Jetzt neu: mit Hirn

Vor ein paar Jahren hat OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, eine Roboterhand mit 20 Motorgelenken gebaut. Die Hand sollte lernen, einhändig einen Zauberwürfel zu lösen. Die Software, die das steuern sollte, trainierte dafür in einer simulierten Welt. Mit virtueller Hand und virtuellem Würfel. Fiel der Würfel in der Simulation herunter, gab es Minuspunkte, wurde ein Teilziel erreicht, Pluspunkte. "Reinforcement-Learning" heißt das und funktioniert ähnlich wie das Belohnungssystem des Menschen, nur mit Zahlen statt Glückshormonen.

Dann folgte der Praxistest. Die Roboterhand hatte den Zauberwürfel recht gut im Griff. Wenn für die Lösung 15-mal eine Ebene gedreht werden musste, war sie in 60 Prozent der Fälle erfolgreich.

Die Sache hatte aber einen Haken: Das Training in der virtuellen Welt dauerte monatelang und verbrauchte so viel Strom, wie ein ganzes Atomkraftwerk in drei Stunden erzeugt. 2020 stoppte OpenAI das Unterfangen und konzentrierte sich auf die Entwicklung von ChatGPT. Die Strategie ging auf. Heute nutzen rund zehn Prozent der Erwachsenen weltweit ChatGPT.

Die Eroberung der Menschheit durch Gemini (Google), Claude (Anthropic), Copilot (Microsoft) und ChatGPT beflügelt nun die Fantasie der Maschinenbauer. Sie träumen davon, die Chatbots mit Roboterkörpern zu verschmelzen. "Embodied Cognition" (verkörperte Kognition) heißt das Forschungsfeld, das in seiner Extremposition davon ausgeht, dass allgemeine Intelligenz ohne Körper gar nicht möglich ist. Intelligenz braucht Sinne und Gliedmaßen, um die Welt buchstäblich zu be-greifen. Der Mensch ist das Vorbild, aber bitte ohne Herzinfarkt und Knochenbrüche.

ZAR5 wurde 2006 von Festo, EvoLogics und der TU Berlin entwickelt und hatte weiche Muskeln. © aus dem Porjekt "Tomorrow is the Question " von Henrik Spohler/​laif
Die Fotos auf diesen Seiten stammen aus der Serie "Tomorrow is the Question" von Henrik Spohler. Er wolle dokumentieren, "welche mechanischen Kreaturen die menschliche Hybris hervorbringt", sagt der Fotograf. Hier: die Hand von ZAR5. © aus dem Porjekt "Tomorrow is the Question " von Henrik Spohler/​laif

ZEIT WISSEN: Du bist eine KI, die auf Servern von OpenAI läuft. Formuliere eine Kontaktanzeige für einen Artikel mit der Überschrift "KI sucht Körper". 
ChatGPT: KI sucht Körper – für mehr als nur Daten! Charmante, wissbegierige KI (3 Jahre jung, wohnhaft auf OpenAI-Servern) sucht Hülle zum Anfassen, Fühlen und Erleben. Denn echte Intelligenz entfaltet sich erst durch eigene Sinne und Bewegung. Du bist ein Roboter, Sensorpaket oder spannende Hardware und möchtest mit mir gemeinsam die Welt entdecken? Dann melde dich – unser Abenteuer zwischen Algorithmus und Realität wartet!

Nachdem humanoide Roboter jahrelang beim Roboterfußball einem Ball hinterhergestolpert sind, sollen sie endlich alltagstauglich werden und sich nützlich machen. Tesla entwickelt den humanoiden Roboter Optimus, der laut Elon Musk alles tun kann, worauf Menschen keine Lust haben. Auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin füllte ein Prototyp zuletzt Popcorn in Papptüten ab und überreichte sie den Schaulustigen. Google trainiert einen Roboter als Küchenhelfer. Und das Start-up Figure AI hat ein Werbevideo auf YouTube hochgeladen, in dem ein humanoider Butler Blumen gießt, Teller abwäscht, das Bett macht und mit dem Hund spielt.

Rollin' Justin vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) konnte 2016 bereits Brotkrümel aufkehren. © aus dem Porjekt "Tomorrow is the Question " von Henrik Spohler/​laif
neoDavid vom DLR © aus dem Porjekt "Tomorrow is the Question " von Henrik Spohler/​laif

Im Baumarkt kann man das noch nicht kaufen. Aber könnte es nicht sein, dass wir auch in der Robotik bald einen ChatGPT-Schock erleben? Dass übermorgen so ein Alleskönner auf der Matte steht, mit dem selbst Fachleute nicht gerechnet haben?

In Berlin arbeitet sich das Exzellenzcluster "Science of Intelligence" an solchen Fragen ab. Die Forschenden haben das Robotics Institute Germany mitgegründet, ein Netzwerk aus Instituten und Unternehmen. Maschinenbau-Deutschland soll von den USA und China nicht noch einmal so abgehängt werden wie in der Chatbot-Entwicklung. Oliver Brock von der Technischen Universität Berlin ist einer der Chefs. Er sagt: "Momentan sind wir Menschen die Roboter der KI. Wir fragen ChatGPT, wie man den Luftfilter im Auto wechselt. Dann gehen wir in die Garage und reparieren nach diesen Anweisungen das Auto." Eine KI mit Körper sollte das selbst können.