Von der Arbeiter- zur Expertenstadt: Neue Studie erklärt den radikalen Wandel der Berufe in Berlin
Die Narva-Produktion in Friedrichshain oder das Kabelwerk in Oberschöneweide: In alte Berliner Fabrikhallen sind Firmenzentralen und Hochschulen eingezogen. In den Lokalen der ehemaligen Arbeiterviertel stehen Laptops auf jedem zweiten Tisch. Stellten vor dreißig Jahren die Arbeiter noch die größte Klasse, ist die Stadt nun auf dem Weg zur Expertenmetropole.
Berlin hat einen radikalen Wandel seiner Berufsstruktur durchgemacht, berichtet ein Forschungsteam aus der Schweiz. In der Stadt habe es über die letzten Jahrzehnte ein massives „Upgrading“ von Jobs gegeben, schreibt es jetzt im „Journal for Labour Market Research“. Es verglich die zehn jeweils größten deutschen und britischen Städte über den Zeitraum von Anfang der Neunziger bis 2021, als deutsche Datenbasis dienten Stichproben der Sozialversicherungsbehörden. Es ist die erste Studie dieser Art, sagt die Studienautorin Gina-Julia Westenberger von der Universität Lausanne.
„In den letzten Jahrzehnten hat es eine starke Aufwertung der Beschäftigungsstruktur gegeben“, sagt die Forscherin. „Immer mehr Leute arbeiten in hochqualifizierten, hochbezahlten Berufen.“ Gleichzeitig sei die alte Arbeiterklasse geschwunden, Büroberufe im mittleren Gehaltsbereich seien gewachsen.
Niedergang der Arbeiterklasse Berlins
Überrascht habe sie der Umbruch, den Berlin nach der politischen Wende gemacht habe, sagt die Forscherin. Denn zu Beginn der Neunziger arbeitete die Hälfte der Berlinerinnen und Berliner noch in Arbeiterberufen, also klassisch in der Produktion oder im Service-Bereich – etwa im Gastgewerbe, als Fahrerin oder Friseur. In dem Modell der fünf Arbeitnehmergruppen, das das Forschungsteam entwickelt hatte, sind sie die beiden am schlechtesten bezahlten Segmente.
In keiner großen deutschen Stadt vollzog sich der Niedergang der klassischen Arbeiterschaft anschließend so beeindruckend wie in Berlin. Die Hauptstadt verlor etwa 40 Prozent ihrer Produktionskräfte, zeigt die Studie. Berlin glich sich somit der Struktur der Städte in Westdeutschland an wie Köln, Düsseldorf oder Hamburg: „Berlin folgte dem Trend der deutschen Großstädte“, sagt Westenberger.
Bis 2021 hatte sich das Bild komplett umgekehrt. Jetzt machten die besserverdienenden „Hochqualifizierten und Manager“ (dazu gehören zum Beispiel auch Ärzte und Ingenieure) und die noch durchschnittlich verdienenden Fachkräfte (Krankenschwestern, Techniker) die Hälfte der Arbeitnehmer aus. Das einkommensschwächste Fünftel der Arbeitnehmer wuchs im innerdeutschen Vergleich eher moderat um 16 Prozent.
„Polarisiertes Upgrading“ nennen die Forscher diesen Prozess der Aufwertung mit geringem Wachstum am unteren Ende der Skala. Grundsätzlich lässt sich dieser für alle analysierten Städte nachweisen. So widerlegt die Studie die übliche Annahme, dass nur sehr wenige Gewinnerstädte boomen: Auch Leipzig, Dortmund und Essen erlebten starkes Wachstum bei hochqualifizierten Jobs.
Was Deutschland Großbritannien voraus hat
Insgesamt legt ganz Deutschland eine positivere Entwicklung hin als das Vereinigte Königreich, mit dem die Forschenden ihre Zahlen verglichen. Der Kontrast zwischen den Hauptstädten ist besonders frappierend: In London wuchs die niedrig bezahlte Gruppe der Service-Arbeiter um 57 Prozent. „Der Upgrading-Trend ist in Deutschland stärker, der Polarisierungstrend schwächer.“
Als einen wichtigen Grund vermutet Westenberger, dass das angelsächsische Ausbildungssystem viel stärker zweigeteilt ist als das deutsche. An die Universität schließt sich ein hoch bezahlter Job an, oder man hat eben einen Schulabschluss: „Es gibt nicht dieses starke Ausbildungssystem wie in Deutschland, das auch in der Mitte viel Qualifizierung zulässt und auch bessere Gehälter.“
Das Bildungssystem sei es auch, das die Deutschen vor einer starker Polarisierung „nach dem amerikanischen Vorbild“ schützen sollte. In den USA ist die sozioökonomische Teilung noch stärker.
Mehr Experten, gleich viel Armut
Wer genauer hinschaut, entdeckt, dass das Bild des ökonomischen Aufstiegs etwas komplizierter ist, als die nackten Zahlen vermuten lassen.
Die Autoren von Berlin-Monitor, einem von der Berliner Landesstelle gegen Diskriminierung, für Gleichbehandlung (LADS) geförderten Forschungsprojekt, schrieb 2023: „Der gefeierte wirtschaftliche Aufschwung der Hauptstadt ist Ausdruck wachsender Ungleichheit.“ Trotz sinkender Arbeitslosigkeit habe sich an der Armutsquote in Berlin von etwa 20 Prozent nichts verändert.
Gert Pickel, Projektleiter des Berlin-Monitors und Soziologe an der Uni Leipzig, hat die neue Studie gelesen. „Das ist bei einer solchen Kalkulation das Problem, dass Lebensumstände, finanzielle Mittel, Äquivalenzeinkommen und weitere Informationen hier keine Rolle spielen“, sagt er dazu.
Um die Lebensrealität abzubilden, müsste man Teuerung und Veränderungen der Gehaltsstrukturen untersuchen, sagt Pickel. „Ehrlicherweise war das nicht das Ziel der Autoren.“
Doch die Explosion der Lebenshaltungskosten in den deutschen Städten zeigt Wirkung, losgelöst von der Klassenzugehörigkeit. Ausgebildete Fachkräfte wie Postboten oder Erzieher können sich das Leben in der Stadt häufig nicht mehr leisten und werden zunehmend an die Ränder gedrängt. Die Angebotsmieten haben sich in Berlin seit 2017 fast verdoppelt.
Dazu kommt in den vergangenen Jahren die neue, prekäre Klasse von Dienstleistern auf Minijob-Basis oder freier Mitarbeit – darunter beispielsweise Essenslieferanten oder über Plattformen vermittelte Reinigungskräfte –, die in der neuen Studie nicht abgebildet ist. Auch die in Berlin besonders häufigen Solo-Selbstständigen und digitalen Freelancer gehen in der rein sozialversicherungsbasierten Datenquelle für Deutschland unter.
Tatsächlich dürfte die Polarisierung stärker ausfallen, wenn diese Arbeitskräfte erfasst werden könnten, sagt Westenberger dazu.
In einer weiteren, noch nicht veröffentlichten Studie hat Westenberger die politischen Einstellungen im Kontext des Beschäftigungswandels in ganz Deutschland untersucht. „Rein numerisch schwindet die alte Arbeiterklasse“, sagt sie. „Das kann gewisse Gefühle hervorrufen, dass man selbst unterrepräsentiert ist und andere in der Überzahl – dann ändert sich auch der politische Diskurs.“
Einen Zusammenhang zum Rechtspopulismus hat sie aber nicht gefunden. Wo hochqualifizierte Jobs wachsen, nimmt die Zustimmung für die Grünen und die FDP zu. Überrascht habe sie zudem festgestellt: „Gegenden, die stark an hochqualifizierten Jobs verloren haben, wählen eher die SPD.“