Länger leben? : Das geht auch ohne die richtigen Gene

Wie alt kann der Mensch werden? Wie alt werde ich? Zwei ähnliche, aber doch grundverschiedene Fragen. Denn die wirklich entscheidende Frage, die wohl jeder gern beantwortet haben will, ist eher die zweite: die nach der eigenen, ganz persönlichen Lebensspanne, nicht die nach der inneren Sanduhr des Homo sapiens.

Es sind, im Wesentlichen, zwei Faktoren, die bestimmen, wie viel Zeit einem auf Erden bleibt. Zum einen die Genvarianten, die man von seinen Eltern mitbekommt. Zum anderen die Umwelteinflüsse, denen man zeitlebens ausgesetzt ist – Hunger, Krankheiten, Unfälle.

Aber was spielt die größere Rolle? Umwelt oder Gene? Einer Zwillingsstudie zufolge, veröffentlicht in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts „Science“, soll die Lebensdauer des Menschen „weitaus stärker“ durch die Gene bestimmt sein als bisher angenommen. „Nach Berücksichtigung von Todesfällen aufgrund externer Faktoren“, etwa Unfällen oder Infektionskrankheiten, erkläre die Genetik „etwa 50 Prozent“ der menschlichen Lebensspanne. Eine durchaus interessante Erkenntnis. Aber eher für die Forschung, da es ein gutes Argument für die Suche nach Genen und damit Stoffwechselprozessen ist, in die man künftig eingreifen könnte, um Menschen ein längeres Leben zu ermöglichen.

Der Erbonkel

© Gestaltung: Tagesspiegel/Renner/Foto: Nassim Rad

Was wir zum Leben mitbekommen und was wir weitergeben – jedes Wochenende Geschichten rund um Gene und mehr in der „Erbonkel“-Kolumne des Wissenschaftsjournalisten und Genetikers Sascha Karberg.

Für all jene aber, die wissen wollen, was sie jetzt und heute tun können, um dem Leben ein paar mehr Jahre abzutrotzen, ist das eher irrelevant.

Lebensspanne verdoppelt, ganz ohne Gene

Denn zum einen sind 50 Prozent Erblichkeit kein sehr hoher Wert. Bei der Größe eines Menschen zum Beispiel machen die Gene 80 Prozent der Unterschiede aus, nur 20 Prozent die Ernährung. Zum anderen ist es nicht die Genetik, die es Menschen in den vergangenen 200 Jahren ermöglicht hat, die durchschnittliche Lebenserwartung von unter 40 Jahren auf fast 80 Jahre zu verdoppeln.

Der menschliche Genpool hat sich in dieser Zeit praktisch nicht verändert, wohl aber die Umweltbedingungen:

  • Impfungen haben die Säuglingssterblichkeit erheblich gesenkt,
  • Antibiotika und Hygienemaßnahmen die Zahl der frühzeitig an Infektionskrankheiten Gestorbenen dezimiert,
  • Medikamente haben die Sterberate infolge diverser Krankheiten gedrückt,
  • eine verbesserte Ernährungslage hat Mangelerkrankungen verhindert.

Für viele Menschen haben sich diese lebensverlängernden Maßnahmen verbessert, aber längst nicht für alle. Für die Politik bleibt noch viel zu tun. Warten muss der Einzelne darauf aber nicht.

Während man an seinem Genmix nichts mehr ändern kann, steht es jedem frei, seine Umweltbedingungen lebensdauerfördernd zu verändern. So kann etwa der Verzicht auf Alkohol und Zigaretten sowie der Konsum von nur wenig rotem Fleisch und Wurst einem Menschen bis zu 17 Jahre mehr schenken. Zehn Jahre soll regelmäßiger Sport einbringen. Menschen mit geringem Zuckerkonsum reduzieren ihr Risiko für Übergewicht, Diabetes und Herzversagen und damit ihr vorzeitiges Ableben um gut 30 Prozent.

Immerhin: Das mit den Zigaretten hat der Erbonkel schon mal abgehakt.

„Der Erbonkel“ – Geschichten rund um Gene, jedes Wochenende.