Was tun bei einer Lawine?
Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 04/2026.
Stellen Sie sich einen Berghang vor, glitzernd, unberührt, voller Tiefschnee. Sie sind abseits der Pisten unterwegs und wollen ein paar frische Spuren legen. Vielleicht ist es gut, an dieser Stelle einmal ganz ehrlich zu sein: Falls Sie ohne Bergführer unterwegs sind, die Lawinengefahr für den Tag nicht kennen und noch nie etwas von einer Hangneigungskarte gehört haben, sind das drei gute Gründe, diesen Hang nicht runterzufahren.
Acht Lawinentote in Österreich allein am vergangenen Wochenende, sechs Lawinentote in der kaum gestarteten Wintersaison in den Schweizer Alpen. Es scheint bislang ein besonders tödlicher Winter zu sein. Ganz ohne Risiko ist man im Hochgebirge nie unterwegs – und einige Dinge sollte jeder Wintersportler wissen, um sich selbst und anderen helfen zu können.
Besonders gefährlich: die trockene Schneebrettlawine
Nicht an jedem Tiefschneehang ist die Lawinengefahr gleich hoch. Vielmehr bestimmt der vertikale Aufbau der Schneedecke, wie hoch das Risiko ist. Eine ideale Schneedecke, aus der keine Lawine abgeht, ist oben weich und wird immer härter, je weiter nach unten man kommt. Ganz anders ist die Schneedecke, aus der die meisten Lawinen entstehen. Sie ist instabil, enthält eine dünne, weiche Schicht, die schlecht mit den darüberliegenden Schneeschichten verbunden ist. Diese Schwachschicht kann brechen – woraufhin der darüberliegende Schnee dann als Lawine abrutscht (mehr Informationen PDF).
Der Lawinentyp, der im Hochwinter – im Januar und Februar, wenn die Temperaturen am niedrigsten sind – am häufigsten vorkommt, ist die Schneebrettlawine. In diesem Lawinentyp sterben die meisten Menschen, über 90 Prozent der Lawinenopfer.
Das Tückische an der Schneebrettlawine ist, dass sie von einem beliebigen Punkt ausgelöst werden und sich der Bruch entlang der Schwachschicht dann schnell ausbreiten kann. Anders gesagt: Skifahrer 1, der am selben Hang wie Skifahrerin 2 eine Spur zieht, kann eine Schwachschicht zum Brechen bringen und damit eine Lawine auslösen, die Skifahrerin 2 mit sich reißt – auch wenn sie gerade ganz woanders am Hang unterwegs ist.
Vor dem Verlassen der Piste: Lawinengefahr checken
Die Lawinengefahr bemisst sich nach der Europäischen Gefahrenskala für Lawinen in fünf Stufen: gering, mäßig, erheblich, groß, sehr groß. Aber Achtung: Auch bei der niedrigsten Warnstufe kann es Lawinen geben. Die Warnstufen sind vor allem für Freerider und Skitourengänger, aber auch für hochalpine Wanderer wichtig. Außerdem für die Skipistenbetreiber, Sicherheitsdienste und Behörden, die Pisten abfahrtssicher machen, Straßen oder Ortsteile sperren oder Lawinen sprengen, die eine Gefahr darstellen.
Kurt Winkler vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos ist einer von acht Menschen, die den Winter über das Lawinenbulletin erstellen, das die Gefahrenlage für die gesamte Schweiz angibt. Frühmorgens treffen sich täglich zwei von ihnen, um zuerst eine unabhängige Einschätzung zu treffen, dann deren Mittelwert zu bestimmen und daraus die Lawinenprognose für den Tag abzuleiten.
"Mein Bauchgefühl spielt dabei keine große Rolle", sagt Winkler, der selbst Bergführer ist. "Es geht um die Daten – und darum, aus ihnen eine Aussage für die Zukunft zu berechnen." Winkler und seine Kollegen arbeiten mit Daten von Messstationen, etwa der Schneehöhe, mit den Infos von Wetterstationen über Niederschlag und Windstärke, mit der Wetterprognose für den Tag und verschiedenen KI-Modellen. Außerdem mit einem Netzwerk von mehr als 200 Beobachtern in der Schweiz: Das können Pistenchefs sein, Straßenarbeiter, Skitourengänger oder Bergführer.
Auch Privatpersonen, die etwas beobachtet haben, sind aufgefordert, Hinweise über die App White Risk an die Experten zu melden. Ab der Gefahrenstufe vier weichen die Bergführer auf ungefährlichere Regionen aus, sagt Winkler, und dann werden Menschen besonders wichtig, die hoch oben in den Alpen wohnen.
Auf dieses Geräusch sollten Tourengänger achten
Wer die Piste verlässt, sollte selbst erkennen können, wo es besonders gefährlich ist. Ein Warnzeichen ist etwa ein bestimmtes Geräusch, das Wumm-Geräusch: "Wenn es still ist und du der Erste bist, der im flachen Hang eine Spur legt, kannst du manchmal ein Geräusch hören, wenn die Schwachschicht bricht und der Bruch sich ausbreitet", sagt Winkler. "Im Prinzip hast du damit dann eine Lawine ausgelöst, die im Flachen nicht abgeht. Wenn das aber da so ist, dann ist es im steileren Hang wahrscheinlich auch so – und dort geht die Lawine ab."
"Jeder Skitourenfahrer muss am Schluss selbst für die Frage geradestehen", sagt Winkler. "Will ich jetzt diesen Hang wirklich befahren? Ja oder nein?" Franz Perchtold, der seit fast 20 Jahren mit seiner Bergführerschule bei Garmisch-Partenkirchen Menschen für Touren in den Bergen fit macht, ergänzt: "Wenn ich ein Abenteuer in der Natur suche, geht das nicht ohne Risiko. Auch wir Bergführer können nicht mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, ob ein Hang gefährlich ist oder nicht."