Was, wenn’s wackelt?: Klettertour am Mega-Wolkenkratzer im Erdbebengebiet

Es ist kurz nach 21 Uhr. Ein seltsames, schwummriges Gefühl. Dann erste Schreie. Geschirr, das zu Boden fällt und zerschellt. Menschen, die von den Restauranttischen im Food Court aufspringen und in Richtung Ausgang laufen. Neben dem Kreischen hört man auch laute, quietschende Geräusche.

Ein Erdbeben. Stärke 6,4. Wer das im Untergeschoss eines der weltweit höchsten Gebäude, das an jenem 19. Dezember 2009 noch das höchste überhaupt war, einmal erlebt hat, wird es wohl nie wieder vergessen.

Es ist nach weniger als einer halben Minute wieder vorbei. Aber es quietscht noch immer. In der gut einsehbaren Zwischendecke schwingt eine gewaltige Stoßdämpferkonstruktion weiterhin gewaltig nach. Sie und zahlreiche weitere in den anderen Stockwerken federn die darüber liegenden 101 Etagen ab, nach denen das Gebäude benannt ist.

Alex Honnold, hier nicht an einer Hauswand, sondern in der Felswand eines venezolanischen Tafelberges, 2022.

© IMAGO/Capital Pictures/Renan Ozturk

Die Glas- und Stahlfassade dieses Hauses wollte der Freikletterer Alex Honnold, der sonst eher im Fels des kalifornischen Yosemite-Valley unterwegs ist, vergangene Nacht europäischer Zeit hinaufsteigen. Ungesichert.

Standfester Megawolkenkratzer

Es wäre die beste Fernsehzeit in Amerika gewesen. Ein dort beheimateter Streamingsender wollte live übertragen. Vor Ort war es auch früher Vormittag und damit eigentlich die Tageszeit, in der Regen am wenigsten wahrscheinlich ist. Doch das Wetter spielte tatsächlich nicht mit und das Event wurde nun um 24 Stunden verschoben.

Nun soll es also die Nacht von Samstag auf Sonntag sein. Wenn es dieses Mal besser klappt mit dem Wetter, wird Honnold aber nicht nur auf Kameras und auch ohne Regenwasser ziemlich glatte Hightech-Materialien anstelle von Basalt und Granit vorbereitet sein müssen.

Wann, wo, wenn? Und was, wenn?

Netflix will Honnolds Versuch, Taipei 101 zu besteigen, nun laut aktuellen Informationen des Streamingdienstes ab 2 Uhr MEZ am Sonntagmorgen statt wie zunächst geplant am Samstagmorgen livestreamen.

Oder eher: beinahe livestreamen. Denn sollte Honnold abstürzen, werden den Zuschauern Horrorbilder wahrscheinlich erspart bleiben. Oder vorenthalten, je nachdem, warum man es sich anschaut. Denn wie bei solchen Übertragungen üblich, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einer Verzögerung von etwa 10 Sekunden gesendet werden, sodass die Regie im Fall des Falles den Stoppknopf drücken könnte.

Ob Honnold überhaupt klettern wird, hängt aber auch weiterhin vom Wetter ab.

Er muss dann auch nicht nur mit dem Wind rechnen, der im oft ziemlich kalten Subtropen-Januar gelegentlich durch Taipehs Häuserschluchten pfeift. Es gibt dort potenziell auch noch etwas anderes, das zwar nicht besonders wahrscheinlich ist, aber doch viel wahrscheinlicher als an den meisten anderen Orten der Welt: Erdbeben.

Ausmachen würde es ihm aber wahrscheinlich: nichts.

Taipei 101 hat zwar inzwischen fast alle Rekorde, die es einst hielt, verloren: höchstes Gebäude der Welt, höchstes Besucherdeck, höchstes belegtes Stockwerk, schnellster Aufzug der Welt. Aber einen, wenn auch nicht offiziellen, hält es noch: den des wohl erdbebensichersten Megawolkenkratzers.

508
Meter ist ,Taipei 101’ hoch

In den Aussichtsgeschossen nahe dem 101. Stockwerk merkte man etwa von jenem Beben der Stärke 6,4 fast nichts. Das nach dem Vorbild eines Bambusrohres designte Gebäude mit der nahe der Spitze mitten im Gebäude hängenden 660 Tonnen schweren Dämpfungs-Kugel hat fast alles abgefedert, ausgeglichen.

Aus den gewaltigen Stößen, die die Besucher im ersten Untergeschoss noch spürten, sind langsame Schwingungen geworden. Das Haus soll noch weit gewaltigeren Erdstößen gewachsen sein. Offiziell kann es Beben standhalten, die statistisch nur alle 2500 Jahre passieren.

Pendelnder Masseausgleich

2024 erlebte Taiwan das stärkste Beben seit der Eröffnung des Wolkenkratzers Jahre zuvor. 19 Menschen starben landesweit. Etwa 770 Gebäude wurden schwer beschädigt. Doch die Erdstöße, die im Epizentrum südöstlich von Taipeh mit einer Stärke zwischen 7,2 und 7,4 gemessen wurden, in der Hauptstadt allerdings auch schon deutlich schwächer waren, konnten dem Wolkenkratzer auch diesmal nichts anhaben.

Sie lässt auch bei Erdbeben niemanden hängen: die 660 Tonnen schwere Stahlkugel hoch oben in Taipei 101.

© imago/Panthermedia/kanzilyou via imago-images.de

Videos zeigen das Wahrzeichen des offiziell zu China gehörenden, aber demokratisch regierten Inselstaates in scheinbar stoischer Zen-Ruhe. Und es sieht nicht nur so aus. Der Turm bewegt sich bei Sturm oder auch bei Erdbeben durchaus. Aber sehr langsam, und auch insgesamt viel weniger, als die wirkenden Kräfte es vermuten ließen.

Als wichtigstes Element dafür gilt jener in der Mitte des Turms zwischen den Etagen 87 und 92 hängende, 660 Tonnen schwere Pendel-Massenausgleichsdämpfer. Er wird teilweise auch elektronisch gesteuert. Als Prinzip liegt ihm aber die natürliche Trägheit zugrunde: Während der Turm sich bewegt, bleibt die Kugel zunächst, wo sie ist. Ihre Masse bremst, weil sie mit dem Gebäude verbunden ist, dann aber diese Bewegung.

Klettern und Bergsteigen bei Erdbeben

Kletterer und Bergsteiger erleben immer wieder auch Erdstöße. Das Kletter-Mekka Yosemite Valley und die Sierra Nevada in Kalifornien etwa liegen in einem seismisch aktiven Gebiet. In einigen Reddit-Diskussionen sind entsprechende Erlebnisse dokumentiert.

Auch Nepal, von wo aus einige der wichtigsten Gipfel des Himalaja bestiegen werden, liegt in einer Erdbebenzone. Zu den dramatischsten Ereignissen der vergangenen Jahre gehört ein schweres Beben, das auch die Gegend des Mount Everest (Chomolungma) betraf. Im April 2015 starben dabei in Nepal etwa 9000 Menschen, 19 davon im Basislager des Everest. Der Bergführer Alan Arnette berichtet hier darüber, wie sich die Erdstöße auf dem Khumbu-Gletscher anfühlten.

Der opferreichste nichtmilitärische Bergsteigerunfall der Geschichte ist ebenfalls auf ein Erdbeben zurückzuführen. Am 13. Juli 1990 starben am „Lenin Peak“ (heute Pik Ibn Sina genannt) im nördlichen Teil des Pamirgebirges an der Grenze zwischen Tadschikistan und Kirgisistan 43 Menschen durch eine Lawine. Sie war von einem Erdbeben der Stärke 6,4 ausgelöst worden.

Die Kugel verhält sich letztlich wie ein Pendel: Dieses schwingt von einer Seite zur anderen und arbeitet so letztlich gegen die einwirkenden Kräfte. Teile ihrer Befestigung wiederum sorgen dafür, dass sie nicht zu stark auspendelt und so die Situation möglicherweise sogar verschlimmert.

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Beim Bau von Taipei 101 wurde die Kugel aus zahlreichen Einzelteilen, die mit Spezialkränen nach oben gezogen wurden, vor Ort zusammengeschraubt und verschweißt. Aufgehängt ist sie an acht dicken, bis zu 42 Meter langen Stahlseilen. Dazu kommen acht ölgefüllte hydraulische Stoßdämpfer unterhalb der Kugel und zwei weitere kleinere Ausgleichskugeln noch weiter oben nahe der Spitze des Turmes.

Und dann singt Elton John

Durch das Innere des Gebäudes ziehen sich acht sogenannte „Megasäulen“ aus Stahlbeton, die flexibel miteinander und mit der äußeren Konstruktion verbunden sind. Der Turm ist zudem in einer an Pagoden oder Bambusrohre erinnernden Modulbauweise konstruiert, in der die einzelnen Teile auch wieder flexibel verbunden sind. Und dann gibt es noch eine Fundamentkonstruktion aus 380 Pfählen, die bis zu 30 Meter tief in die Erde reichen.

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Sicher werden sich viele das gefährliche Schauspiel ansehen, für das Honnold, der eigentlich ein absoluter Held der Kletterszene ist, schon vorab auch von Freunden und Weggefährten teils scharf kritisiert worden ist. Wer sich die Nacht so um die Ohren schlägt, kann dann aber vielleicht auch an eines denken: Das Spektakuläre ist vielleicht nicht der kommerziell ausgeschlachtete Aufstieg, sondern das Gebäude selbst. Hübsch anzuschauen, in taiwantypischem Jadegrün, ist es auch.

Wenn man es verlässt, dringt aus Lautsprechern stets Popmusik, gern aus den 80er-Jahren. An jenem Tag 2009 lief „Blue Eyes“ von Elton John. Und wenn man in einem Hochhaus ein starkes Erdbeben – zumindest körperlich – unbeschadet übersteht, ist man auch irgendwie mit einem blauen Auge davongekommen. „I’m still standing“, auch von Elton John, wäre aber trotzdem passender gewesen.