Lasst Forscher schreiben!

Mike S. Schäfer ist Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Zürich.

Im Juli 2026 startet The Conversation im deutschsprachigen Raum – eine Plattform an der Schnittstelle von Wissenschaftskommunikation und Journalismus. Das ist ein Experiment mit Potenzial, aber auch mit Fallstricken.

Das Potenzial: International ist das Portal theconversation.com seit über zehn Jahren erprobt und verfolgt ein besonderes Modell: Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen schreiben über Themen, zu denen sie selbst forschen. Professionelle Journalistinnen und Journalisten prüfen, ob diese Texte für ein breiteres Publikum interessant sind, lektorieren und übersetzen sie in allgemein verständliche Texte.

Die Artikel erscheinen frei zugänglich im Netz. Zudem dürfen sie von anderen Medien kostenfrei weiterveröffentlicht werden. Weltweit existieren bereits zehn Ausgaben der Conversation auf allen Kontinenten. Nach Angaben der Initiative wird die Website rund 22 Millionen Mal im Monat besucht – 40 Millionen Besuche kommen zusammen, wenn man die Weiterveröffentlichungen in anderen Medien einrechnet. Das Publikum besteht nicht überwiegend aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern: 83 Prozent der Nutzer kommen von außerhalb der Forschung, etwa aus dem Management, dem Bildungsbereich und dem Gesundheitssektor.

Mike S. Schäfer, Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Zürich © privat

Auch für den deutschsprachigen Raum ist das Modell eine Chance – gerade jetzt. Denn der Wissenschaftsjournalismus ist unter Druck: Ressorts werden ausgedünnt, und eine fundierte Einordnung zu Themen wie künstlicher Intelligenz, Klima oder Gesundheit findet seltener ausreichend Platz. The Conversation kann wissenschaftliche Themen und Expertise wieder breiter sichtbar machen.

Dass dem Modell auch im deutschsprachigen Raum Potenzial zugeschrieben wird, zeigt die Förderung von gemeinnützigen Geldgebern wie der Hertie-Stiftung, der Else Kröner-Fresenius-Stiftung und auch der ZEIT Stiftung Bucerius. Das zweite finanzielle Standbein bilden die Beiträge der Hochschulen; hier haben unter anderem die Universitäten in Tübingen, Wien, Zürich oder die TU München und die Charité Berlin zugesagt.

Genau diese Nähe zur Wissenschaft birgt aber auch Fallstricke. The Conversation ist keine PR – aber eben auch kein Journalismus im herkömmlichen Sinne. Die Autorinnen und Autoren stammen in der Regel aus Forschungseinrichtungen, die Beiträge geben ihre Position wieder. Zwar gibt es journalistische Standards (wie Lesbarkeit und Faktenchecks), zum Qualitätsanspruch gehört jedoch ebenso, dass Beiträge – wo sinnvoll – unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven berücksichtigen. Auch finden sich kritische Beiträge über das Wissenschaftssystem im Allgemeinen auf der Plattform, aber ob die eigenen Institutionen kritisch beleuchtet werden, ist – soweit ich sehe – bislang kaum systematisch untersucht worden.

Deshalb braucht der Start von The Conversation im deutschsprachigen Raum Leitplanken. Es braucht Transparenz, was Finanzierung angeht, Governance und redaktionelle Unabhängigkeit. Es braucht institutionelle Sicherungen, etwa unabhängige Beiräte und Firewalls zwischen Geldgebern und der Redaktion. Und es muss möglich sein, das Wissenschaftssystem kritisch zu hinterfragen, auch dort, wo es unbequem für die eigene Universität wird.

Wenn das gelingt, dann kann The Conversation ein Gewinn sein. So wie die Plattform es in Ländern wie den USA, Großbritannien oder Frankreich bereits seit Jahren ist. Das Medium kann nicht die investigative Recherche und kritische Kontrolle von Macht ersetzen, und es wird kein Ersatz für klassischen Wissenschaftsjournalismus sein. Aber eine wichtige Brücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Transparenzhinweis: Der Autor hat in der Planungsphase Gespräche mit den Organisatoren der Plattform geführt und Kontakte zu Hochschulen und Stiftungen hergestellt. Eine institutionelle oder finanzielle Beteiligung besteht nicht.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes stand, die Universität Hamburg habe ihre finanzielle Förderung für die deutsche Ausgabe von "The Conversation" zugesagt. Das trifft so nicht zu, deshalb haben wir die entsprechende Stelle korrigiert.