"Es herrscht eine gewisse Willkür"

"Als ich in einer chirurgischen Praxis anfing, sagte mir der Chef, er wolle gar nicht, dass ich operiere."

"Bei uns wurden größere Operationen nur den Assistenzärzten zugeteilt, denen der Chefarzt wohlgesonnen war."

"Während meiner Klinikzeit scheiterte die Ausbildung im Operationssaal häufig an der Frage, ob das OP-Programm des Tages zu schaffen sei, wenn der langsamere Assistenzarzt operiert."

Das sind nur drei Zitate aus unzähligen Zuschriften, die die ZEIT erreichten, nachdem sie über mutmaßliche Missstände in der Weiterbildung von Ärzten an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) berichtet hatte. Dort sollen sich Assistenzärzte ihre Facharzturkunden mithilfe ihres Chefs erschlichen haben, obwohl sie noch wenig Übung im OP hatten. Die MHH bestreitet die Vorwürfe.

Nun berichten Medizinerinnen und Mediziner aus dem ganzen Bundesgebiet und aus unterschiedlichen Fachgebieten davon, dass sie von ihren Chefs nicht so weitergebildet würden, wie es die Ärztekammern vorgeben. Um sich für die Facharztprüfung anzumelden, müssen Ärzte Mindestzahlen für bestimmte Eingriffe und Untersuchungen nachweisen. Viele schreiben der ZEIT, dass bei diesen Erfahrungsnachweisen getrickst werde.

Die Zuschriften passen in das Bild, das sich aus Umfragen des Marburger Bundes zur Qualität der ärztlichen Weiterbildung ergibt. Dort erklärten schon 2021 fast zwei Drittel der befragten Assistenzärztinnen und -ärzte, die Weiterbildungsinhalte würden nicht ausreichend vermittelt. Doch bislang äußerten sich Ärztevertreter kaum öffentlich zu dem Problem.

Das ändert sich jetzt. Erste Ärztekammern verlangen, dass Konsequenzen gezogen werden. "Wir sollten möglichst schnell in ganz Deutschland flächendeckend eine verbindliche Evaluation der ärztlichen Weiterbildung einführen", sagt Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg. In Ländern wie der Schweiz sei das üblich, "und niemand fühlt sich auf den Schlips getreten".

"Die Qualität der Weiterbildung ist im Mittel hoch", sagt Emami. "Trotzdem muss man feststellen: Es gibt eine Entkopplung der Vorgaben aus den Weiterbildungsordnungen von der gelebten Praxis. Unter anderem dadurch herrscht eine gewisse Willkür." Mit anderen Worten: Es sind die Chefärzte, die maßgeblich bestimmen, wer Facharzt wird.

Dafür könnte der Fall in Hannover ein besonders drastisches Beispiel sein.

Um sich für die Facharztprüfung anmelden zu können, müssen Assistenzärzte seit 2020 ein sogenanntes elektronisches Logbuch bei der zuständigen Ärztekammer einreichen. Darin bestätigt der Weiterbildungsbevollmächtigte, meist der Chefarzt, welche Erfahrungen der Assistenzarzt gesammelt hat.

Die Recherchen der ZEIT legten nahe, dass der Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie der MHH offenbar über Jahre Assistenzärzten falsche sogenannte Erfahrungsnachweise ausgestellt haben könnte. In ihrer mindestens sechsjährigen Weiterbildungszeit müssen Ärzte, die Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie werden wollen, mindestens 355 Operationen vorweisen können, wobei diese Zahlen als Richtwerte zu verstehen sind. Eine Auswertung von anonymisierten OP-Berichten durch die ZEIT zeigte, dass sechs MHH-Ärzten viele dieser Operationen gefehlt haben könnten, einigen sogar Hunderte OPs. Der Chefarzt selbst dementierte die Vorwürfe. Er teilte auf Anfrage mit: "Nach meinem Kenntnisstand gab es keine unzutreffenden Weiterbildungsnachweise."

In der Bundesärztekammer (BÄK) macht man sich nun Gedanken. "Natürlich hat uns der Bericht aus Hannover getroffen, weil wir selbstverständlich davon ausgehen, dass die Kompetenzen, die ein Facharzt braucht, in der Weiterbildung auch erworben werden", sagt Henrik Herrmann, der Vorsitzende der ständigen Konferenz Ärztliche Weiterbildung.

Die Facharztweiterbildung existiert in Deutschland nur auf dem Papier. Ich würde schätzen, dass über zwei Drittel der Leute tricksen und sich dabei nicht wohlfühlen.
Facharzt für Neurologie in einer Zuschrift an DIE ZEIT

Der Fall an der MHH offenbart ein strukturelles Problem: Die Nachweise aus der Weiterbildung werden kaum kontrolliert. Das erläutert Doreen Richardt, Vizepräsidentin der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Fragt man sie danach, wie die Kammer sicherstellen kann, dass ihr echte Nachweise vorgelegt werden, dann sagt sie: Wer weiterbilden wolle, müsse der Kammer genaue Zahlen über die jährlichen Eingriffe und Untersuchungen seiner Abteilung angeben. Dazu müsse die Anzahl der weiterzubildenden Ärzte gemeldet werden. "Dann gleichen wir ab, ob überhaupt genug Operationen oder Untersuchungen für alle Assistenzärztinnen vorhanden sind."

Ob es dann aber wirklich die Assistenzärzte waren, die operiert haben, ergibt sich aus diesen Zahlen nicht. Ohne einen konkreten Anlass können die Ärztekammern in der Regel nicht prüfen, ob die Angaben in den Logbüchern korrekt sind. Aus rechtlichen, aber auch aus praktischen Gründen: Jede Ärztekammer ist für Hunderte Weiterbildner zuständig.

Richardt warnt: "Das Problem sind nicht die Regeln der Weiterbildung, sondern die Zustände, die teilweise in den Kliniken herrschen." In der Regel seien weiterzubildende Ärztinnen und Ärzte für die Krankenhäuser preiswerte Arbeitskräfte, die einen Großteil der Basisarbeit leisteten: Stationsdienste, Nachtdienste, Einsätze in der Notaufnahme. Da komme die Weiterbildung oft zu kurz.

Kaum eine klinische Ausbildungsstätte in Deutschland hält die Zahlen an Untersuchungen und Eingriffen bereit, um die von den Landesärztekammern für die Facharztprüfung geforderten Kataloge vollständig zu füllen.
Facharzt für Innere Medizin in einer Zuschrift an DIE ZEIT

Henrik Herrmann von der Bundesärztekammer bittet Assistenzärzte darum, sich bei Missständen an die Ärztekammern zu wenden: "Was in einer Klinik passiert, können wir eigentlich nur wissen, wenn sich Weiterzubildende bei uns melden."

Im schlimmsten Fall könnten die Ärztekammern dann Sanktionen aussprechen, sagt der Hamburger Kammerpräsident Emami. "Wir haben auch schon Weiterbildungsbefugnisse entzogen." Die Folgen können gravierend sein: Hat eine Klinik keine Weiterbildner mehr, bleiben die Assistenzärzte fern, weil sie ihre Ausbildung dort nicht abschließen können. Dann ist die Not groß, es fehlt sehr schnell Personal. Der Entzug, betont Emami deshalb, sei das letzte Mittel, davor müsse immer der Dialog kommen.

Weiterbildung brauche außerdem Zeit, sagte Emami, "und das muss sich auch in Dienst- und OP-Plänen abbilden – was bisher nicht der Fall ist." Einen Bandscheibenvorfall beispielsweise operiere ein erfahrener Chirurg in 30 Minuten, ein Anfänger brauche dafür unter Anleitung 70 bis 90 Minuten, sagt der ausgebildete Neurochirurg. Das kostet die Kliniken Geld, ist aber eine Investition in die Zukunft.

Was dagegen passieren kann, wenn die Weiterbildung vernachlässigt wird, beschreibt Doreen Richardt so: "Wir beobachten eine dramatische Abwanderung von in Deutschland geborenen Ärzten ins Ausland, vor allem in die Schweiz und nach Österreich." Nach Angaben der Bundesregierung wandern jährlich rund 2.000 Ärzte aus Deutschland ab. "Die meisten haben hier auf Kosten der Steuerzahler studiert und gehen direkt nach dem Medizinstudium oder nach einer kurzen Arbeitsphase weg, um ihre Weiterbildung im Ausland zu machen." Eine Klinik, die auch in Zukunft noch ausreichend Ärzte bekommen wolle, sei deshalb gut beraten, in die Weiterbildung zu investieren.