Warum es in manchen deutschen Regionen mehr vermeidbare Tode gibt
An vermeidbaren Erkrankungen sterben in Regionen mit schlechten sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen mehr Menschen als in Gegenden mit besseren sozioökonomischen Umständen. Das zeigt eine jetzt veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) sowie der Universitäten Groningen und Oldenburg. Dieses Verteilungsmuster zeigt sich innerhalb Deutschlands erschreckend deutlich.
Im Vergleich zu den europäischen Staaten Österreich, Belgien, Tschechien, Frankreich, Italien, Polen, Slowakei, Spanien und der Schweiz schneidet Deutschland auffällig schlecht ab. Innerhalb Deutschlands sind es die Regionen Nordthüringen, Ostniedersachsen sowie größere Gebiete in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, in denen vergleichsweise mehr Menschen an vermeidbaren Erkrankungen sterben.
"Vermeidbare Sterblichkeit" bezeichnet Todesfälle vor dem 75. Geburtstag, als deren Hauptursachen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Krebsarten, Unfälle sowie eine ungesunde Lebensführung gelten. Darauf haben vor allem die sogenannten sozioökonomischen Bedingungen einen großen Einfluss, also wie Menschen wohnen, arbeiten und lernen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in vielen Fällen vermeidbar.
"In weiten Teilen Sachsen-Anhalts und Mecklenburg-Vorpommerns neigen die Menschen stärker zu gesundheitsgefährdenden Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholmissbrauch, ungesunder Ernährung und mangelnder körperlicher Bewegung", sagt Michael Mühlichen, Mitautor der Studie und wissenschaftlicher Mitarbeiter am BiB. Neben den ostdeutschen Regionen gibt es aber auch im Westen Gebiete mit vergleichsweise hoher Sterblichkeit wie das Saarland, das Ruhrgebiet und Bremen sowie Bremerhaven.
"Das sind Gegenden, die mit den Herausforderungen des Strukturwandels kämpfen, oder strukturschwache Gebiete in Niedersachsen wie Ostfriesland", sagt Mühlichen. Weil auch Bildung einen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten hat, verstärkt es das regionale Gefälle in der vermeidbaren Sterblichkeit und auch in der Lebenserwartung, wenn gut ausgebildete Menschen solche wirtschaftlich schwächeren Regionen verlassen.
Deutsche gehen überdurchschnittlich häufig zum Arzt
Doch das Gesundheitsverhalten der Menschen erklärt die vergleichsweise vielen vermeidbaren Todesfälle nur zu einem Teil. Es gibt einen zweiten Grund, der vor allem zeigt, warum Deutschland innerhalb Europas schlecht abschneidet. "Wir wissen, dass in Deutschland – im Gegensatz zu den anderen westeuropäischen Ländern – eine Mentalität verbreitet ist, die tendenziell weniger auf gesundheitsbewusstes Verhalten setzt, da man im Krankheitsfalle ja kostenfrei zum Arzt gehen oder kostengünstig Medikamente aus der Apotheke besorgen kann. Dadurch steigt die Krankheitslast", sagt Mühlichen. Genau hier wird quasi die soziale Stärke des deutschen Gesundheitssystems zu seiner Schwäche: Statt Erkrankungen zu verhindern oder frühzeitig aufzuhalten, liegt der Fokus hierzulande eher darauf, Menschen zu behandeln, die bereits krank sind.
Deutsche verbringen im europäischen Vergleich deutlich mehr Zeit im Krankenhaus und gehen überdurchschnittlich häufig zum Arzt. "Ohne die kostengünstige medizinische Versorgung in Deutschland kritisieren zu wollen", sagt Mühlichen, "müssen wir die Anreize verstärken, die auf gesundheitsbewusstes Verhalten abzielen. Im Bereich Prävention besteht in Deutschland noch Aufholpotenzial, um den häufigsten Risikofaktoren wie Rauchen, übermäßigem Alkoholkonsum, ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel entgegenzuwirken."
Auffällig ist auch: Europaweit ist die vermeidbare Mortalität unter Männern im Vergleich zu Frauen bemerkenswert hoch. In den Jahren 2017 bis 2019 starben pro hunderttausend Einwohnern jährlich 24 Frauen, aber 62 Männer an vermeidbaren Ursachen. Der höhere Männeranteil hat innerhalb Deutschlands einen Einfluss auf das regionale Gefälle der vermeidbaren Todesfälle. Denn in den ländlich-peripheren Gebieten Ostdeutschlands leben mehr Männer als Frauen, in den Großstädten ist es eher andersherum.
Gibt es Gründe für das Geschlechtergefälle? Bei dieser Frage schließt sich gewissermaßen der Ursachenkreis: "Bei Männern wirken sich die sozioökonomischen Bedingungen stärker auf ihr risikorelevantes Verhalten aus als bei Frauen", sagt Mühlichen. Vereinfacht gesagt: Sind die Lebensumstände schlecht, neigen Männer eher zu ungesundem Verhalten als Frauen.
Frauen haben ohnehin eine höhere Lebenserwartung als Männer
Grundsätzlich sind bei Männern die Sterberaten an sich und das Ausmaß der regionalen Unterschiede größer. Männer haben außerdem eine niedrigere Lebenserwartung als Frauen: Für 2019 geborene Frauen liegt die Lebenserwartung hierzulande bei 83,5 Jahren, für Männer bei 78,7 Jahren. Das zeigen Daten, die ebenfalls das BiB zusammen mit dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung ausgewertet hat. Im Vergleich mit 16 westeuropäischen Ländern belegt Deutschland bei den Frauen nur Rang 14 und bei den Männern Platz 15.
Für Deutschland falle sowohl bei der vermeidbaren Sterblichkeit als auch in der Lebenserwartung auf, dass bei den Frauen das Ost-West-Gefälle praktisch nicht mehr vorhanden sei, sehr wohl aber ein Nord-Süd-Gefälle, sagt Mühlichen. "Bei den Männern ist beides vorhanden, das Ost-West-Gefälle ist aber dominanter, wenngleich längst nicht mehr so stark wie 1990."
Am Beispiel Rauchen zeigt sich, wie sich im Lauf der Zeit Geschlechterunterschiede durch generationsspezifisches Verhalten angleichen können: Im Westen haben Frauen vor der Wiedervereinigung deutlich mehr geraucht als im Osten. Diese Frauenjahrgänge sind inzwischen im sterblichkeitsrelevanten Alter. Und der wirtschaftliche Vorteil des Westens wird gegenwärtig quasi durch das ungesunde Verhalten ausgeglichen.
Seit der Wiedervereinigung hat der Zigarettenkonsum bei Frauen im Osten allerdings deutlich zu-, im Westen hingegen abgenommen. Dadurch ist zu erwarten, dass bei diesen Jahrgängen wieder mehr Frauen im Osten als im Westen aus vermeidbaren Gründen sterben. "Dann würden sich auch die Geschlechterunterschiede in den regionalen Sterblichkeitsmustern voraussichtlich wieder etwas angleichen", sagt Studienmitautor Mühlichen.