Knapp acht Minuten reichen selten aus: So wenig Zeit haben Hausärzte für ihre Patienten
Es ist völlig unstrittig, dass das Gespräch beim Hausarztbesuch das Wichtigste ist. Der Arzt muss verstehen, worunter der Patient leidet. Der Patient muss verstehen, was er oder sie hat, und was getan werden kann – welche Medikamente etwa und vor allem: warum. Die Dauer des Gesprächs ist der entscheidende Indikator für die Qualität von Ärztin oder Arzt.
Eine überaus umfassende Studie stellt den Hausärzten in Deutschland dabei allerdings ein schlechtes Zeugnis aus. Die durchschnittliche Gesprächsdauer liege hierzulande bei 7,6 Minuten pro Arztbesuch. Im Vergleich dürftig: Schwedische Ärzte sprechen im Schnitt gut 22, finnische 20 Minuten. Die Studie ist nicht hochaktuell (erschienen im British Medical Journal 2017), aber hochrelevant. Vor allem britische Forscherteams hatten 111 Studien untersucht, in denen insgesamt über 28 Millionen Hausarztbesuche in 67 Ländern analysiert worden waren!
In Skandinavien, den USA oder Frankreich ist die Gesprächsdauer im Durchschnitt doppelt so lang
Dabei fanden sie erhebliche Unterschiede: Vor allem in Südostasien, Teilen Afrikas und China war die Gesprächsdauer extrem kurz – übrigens auch in Großbritannien. Umgekehrt ist die „Sprechstunde“ in Skandinavien, den USA, der Schweiz oder Frankreich im Durchschnitt mehr als doppelt so lang wie in Deutschland. Auch in aktuelleren Studien liegt Deutschland auf den hinteren Plätzen.
Wer ist schuld? Erstens das Abrechnungssystem: Kurze Termine rechnen sich, das längere Gespräch wird nicht honoriert. Zweitens die häufigen Arztbesuche: In Deutschland gehen Patienten knapp zehnmal pro Jahr zum Arzt, in anderen „reichen“ (OECD) Ländern liegt der Mittelwert bei 6,5 Besuchen. Drittens schließlich gibt es in vielen Regionen zwar keinen Ärzte-, aber einen Hausärztemangel – auch das ist eine Frage der Bezahlung.
Kurze Arztgespräche sind gefährlich, werden aber kaum problematisiert – und das ist der eigentliche Skandal.
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