Leere Reihen im Uni-Hörsaal: Wer die Präsenzpflicht wieder einführen will, verkennt die heutigen Studienbedingungen
Albtraumhaft wirkt die Erinnerung an die surreale Pandemiezeit, als die Hochschulen gähnend leer waren, Lehre und Studium nur noch im virtuellen Raum stattfanden und soziale Interaktion auf eine Kachel in Zoom reduziert war. Unvergessen, wie ich ein junger Mann sein Studienberatungsgespräch im Flüsterton führt, weil neben ihm im Bett die noch schlafende Freundin lag. Oder die Ratsuchende, die mit ihrem Laptop im Kleiderschrank saß: dem einzigen Ort in der Wohnung, wo sie ungestört sprechen konnte.
Barış Ünal ist Leiter der Allgemeinen Studienberatung sowie Flüchtlingsbeauftragter der Technischen Universität Berlin und Kolumnist des Tagesspiegels. Ünal hat an der Freien Universität Berlin Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Islamwissenschaft studiert. Er schreibt in dieser Kolumne abwechselnd mit Ulrike Freitag, Jule Specht, Jutta Allmendinger und Johannes Vogel über aktuelle Wissenschafts- und Hochschulthemen.
Der Wunsch nach „echter“ Präsenz im Studium ist weiterhin spürbar. Der Hörsaal bleibt ein Ort geistiger Erweckung: reale Mitstudierende und billiges Flaschenbier, spontane Debatten nach dem Seminar, inspirierende Teamarbeit im Labor. Man sehnt sich nach einem brummenden Campus, der vom Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden lebt. Manchmal klingt diese Schwärmerei vom guten alten Präsenzstudium wie der Eifer von Schallplattenjunkies, die mit entrücktem Blick das warme Knacken ihrer Vinyls beschreiben.
Und doch: Wer heute über den Campus geht, spürt, dass diese Sehnsucht nicht automatisch in Anwesenheit übersetzt wird. Der wuselige Bienenstock scheint Geschichte, es ist sichtbar luftiger geworden. Ob das daran liegt, dass Präsenz im Studium aus Sicht vieler Studierender inzwischen eher eine Funktion hat, als dass sie romantisch aufgeladen wäre?
Zwei Stunden Pendeln für 90 Minuten Folien, wackliges Internet, tropfende Decken, heruntergedrehte Heizung oder ausgefallene Lüftung: Das überzeugt niemanden, der sein Studium als durchgetaktetes Projekt zwischen Nebenjob, Leistungsnachweisen und Fristen erlebt. Wer so studiert, optimiert zwangsläufig auch die Anwesenheit vor Ort.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass ein Studium ohne Präsenz am Ende ein Fernstudium ist – und dafür braucht es keine Präsenzuniversität. Wenn man sich aber die aktuellen baulichen Einschränkungen vor Augen führt, stellt sich automatisch die Frage, wie das in der Realität funktionieren soll. Proseminare hinter dem Hauptgebäude an der Tischtennisplatte? Pflichtpraktika in dem Labor, welches gerade nicht wegen Wasserschaden, Vandalismus oder mangelndem Brandschutz geschlossen wurde? Vorlesungen unter dem Baum im Tiergarten?
Lesermeinungen
A_Bardenhagen
Massenvorlesungen mit sehr vielen Studierenden (bis über 500!) sind sicherlich aus der Zeit gefallen. Diese Formate können in den Grundlagenfächern durch online-Lehre problemlos ersetzt werden. Entsprechenden Hörsäle könnten stillgelegt werden. Dagegegen erfordern Projekte, Labore, Diskussionen und Reflektionen Präsenz und direkten Austausch - genauso wie die vielen gemeinsamen Aktivtiten neben dem Studium. Es wird in Zukunft in diesem Punkt eine „andere“ Universität brauchen - weniger Quantität bei den Vorlesungen und großen Übungen, dafür mehr Projekte, Diskussion und direkte Interaktion. Weder Fernuni noch zwanghafte Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen helfen da.
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Wer die aktuellen Gegebenheiten anerkennt, wird die Präsenz im Studium kaum per se zum Dogma erklären. Nur wenn angemessene Lehr- und Lernräume selbstverständlich sind, wenn bauliche und technische Infrastruktur funktionieren und wenn echte Begegnung möglich ist, bietet Anwesenheit auf dem Campus einen Mehrwert, der über Nostalgie hinausgeht.