„Pudelwohl“ und „heim zu Mutti“?: Die Wal-Aussagen von Minister Backhaus im Faktencheck
In einer Art stählernem Aquarium wird der Buckelwal, der vor der Ostsee-Insel Poel gestrandet war, nach Wochen im Flachwasser Richtung Nordsee geschleppt. Dort soll er aus dem Lastkahn schwimmen – wo genau, stand nach Angaben der Privatinitiative hinter dem Transport zunächst noch nicht fest.
Noch vor der Abfahrt entlang der Ostseeküste konnte der Eindruck entstehen, die gesamte Aktion könne mit dem Verladen des Wals, inzwischen vielfach „Timmy“ oder „Hope“ genannt, schon als geglückt gelten. Doch stimmt das? Ein Überblick über die Lage:
Wie geht es „Timmy“ vor der Freilassung?
„Pudelwohl“ fühle der Wal sich in der Barge, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus, nachdem das Tier erfolgreich in das Stahlbecken getrieben war. Doch: Der Gesundheitszustand des Wals sei grundsätzlich schon nicht gut, sagte der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter. „Das sagen alle, auch die Befürworter der Rettungsaktion.“
Das sind deutliche Zeichen, dass der Wal alles andere als fit ist.
Fabian Ritter, Walforscher und Meeresbiologe
Es gebe eine lange, traumatische Vorgeschichte. Das Tier habe sich in Netzen verfangen, sei wochenlang herumgeirrt und habe fünf Selbststrandungen hinter sich. „Das sind deutliche Zeichen, dass der Wal alles andere als fit ist.“
Das beobachtete Verhalten des Tieres sei insgesamt stark passiv, hieß es auch vom Meeresmuseum in Stralsund. „Im Vergleich dazu zeigen gesunde Bartenwale, insbesondere Buckelwale, ein deutlich aktiveres Bewegungs- und Verhaltensrepertoire, einschließlich dynamischer Schwimm- und Sprungbewegungen.“
Nach dem anhaltenden Trubel direkt am Wal in den vergangenen zwei Wochen könnte der Transport das Tier noch einmal mehr stressen, ist Ritter überzeugt. „Was mir Sorgen macht, ist die Lautstärke“, sagte er. Wale und Delfine lebten in einer Welt des Schalls. „Die sind da extrem empfindlich.“ Der mehrtägige Transport sei so, als würde man einem Menschen drei Tage lang eine helle Lampe ins Gesicht halten, sagte er.
Von der Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) hieß es: „Viele Wildtiere entwickeln unter solchen Bedingungen eine Fangmyopathie – ein stressbedingter Muskelabbau, der durch extreme Anstrengung, Angst, Einfang oder Transport entsteht.“
Wo soll der Wal freigesetzt werden?
Letzter Stand war nach Angaben aus dem Team der Privatinitiative, dass der Wal in der Nordsee ins Wasser gelassen werden soll – wo genau, stehe noch nicht fest. Experten sehen große Risiken für das Tier: „Es ist sehr geschwächt und findet im offenen Meer keine Möglichkeit, sich abzulegen“, hieß es vom Meeresmuseum in Stralsund. Es bestehe die Gefahr, dass es ertrinke.
„Timmy“ war Anfang März erstmals in der Ostsee gesehen worden. In den etwa 60 Tagen seither lag er zu rund zwei Dritteln der Zeit in Flachwasserzonen. „In verschiedenen Regionen der Welt ist dokumentiert, dass Großwale bei ausgeprägter Erschöpfung vermehrt flache Küstengewässer mit weichem Untergrund aufsuchen“, erklärte das Meeresmuseum. Als der Wal sich noch frei in den Gewässern von Mecklenburg-Vorpommern bewegte, suchte er bereits ausschließlich Küsten- und Flachwassergewässer auf.
Ist „Timmy“ mit der Freilassung wirklich gerettet?
Die WDC betont: „Von einer Rettung kann man erst sprechen, wenn sich der Wal zurück im Nordatlantik befindet und dort langfristig überlebt; sich seine Haut wieder vollständig erholt hat; er wieder eigenständig auf Nahrungssuche geht und an Gewicht zunimmt; und seinem natürlichen Verhalten nachgeht.“
Mit dem Hinaustreiben stehe die wirklich heikle Phase bevor. „Uns ist nicht bekannt, wie die Freilassung und Wiedereingliederung des Wals in seinen eigentlichen Lebensraum genau geplant ist“, hieß es.
Als würde man jemanden, der sich wochenlang im Hospiz befand, nun vor die Tür setzen.
Whale and Dolphin Conservation (WDC)
„Ohne weitere Informationen dazu wirkt es aktuell so – und hier verwenden wir ein Bild, um es zu veranschaulichen –, als würde man jemanden, der sich wochenlang im Hospiz befand, nun vor die Tür setzen und sich selbst überlassen.“ Es sei zu hoffen, dass die private Initiative für die Freisetzung ein Konzept entwickelt hat.
Die Anwältin der Initiative, Constanze von der Meden, erklärte am Mittwoch bei einer Pressekonferenz, warum das Bündnis zeitweilig so „sparsam mit Informationen“ gewesen sei: „Alles, was zu viel nach draußen dringt, kann möglicherweise dazu führen, dass von außen auf uns eingewirkt wird und das Projekt zum Scheitern bringt.“
Den WDC-Experten zufolge zögen Buckelwale, zu deren Population auch der Poeler Wal gehöre, nach der Rückreise vom Äquator eher in die kalten Gewässer des Nordatlantiks. „Wenn er in der Nordsee freigelassen wird, steht ihm somit noch eine Weiterreise in den Atlantik bevor, die er eigenständig schaffen muss“, betonte die Organisation.
Würde „Timmy“ in einer Familie leben?
Droht dem gestrandeten Wal Ärger nach Rückkehr Ärger von seiner Mutter? Das hatte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus scherzhaft gemutmaßt, nachdem der Poeler Wal für den Transport zur Nordsee auf einen Ladekahn bugsiert worden war. Doch würde der vier bis sechs Jahre alte Bulle tatsächlich eine Familie suchen, sollte er Transport und Freisetzung längerfristig überstehen?
Die Antwort ist Nein. „Im Gegensatz zu Zahnwalen bilden Bartenwale keine stabilen sozialen Gruppen, sogenannte Schulen“, erklärte das Meeresmuseum. Die Kälber verblieben lediglich während der etwa zwölf Monate währenden Stillzeit bei ihren Müttern.
„Während wir Menschen unseren Eltern oft ein Leben lang nahestehen, trennen sich die Wege zwischen Buckelwalen recht schnell“, hieß es von WDC. Sie kämen zwar punktuell mit Artgenossen zusammen – zum Beispiel, um effektiver Jagd auf Beute zu machen, zur Paarung oder um gemeinsame Kulturen zu pflegen. „Im Großen und Ganzen sind Buckelwale jedoch Einzelgänger.“
Welche Gefahren drohen „Timmy“?
Nach den Gefahren wie Lärm, Fischerei und Schiffsverkehr in der Nordsee bleiben große Risiken, warnen die WTC-Experten.
„Auch im Atlantik sind Wale und Delfine nicht sicher vor menschlichen Aktivitäten.“ Sie geraten – wie auch „Timmy“ – häufig in Fischereinetze, wodurch sie ersticken, verhungern oder schwere Verletzungen erleiden können. Weltweit sterben nach WDC-Angaben jährlich rund 300.000 Wale und Delfine als unbeabsichtigter Beifang. Ihr Leiden und Sterben bleibt fast immer unbemerkt.
Hauptbedrohung für Buckel- und andere Großwal-Arten seien aber die im Zuge der Klimakrise steigenden Meerestemperaturen, hieß es weiter. Auch Müll mache den Tieren zu schaffen. „Wale und Delfine können nicht gut unterscheiden, was Nahrung und was Müll ist.“
Wird man „Timmys“ Schicksal weiterhin verfolgen können?
Zunächst wurde der Wal mit einem Sender ausgestattet, der allerdings unter Wasser nicht funktionieren soll. Die Privatinitiative gab an, mit einem neuen GPS-Sender nachbessern zu wollen. Ohne funktionierenden Sender könnte allerdings gänzlich unbemerkt bleiben, wenn das geschwächte Tier binnen Tagen oder Wochen nach dem Freisetzen verendet.
Die Informationen, wo sich der Wal befinde, sollen aber nur den Teammitgliedern der Privatinitiative und dem Schweriner Umweltministerium zur Verfügung gestellt werden, sagte die Rechtsanwältin der Initiative, Constanze von der Meden. Dadurch solle vermieden werden, dass Menschen selbstständig losfahren und nach dem Wal schauen.
© dpa/Sebastian Peters
Vom Meeresmuseum hieß es dazu, dass eine langfristige vollständige Dokumentation für die Einschätzung der gesamten Maßnahme essenziell sei. „Insbesondere die öffentliche Verfügbarkeit der Trackerdaten in Echtzeit sowie Live-Videomaterial vom Wal während des Transports und während der Freilassung sind grundlegend für eine transparente Vorgehensweise und um wertvolle Erfahrungen für zukünftige Bergungen sammeln zu können.“
Wann wäre „Timmy“ wirklich gerettet?
Eine langfristig erfolgreiche Rettung ließe sich vermutlich daran festmachen, dass der Wal in den nächsten Jahren in seinen nördlichen Nahrungsgründen, in den südlichen Paarungsgebieten oder auch dazwischen, während seiner Wanderungen, gesichtet und mittels Foto-ID eindeutig identifiziert werde, hieß es von WDC. „Das wäre ein klares Indiz dafür, dass er seinem natürlichen Verhalten nachkommt.“
Wie alt könnte „Timmy“ werden, wenn er überlebt?
Buckelwale haben der Tierschutzorganisation WDC zufolge eine Lebenserwartung von etwa 80 Jahren. Die Überlebenswahrscheinlichkeit von Bullen ist Experten zufolge oft geringer, unter anderem wegen der aggressiven, stressigen Konkurrenzkämpfe um Weibchen. (dpa, lem)