Zeitgeist und Berufswahl: Muss ich in Zeiten von Künstlicher Intelligenz überhaupt noch studieren?

Die Angst vor technologischem Fortschritt ist vermutlich ebenso alt wie der damit einhergehende Abgesang auf die menschlichen Kernfähigkeiten. Schon Platon mahnt in „Phaidros“: „Wer die Schrift gelernt haben wird, in dessen Seele wird zugleich mit ihr viel Vergesslichkeit kommen, denn er wird das Gedächtnis vernachlässigen“.

Doch nicht nur läutete die Schrift das Ende des Denkens ein. In der Menschheitsgeschichte ging es mit diesem Argwohn munter weiter: Der Buchdruck war für den Verfall der Wahrheit verantwortlich, Elektrizität erzog zu einer unnatürlichen Lebensweise und Taschenrechner zerstörten die Synapsen in den Köpfen der Kinder.

Barış Ünal ist Leiter der Allgemeinen Studienberatung sowie Flüchtlingsbeauftragter der Technischen Universität Berlin und Kolumnist des Tagesspiegels. Ünal hat an der Freien Universität Berlin Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Islamwissenschaft studiert.

Ich gebe zu: Obiges Zitat habe ich, Belesenheit simulierend, lediglich schnell herbeigeklickt. Einen Taschenrechner können viele gerade noch bedienen, einen Abakus dagegen wenige. Das Gehirn erinnert sich an die Festnetznummer aus der Kindheit, ohne Smartphone erinnert man sich aber weder an die Nummer von Partner*in, noch an die eigene und steht dann im Zweifel hilflos weinend am Straßenrand.

Ein Studium bereitet am besten auf Unsicherheit vor

Das Bild wiederholt sich. Denn mit dem rasanten Einzug von Künstlicher Intelligenz (KI) in den Alltag hat auch im Studienberatungskontext die Sorge vor dem nächsten Kontrollverlust Konjunktur.

KI stellt nicht nur einzelne Tätigkeiten infrage. Sie berührt stattdessen ganze kognitive Bereiche und damit auch das, was lange als „hochqualifiziert“ galt. Daher stellen sich viele junge Menschen beim Übergang in die Hochschule die Frage, ob ein Studium überhaupt noch Relevanz für ihre berufliche Zukunft hat.

Wie stabile Alternativen in einer unübersichtlichen Zukunft wirken daher Handwerk (mit dem Slogan: „Karriere mit Gefühl“) oder Bundeswehr („Wir vertrauen Dir“). Doch wenn sich Tätigkeiten und Berufe immer schneller verändern, ist vielleicht genau diese Vorstellung von Sicherheit trügerisch.

Schließlich ist nicht das am sichersten, was heute klar umrissen ist, sondern das, was auf Veränderung vorbereitet.

Und genau darin liegt die eigentliche Stärke eines universitären Studiums. Dessen vielzitierte, angebliche Praxisferne ist dabei weniger ein Mangel als eine Fehldeutung.

Denn hier entsteht das, worauf es in einer von Unsicherheitserzählungen und Zukunftsangst geprägten Gegenwart ankommt: die Fähigkeit, sich in unbekannte Kontexte einzuarbeiten, Komplexität auszuhalten und Wissen immer wieder neu zu ordnen.

Angesichts einer unsicheren beruflichen Zukunft ist ein Studium damit nicht die Frage, sondern eine der plausibelsten Antworten.