Können wir uns über diese Bilder freuen?

Jetzt haben also wieder Menschen den Mond umrundet. Vier von uns. Und wir anderen, zumindest aber sehr viele von uns, waren online dabei. Runterzählen zum Start, Fotos und Videos von unterwegs, Daumendrücken für eine glückliche Rückkehr … – wer sich davon hat begeistern lassen, muss sich nicht schämen: Zum ersten Mal seit mehr als fünf Jahrzehnten reisten wieder Menschen über den Erdorbit hinaus und sogar weiter ins All als je zuvor, das ist ein Unterfangen an der Grenze des technisch Machbaren und einfach so abenteuerlich, dass man alle Aufmerksamkeit verstehen kann. Und auch jede Euphorie.

Spätestens mit jenen Fotos, die nach der Mondumrundung auf den Bildschirmen der Welt auftauchen: Earthset, als die Raumkapsel im Funkschatten des Mondes verschwand. Die Sonnenfinsternis ("Eclipse"), die nur diese vier Menschen sehen konnten. Und schließlich nach dem einflussreichen Vorbild Earthrise – die Perspektive der Rückkehrer auf die Erde als lebendig leuchtende Sichel hinter dem Mondhorizont und vor der toten Schwärze des Alls.

Aber hey, Amerika mit seiner ins Autoritäre trudelnden Regierung und die Weltlage von Wahlbeeinflussung bis zum völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran, muss man da nicht innerlich Abstand wahren? Spätestens wenn im Livestream die Originaltonspur erklingt, mit ihrem schwer erträglichen Nasa-Sprech voll sehr amerikanischem Pathos, das nur explorers und heroes zu kennen scheint? Nun, kritische Distanz ergibt sich eigentlich ganz von selbst, solange man nicht völlig den Kontext ausblendet, in dem die Mondmission Artemis-2 steht.

In dem Moment, da der Mond genau zwischen Sonne und Orion-Raumkapsel stand, sahen die vier Menschen an Bord eine Sonnenfinsternis. © NASA

Früher Bibelverse, heute Kriegsrhetorik

Schon die Apollo-Missionen haben ja gezeigt: Raumfahrt ist nie unpolitisch. Deutlich wird das in der direkten, historischen Parallele, also im Vergleich mit der Mission Apollo-8, der zu Weihnachten 1968 die erste Mondumrundung gelang. "Im Anbeginn erschuf Gott Himmel und Erde …" Am Funkgerät der Raumkapsel lesen die drei Nasa-Astronauten William Anders, Jim Lovell und Frank Borman aus der Bibel vor, Buch Genesis, wenn auch verrauscht. Die Welt lauscht. Klingt heute Retro-kitschig, ja, aber war diese Welt etwa heile? Mitnichten! Im Jahr 1968 eskalierte der Vietnamkrieg, in den USA herrschte Rassentrennung, Martin Luther King wurde erschossen und ebenfalls Robert F. Kennedy (dessen Bruder John F. den Mond zum Ziel erklärt hatte). Studenten gingen auf die Straße, forderten Frieden und Veränderung, nicht nur in Amerika. Achtundsechzig eben. Und das alles spielte vor der Folie der Feindschaft zwischen Ost und West.

Und Sechsundzwanzig? Leidet die Welt unter Großmachtsucht und Kriegslüsternheit, als wären Klimakrise, Hunger und KI-Umwälzung nicht schon schlimm genug! Insbesondere die irdischen Abgründe der USA, dieser stolzen Space Nation, sind gerade denkbar beschämend. "Heute habt Ihr Geschichte geschrieben und ganz Amerika unglaublich stolz gemacht", hatte US-Präsident Trump der Artemis-2-Crew am Tag ihrer Mondumrundung gesagt. Was sollten sie tun, als artig zu lächeln? Während die vier in ihrer Kapsel sitzen, hat das Weiße Haus einen Haushaltsentwurf in den Kongress geschickt, der vorsieht, das Budget der Nasa im Jahr 2027 um ein Viertel zu mindern, das Budget für Wissenschaft gar zu halbieren. Schon im vergangenen Jahr hatte die US-Raumfahrtbehörde angesichts von Kahlschlagdrohungen des Weißen Hauses von ihren 18.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 4.000 verloren.

Nicht in Führung, sondern Getriebene

Amerikas aktuelle Mondlust steht gar nicht im Widerspruch zu diesem Kaputtsparen. Nicht etwa Wissbegierde treibt sie an, sondern die Furcht vor China. 2029 wird die Volksrepublik 80 Jahre alt, das wäre ein gutes Timing für eine chinesische Mondlandung, die offiziell für 2030 angekündigt ist. Womöglich heißt dann die erste Frau, die den Erdtrabanten betritt, nicht Jessica oder Anne, Nicole oder Stephanie, sondern Wang Yaping. Anders als den Chinesen fehlt es den Amerikanern bis dato sowohl an Raumanzügen für die Mondoberfläche als auch an einer funktionierenden Mondlandefähre. Mögen auch die Bilder und die Rhetorik der Ostertage einen anderen Eindruck erweckt haben: Die USA führen in diesem neuen space race nicht etwa souverän, nein, sie sind die Getriebenen.

Earthrise – der Moment, da Artemis 2 von hinter dem Mond aus wieder Blickkontakt zur Erde hat: Sie scheint über dem Mondhorizont aufzugehen. © NASA

Auch wenn nun gerade eine Frau und eine Person of Colour mit an Bord sind, was beides fraglos einen zivilisatorischen Fortschritt in Gleichberechtigung und Vielfalt darstellt. Unabhängig davon, dass diesmal gar ein Ausländer – na ja, zumindest ein Kanadier – dabei ist. Selbst wenn für künftige Flüge eine Beteiligung europäischer Astronauten in Aussicht steht. Und obwohl die Mission Artemis-2 als solches fraglos ein herausragendes Stück Ingenieurskunst offenbart (oder, wie die Nasa es formuliert: "amerikanischen Erfindergeists"): Wir erleben bei aller Begeisterung für die Sache hier ein Stück Mondmachtpolitik und sollten uns keine Illusionen darüber machen, dass im Weltraum (noch) andere Regeln gelten als auf der Erde.

Darf man also fasziniert sein von dieser Mondumrundung, mitfiebern bis zur hoffentlich glücklichen Landung und am liebsten selbst dabeisein wollen? Guttun würde es uns heute wohl schon, könnten wir einfach und vorbehaltlos staunen über eine technische Meisterleistung, vielleicht auch eine harmlose Heldengeschichte. Einfach mal träumen, dass ein Raumschiff stellvertretend für die gesamte Menschheit da draußen in unendlichen Weiten unterwegs ist … – natürlich ist es so einfach nicht. Für die nötige kritische Distanz sorgt die Gegenwart ganz von selbst. Physikalisch mag Raumfahrt im luftleeren Raum stattfinden, politisch tat und tut sie es nicht.