Geografie, Ethik, Geschichte und politische Bildung. Geschichte ist also außerhalb der Gymnasien oft kein eigenständiges Fach mehr. Das führt dazu, dass es häufig fachfremd unterrichtet wird, also auch mal vom Geografielehrer, der aber von Geschichte wenig Ahnung hat. Sie wollen ja auch nicht, dass ein Zahnarzt ihre Füße operiert.
ZEIT: Ist das ein Berliner Phänomen?
Lamprecht: Nein gar nicht, das haben viele Bundesländer so übernommen. Ich leite in Hessen ein Oberstufengymnasium, bekomme also Schülerinnen und Schüler aus vielen Schulformen. Die fangen an unserer Schule erst nach der zehnten Klasse an, um das Abitur zu machen. Die sagen mir dann: Ach, zum Holocaust haben wir nur einen Film gesehen, da weiß ich nicht so richtig, was da los war, und Frau X kannte sich auch nicht so gut aus.
ZEIT: Die Leistungen gehen runter, aber die Bildungspolitik hält an diesem System fest?
Lamprecht: Wir haben das als Geschichtslehrerverband immer wieder angesprochen, denn es ist auf jeder Ebene fragwürdig. Warum bilden wir noch Fachlehrer aus, wenn die ihr Fach häufig gar nicht mehr unterrichten? Oder mit einer extrem reduzierten Stundenzahl in den Klassen, sodass sie von vornherein wissen, dass am Ende, wenn es um NS-Herrschaft und DDR-Diktatur geht, die Zeit vorne und hinten nicht reicht. Die Politiker halten zum Teil an dieser Mischung der Fächer fest, vielleicht weil es in ihren Augen so die Möglichkeit gibt, über den Tellerrand zu schauen, fächerübergreifend zu arbeiten. Aber wir zweifeln diesen Effekt und die Wirkung stark an.