Zum Tod von Craig Venter: „Wenn du Unsterblichkeit willst, dann tu etwas Sinnvolles mit deinem Leben“

„Ein Arzt kann in seinem Leben vielleicht ein paar Hundert Leben retten – ein Wissenschaftler kann die ganze Welt retten“, soll Craig Venter als junger Mann einmal zu seinem Bruder gesagt haben. Die Welt hat der Biochemiker nicht gerettet, doch die Erforschung des Lebendigen hat er vorangetrieben wie kaum ein anderer. Synthetische Lebensformen, eine Inventur des Lebens in den Ozeanen, vor allem aber die Entschlüsselung des menschlichen Genoms haben den Forscher berühmt – und zeitweise auch verhasst – gemacht.

In seinen jungen Jahren hätte das niemand kommen sehen können. Schlechte Noten, lieber Surfen als Schule, kein Plan. „Unaufmerksam, impulsiv und ablenkbar“ – so hat er sich später selbst als Teenager beschrieben und machte ADHS dafür verantwortlich. Als Ursache wollte er sogar einen Fehler im eigenen Genom gefunden haben.

Aus dem Surfer in Kalifornien wurde ein Sanitäter in Vietnam, obwohl er den Krieg ablehnte, dort versorgte er Sterbende. Einmal, so erzählte er es selbst, wollte er selbst sterben. Er sei weit aufs Meer hinausgeschwommen, habe es sich dann aber anders überlegt. Er schwamm wieder zum Land und beschloss zu leben.

Washington, 2009: US-Präsident Barack Obama verleiht Craig Venter die National Medal of Science – die höchste wissenschaftliche Auszeichnung des Landes.

© REUTERS/Jason Reed

Er studierte, promovierte, landete an den National Institutes of Health (NIH). Dort entwickelte er Anfang der Neunzigerjahre eine Methode, mit der sich aktivierte Gene viel schneller aufspüren ließen als zuvor. Das Institut meldete darauf Patente an, was eine erbitterte Debatte auslöste: Darf man Stücke menschlicher DNA patentieren? James Watson, Mitentdecker der DNA-Doppelhelix und damals Leiter des NIH-Humangenomprogramms, trat 1992 aus Protest zurück.

Venter ging im selben Jahr, allerdings aus anderen Gründen: Ein Risikokapitalgeber bot ihm Geld und Freiheit für ein eigenes Institut. So entstand TIGR, The Institute for Genomic Research. Dort sequenzierte er 1995 das erste komplette Genom eines freilebenden Organismus’, des Bakteriums Haemophilus influenzae. Ein Meilenstein und doch nur eine Fingerübung für das, was folgte.

Eine Mondlandung im Zellkern

Seit 1990 lief damals bereits das Human Genome Project. Ein internationales Konsortium, Milliarden Steuergelder. Tausende Wissenschaftler, auch in Deutschland, hatten sich daran gemacht, das menschliche Genom zu sequenzieren. Was heute als Routinearbeit binnen eines Tages erledigt ist, war damals ein Projekt vergleichbar mit der Mondlandung.

Der Plan der staatlichen Forscher: Chromosom für Chromosom in Stücke schneiden, jedes Stück ordentlich kartieren, dann sequenzieren. Geplante Fertigstellung: 2005. Venter ging das zu langsam. 1998 gründete er Celera Genomics und kündigte an, das Genom in drei Jahren zu entschlüsseln.

Celera Genomics President J. Craig Venter sits near a DNA sequencer in
the sequencing lab of the company's facility in Rockville, Maryland, in
this June 13, 2000 file photo. Venter, the pioneer scientist who helped
crack the human genome, and Nobel laureate Hamilton Smith were expected
to announce on November 21, 2002 plans to create a new life form in a
laboratory dish in an experiment that raises ethical and safety
questions, according to a published report. Venter and Smith hope to
create a single-celled, partially man-made organism with the minimum
number of genes necessary to sustain life in a project funded by a $3
million grant from the U.S. Energy Department, The Washington Post
reported in its Thursday editions. If the experiment works, the paper
said, the microscopic man-made cell would begin feeding and dividing to
create a population of cells unlike any previously known to exist.
REUTERS/Tim Shaffer-Files

HB/
Der Mann und seine Maschinen: Craig Venter 2000 im Sequenzierlabor von Celera Genomics – jener Firma, mit der er das öffentliche Humangenomprojekt überholte.

© REUTERS/TIM SHAFFER

Er verwendete eine Methode, die etablierte Forschende für unseriös hielten, die sogenannte Schrotschussmethode. Das Prinzip: Man nimmt das gesamte Erbgut, zerschießt es in Millionen winziger Bruchstücke, sequenziert alle gleichzeitig und lässt anschließend Computer die überlappenden Enden wieder zusammensuchen. Wie ein riesiges Puzzle, das man auf einmal auf den Tisch kippt und bei dem man nicht mit Ecken und Rand anfängt, sondern mit jedem Teil, das zu einem anderen passt.

Kritiker sagten, das könne nicht klappen, das menschliche Genom sei zu groß. Venter widerlegte das. Was Elon Musk ein Vierteljahrhundert später mit der Raumfahrt machte, gelang Venter um die Jahrtausendwende mit der Genomforschung: privates Kapital gegen staatliche Großorganisation auszuspielen, eigene Methode gegen etablierte Routine.

Auch beim Erbmaterial, das entschlüsselt wurde, gingen beide Seiten unterschiedlich vor. Das öffentliche Konsortium sequenzierte ein anonymisiertes Mosaik aus dem Erbgut mehrerer Spender – aus ethischen Gründen sollte niemand wissen, um wessen DNA es ging. Venter nahm einfach sein eigenes, wie er später zugab.

Pionier und Hassfigur

Das Rennen endete am 26. Juni 2000 mit einem inszenierten Händedruck im Weißen Haus. Bill Clinton beglückwünschte Venter und Francis Collins, den Chef des öffentlichen Konsortiums zu einem „Unentschieden“. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Februar 2001 kurz hintereinander in „Science“ und „Nature“.

U.S. President appears with Dr. Francis Collins (R), Director of the National Institute of Health, and Dr. Craig Venter (L) as they announce the completion of the initial sequencing of the human genome June 26 in the East Room of the White House. Decoding the 3 billion chemical "letters" in human DNA is seen as one of history's great scientific milestones - the biological equivalent of the moon landing.

WM/RCS
Juni 2000, Weißes Haus: Präsident Clinton flankiert von Francis Collins (rechts) und Craig Venter – ein Unentschieden zwischen öffentlich und privat finanzierter Forschung.

© REUTERS/WIN MCNAMEE

Ohne Venter wäre das Humangenomprojekt wahrscheinlich erst Jahre später fertig geworden. Aber er wurde zur Hassfigur. „Niemand mag es, geschlagen zu werden – durch überlegene Intelligenz, Planung und Technologie“, so erklärte er das einmal dem „Spiegel“. „Das macht die Leute wütend.“ Vielleicht trug dazu auch sein überbordendes Selbstbewusstsein bei.

Offiziell vorgeworfen wurde ihm etwas anderes: Venter wolle das Erbgut des Menschen in Privatbesitz nehmen, Gene patentieren, Wissen verkaufen, das der Allgemeinheit zustehe. Immerhin hat Venter persönlich nie ein einziges Patent auf ein menschliches Gen gehalten und Celera, die Firma, mit der er das Rennen gewonnen hatte, ging als Geschäftsmodell unter. Das Publikum zahlte nicht für Daten, die anderswo frei verfügbar waren.

Was das Humangenomprojekt bedeutet, lernen wir bis heute – und es ist weniger und zugleich mehr, als seine Pioniere damals versprochen hatten. „Wir haben aus dem Genom nichts gelernt außer Wahrscheinlichkeiten“, sagte Venter selbst, zehn Jahre nach dem Triumph. Der medizinische Nutzen sei „nahezu null“. Die naive Vorstellung, für jede menschliche Eigenschaft ein einzelnes Gen zu finden – das Krebs-Gen, das Alzheimer-Gen, das Gier-Gen – habe sich als Irrweg erwiesen.

Wissenschaftler, Unternehmer, Provokateur: Der Mann, der das menschliche Genom entschlüsselte.

© picture-alliance / dpa/Peterson

Doch im Laufe der Jahre begann sich die Investition auszuzahlen. Heute wäre vieles in Medizin und Forschung ohne genetische Daten und die damals entwickelten Methoden nicht vorstellbar. Krebstumore werden inzwischen routinemäßig genetisch typisiert, Erbkrankheiten pränatal diagnostiziert, Impfstoffe auf Basis von Gensequenzen hergestellt. Auch DNA-Spuren am Tatort, Vaterschaftstests und der Nachweis, dass moderne Menschen Neandertaler-Gene in sich tragen, wären ohne die Werkzeuge, die damals entwickelt wurden, nicht denkbar.

Pilot, nicht Rentner

Venter hat danach nicht aufgehört. Er gründete das „J. Craig Venter Institute“, schickte ein Forschungsschiff um die Welt, um die DNA der Weltmeere zu katalogisieren, und entdeckte dabei Tausende zuvor unbekannte Mikroorganismen.

2010 stellte sein Team das erste Bakterium her, dessen Erbgut komplett am Computer entworfen und dann synthetisch zusammengebaut worden war. Eine Lebensform, die ohne Menschen nicht existieren würde.

Craig Venter und seine Forschungsjacht Sorcerer II in der Ostsee – auf der Jagd nach unbekannten Genen. Auf solchen Expeditionen wurden Tausende Mikroorganismen entdeckt.

© IMAGO/TT/IMAGO/MAGNUS HALLGREN / DN / TT

Sein letztes Unternehmen, Human Longevity Inc., sollte in Genomdaten Wege finden, das Leben zu verlängern. Denn auch die Angst vor dem Sterben hat Venter angetrieben. Sein Vater war schon mit 59 an einem Herzstillstand gestorben. „Das hat mich also immer beschäftigt, so wie jeden, dessen Eltern in jungen Jahren sterben“, hat er einmal gesagt.

Bis zuletzt hat Venter weiter geforscht. „Ich werde niemals in Rente gehen“, sagte er vor vier Jahren; da war er schon 75. Er glaube an Maxime: „Wenn du Unsterblichkeit willst, dann tu etwas Sinnvolles mit deinem Leben.“

Seine Leidenschaft fürs Segeln behielt Venter zeitlebens, spät im Leben kam noch das Fliegen hinzu. Während der Pandemie machte er den Pilotenschein. „Das ist die ultimative Freiheit“, schwärmte er 2022 in einem Interview. „Ich kann in mein Flugzeug steigen und fliegen, wohin ich will, ohne um Erlaubnis zu fragen.“

Nun ist Craig Venter am 29. April im Alter von 79 Jahren in San Diego gestorben, nach kurzer Krankheit, an einer Krebserkrankung. In Rente war er bis zuletzt nicht.