Wir haben Mikroplastik im Gehirn, im Blut. Aber alles halb so schlimm?

Zehn Gramm Mikroplastik im menschlichen Gehirn! Also fast einen Esslöffel voll könne er aus Proben isolieren. Mit dieser beunruhigenden Aussage machte der US-Forscher Alexander Nihart im Februar 2025 Schlagzeilen. Gemeinsam mit Kollegen berichtete er im Fachmagazin Nature Medicine von einem deutlichen Anstieg von Mikroplastikpartikeln in Gehirnanalysen von Menschen, die zwischen 2016 und 2024 verstorben waren. Besonders hoch sei die Konzentration demnach bei Demenzkranken gewesen.

Es ist eine der prominenteren Studien, die in den vergangenen Monaten auf einen erschreckenden Trend hindeuteten: Nicht nur haben Menschen Mikroplastik im Gehirn, im Blut oder im Hoden – sondern auch ziemlich viel davon. Es steckt in Ablagerungen an den Wänden von Arterien, der Niere und Leber und der Plazenta. Wo man auch sucht, man findet Mikroplastik. Mit womöglich schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit.

Viele dieser Studien sind in renommierten Fachzeitschriften erschienen. Doch nun wird die Kritik an ihnen immer deutlicher, vor allem aus der Forschung selbst. Der britische Guardian schreibt sogar von einem Paukenschlag ("bombshell"), von Zweifeln am Fund der Partikel im menschlichen Körper, der verunsichert und ein schlechtes Licht auf einen ganzen Forschungszweig werfe.

Alles halb so wild also? Wurde gar schlampig gearbeitet? Oder ist die Skepsis übertrieben? Was lässt sich denn nun zuverlässig über die Wirkung von Mikroplastik im menschlichen Körper sagen?

Die Kritik an bestimmten Studien, insbesondere aus dem medizinischen Bereich, ist nicht neu. Fachleute, die die ZEIT vergangenes Jahr dazu befragte, äußerten bereits Zweifel an ihrer Aussagekraft – besonders über die Ergebnisse zu Mikroplastik im Gehirn. Mittlerweile hat auch das Journal zu dieser Studie ein sogenanntes Matters Arising veröffentlicht, einen wissenschaftlichen Kommentar, in dem mehrere Forschende detaillierte Kritik an der Vorgehensweise der Studie formulieren.

Aus dieser und vielen weiteren kritischen Anmerkungen, die in den vergangenen Monaten zu Mikroplastikstudien veröffentlicht wurden, lässt sich herauslesen: Es geht nicht darum, dass einzelne Forscherinnen und Wissenschaftler Unwahrheiten verbreiten oder unsauber arbeiten. Es geht vielmehr um ein sehr junges Forschungsfeld, das gerade erst dabei ist, die richtigen Instrumente zu entwickeln, um lebenswichtige Fragen zu beantworten. Und um ein System, in dem der Druck zu publizieren einen ausgeruhten wissenschaftlichen Prozess erschwert.

Mikroplastik ist überall – Expertise dazu allerdings nicht

Um das zu verstehen, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Kritik an Niharts Gehirnstudie: Um die Mengen an Mikroplastik in den Proben festzustellen, nutzten die Forschenden die Methode der Pyrolyse-GC/MS. Grob gesagt, werden dafür Gewebeproben verbrannt. Mithilfe spezialisierter Messgeräte lässt sich anschließend ableiten, welche Moleküle genau in der Probe waren: Plastik hinterlässt dabei einen spezifischen chemischen Fingerabdruck, dessen Muster sich mit Datenbanken abgleichen und dadurch identifizieren lässt.

"In dieser Methode zeigen die Pyrolyseprodukte des Kunststoffs Polyethylen oft ähnliche Signale, wie bestimmte Lipide, die man auch ganz natürlich in fettreichem Gewebe wie dem Gehirn findet", sagt Christian Laforsch von der Universität Bayreuth. Der Umweltbiologe forscht seit mehr als fünfzehn Jahren zu Mikroplastik. "Dementsprechend wurden möglicherweise viele falsch positive Signale als Plastik interpretiert."

Die zehn Gramm Mikroplastik im Gehirn dürften also übertrieben sein. Und auch die Zunahme an Mikroplastik im gesamten Körper über die vergangenen Jahrzehnte hinweg ist laut der Kritik nicht gut genug abgesichert. So sei im Messzeitraum auch der Anteil an Menschen mit Adipositas in der Bevölkerung gestiegen, heißt es in dem Matters-Arising-Kommentar. Ob die Gehirne der Verstorbenen aus diesem Grund mehr Fett enthielten, was wiederum das Ergebnis verfälscht haben könnte, wurde in der Studie beispielsweise nicht überprüft.

Das Problem ist also: Bei der Verarbeitung der Proben sowie der Interpretation der Daten gibt es viel Raum für Fehler. Daten müssten strenger kontrolliert werden, als es in der Gehirnstudie geschehen sei, sagt Laforsch. "Dazu braucht es wirklich Spezialisten oder Spezialistinnen." Und die finden sich bisher häufig nicht in medizinischen Forschungsgruppen, sondern kommen eher aus der chemischen Analytik oder den Umweltwissenschaften.

Das große Problem der Plastikkontamination

Dabei ist es nicht nur die Messmethode selbst, die verfälschte Mikroplastikergebnisse liefern kann. Es ist der ganze Prozess der Probennahme und der Behandlung, der im Moment immer wieder für Probleme sorgt. "Es gibt so gut wie keinen Ort auf der Welt, an dem es kein Mikroplastik gibt", sagt die Chemikerin Verena Pichler von der Universität Wien. Es ist überall und nicht nur in der Luft, sondern auch dort wo potenziell daran geforscht wird: in Laboren, Operationssälen, in der Pathologie. Denn überall wird Plastik verwendet, in Handschuhen, in der Kleidung, in Laborutensilien. Es ist ein Standardmaterial. Sucht man nach Mikroplastik im Blut, muss man einkalkulieren, dass abgesehen von der Kanüle alle Utensilien beim Blutabnehmen aus Kunststoff sind. Selbst in den Flüssigkeiten, in denen Gewebe haltbar gemacht wird, ist Mikroplastik, das in Gewebeteile übergehen kann – und andersherum.

Nur wer genau misst, wie groß eine mögliche Kontamination ist, um sie anschließend herauszurechnen, kann valide Analysen durchführen. Dafür braucht es Negativproben, in denen kein Plastik zu finden ist, sowie Positivproben, in denen eine bekannte Menge an Mikroplastik steckt, um wirklich robuste Daten zu bekommen. "Eigentlich bräuchte man von den Positivproben sogar eine pro Plastikart", sagt Pichler. "Das sind dann aber bis zu 100 Stück."