Antisemitismus im Klassenzimmer: Warum Lehrkräfte zunehmend an Grenzen stoßen

Ein „ganz normaler Dialog“: Auf „Du Jude“ folgt inzwischen „Du dreckiger Jude“, berichtet eine Lehrerin. Holocaustverharmlosung und Verleugnung haben Konjunktur. „Ab wann muss Anzeige erstattet werden?“ ist eine von vielen schwierigen rechtlichen Fragen, die sich immer öfter stellen und auf die im Schulalltag erst mal keiner eine Antwort bereit hat.

Auch die Schulaufsicht hilft hier nicht wirklich weiter. Wenn einst der Rechtsextremismus und seine antisemitischen Symbole, wie das Hakenkreuz, leichter zu erkennen und einzuordnen waren, so ergibt sich seit Corona und erst recht nach dem 7. Oktober 2023 zudem ein völlig neues Bild.

Mittlerweile kommen immer neue Symbole und Codes hinzu, die bewertet werden müssen. Das rote Hamas-Dreieck beispielsweise – als inzwischen verbotenes Symbol einer Terrororganisation – hat sich längst von Neukölln bis in die Uckermark bewegt.

Susanne Krause-Hinrichs ist Gastautorin und Geschäftsführerin der Stiftung für Toleranz und Völkerverständigung.

Um sich im Umgang mit Antisemitismus an den Schulen fit zu machen und sich auszutauschen, treffen sich Lehrkräfte aus Berlin und ganz Brandenburg zur zweitägigen Fortbildung. Sie haben sich alle freiwillig angemeldet und manche sind schon zum dritten Mal da. Das Spektrum ist breit, Lehrerinnen und Lehrer an Förder-, Ober- oder Berufsschulen, Gymnasien und kirchlichen Schulen eint das gleiche Problem.

Eine besondere Aufgabe – hier wie in der Gesamtgesellschaft – ist die stetig größer werdende Welle von Antisemitismus infolge des Hamas-Massakers und des Gaza-Kriegs. Wie können sie als Pädagogen dem begegnen? Was brauchen sie an Grundausrüstung?

Nahost-Konflikt prägt den Schulalltag

Die aktuell größte Herausforderung ist sicher der sogenannte Nahost-Konflikt und die aktuellen Kriegshandlungen, die immer mehr den Schulalltag prägen. Das anspruchsvolle Thema des israelbezogenen Antisemitismus fordert viel von den Lehrenden.

Welche Behauptungen sind klar antisemitisch motiviert und welche sind legitime Kritik an der israelischen Regierung? Warum ist Israel kein Apartheidstaat und trotzdem gibt es Diskriminierung im Westjordanland?

Ist der behauptete Genozid an den Palästinensern schon antisemitisch oder gibt es ausreichend Hinweise, dass das Vorgehen der israelischen Regierung in Gaza die juristischen Bedingungen dafür erfüllt?

Wenn Lehrende hier richtig und verantwortungsvoll reagieren sollen, bedarf es einer Menge Wissen. Über die Geschichte Israels und seiner Entstehung als Staat, den langen Konflikt mit den Palästinensern und den umliegenden arabischen Ländern. Wer sich nicht aus privatem oder beruflichem Interesse damit beschäftigt hat, kann selbst eine sachliche Diskussion mit Schülern schwer bestehen.

Ebenso braucht es umfangreiche Kenntnisse, um Antisemitismus in seinen vielen Facetten zu erkennen – die über 2000 Jahre alte Entstehung und die Fortentwicklung antisemitischer Stereotype über das Mittelalter bis heute.

Pädagogen sind überfordert

Die Themenkomplexe sind und waren allerdings nie verpflichtender Teil der Lehreraus- und ‑weiterbildung. Nur der Holocaust als Teil der deutschen Geschichte ist gesetztes Thema. Dessen wirksame Vermittlung darf angesichts der Kenntnisse der Schüler jedoch auch bezweifelt werden: Über 40 Prozent wissen nicht wirklich, was stattgefunden hat.

Die Einordnung von Antisemitismus in seinen neuen Erscheinungsformen und der Umgang damit überfordert die meisten Pädagogen zwangsläufig. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse in den vergangenen Jahren zu sozialpsychologischen Ursachen und Mechanismen von Antisemitismus sind zwar enorm gewachsen, allerdings haben sie bis dato keinen Eingang in die Bildungswirklichkeit gefunden.

Immerhin die Kultusministerkonferenz hat das inzwischen erkannt und 2025 eine bessere Vermittlung der Themen in der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte empfohlen. Eine entsprechende Handreichung wurde erstellt und soll den Lehrenden dabei helfen. Das allein wird allerdings kaum ausreichen. Anleitungen und Handreichungen können nur da etwas bewirken, wo sie auf Grundkenntnissen aufsetzen.

Umsetzung ist schleppend

Eine verbindliche Umsetzung des Programms ist Ländersache und da erfolgt die Umsetzung bisher nur schleppend. Berlin kann mit seinem Landesprogramm sogar als Vorreiter gelten. Viel wichtiger ist jedoch: Antisemitismuskritik und die Geschichte Israels müssen als Themen verbindlich in den Curricula der Hochschulen verankert und wissenschaftlich basiert vermittelt werden.

Die angehenden Lehrkräfte sollten dann in der weiteren Ausbildung konkrete Handlungsstrategien und Methoden gegen antisemitische Vorfälle im Unterricht erlernen. Nur ein fundiertes und sicheres Wissen um Hintergründe und Systematik ermöglichen einen guten und sicheren pädagogischen Umgang. Wenn das Grundwissen vorhanden ist, können auch aktuelle Entwicklungen besser eingeordnet und bewältigt werden.

Ob und wann entsprechende legislative Schritte in den Ländern umgesetzt werden, bleibt allerdings abzuwarten. Fortbildungskurse können helfen, aber lösen das Problem nicht grundhaft. Bis dahin werden sich die antisemitischen Narrative und darauf aufbauende Konflikte in den Schulen weiter manifestieren.