»Wir geben Empfehlungen ab, und dabei bleibt es«

Seit 2017 ist Tedros Adhanom Ghebreyesus, genannt Dr. Tedros, Direktor der Weltgesundheitsorganisation, ein Jahr bleibt ihm noch. Nur selten gibt er Interviews. Im WHO-Hub für Pandemie- und Epidemieaufklärung in Berlin spricht er mit der ZEIT über seine Amtszeit, den Ursprung und die Lehren der Coronapandemie und das Ende der Entwicklungshilfe, wie wir sie kannten.

DIE ZEIT: Der Irankrieg hat einen der wichtigsten logistischen Knotenpunkte für die globale Gesundheitsversorgung lahmgelegt, den humanitären Hub in Dubai, ein Lager- und Umschlagpunkt für Medikamente und andere medizinische Güter. Dort stehen gerade Tausende Container mit medizinischen Hilfsgütern herum, weil sie nicht durch die Straße von Hormus transportiert werden können. Außerdem sind die Öl- und Spritpreise rasant gestiegen, was die Nothilfe deutlich teurer macht. Wie schlimm ist dieser Krieg für die Gesundheit der Menschen weltweit?

Tedros Adhanom Ghebreyesus: Schlimm! Er hat gravierende Auswirkungen auf die humanitäre Hilfe. Die Lieferung von Hilfsgütern verzögert sich und wird teurer, im Schnitt um circa 30 Prozent. Das Gute ist, dass wir in einigen Ländern, die uns brauchen, wie Gaza, im Sudan oder im Libanon, eigene Notvorräte hatten.

ZEIT: Ist die Logistik internationaler Nothilfe zu sehr von einem einzigen Knotenpunkt abhängig?

Tedros: Ein Stück weit ja, wir lernen gerade auf die harte Tour, dass wir mehr Optionen brauchen. Aber zum Glück ist Dubai nicht der einzige Hub, es gibt für den Nahen Osten und Ostafrika auch noch einen in Nairobi. Feststeckende Hilfsgüter sind aber nicht das einzige Problem, das die Krise mit sich bringt. Länder, für deren Stromversorgung Benzin entscheidend ist, haben aktuell große Probleme. Auf den Philippinen zum Beispiel musste stellenweise der Strom abgestellt werden, was auch Krankenhäuser betrifft – und damit direkt die Gesundheit der Menschen.

ZEIT: Und in den Krisengebieten der Welt häufen sich Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen, Ärzte, Pfleger und Krankenwagen. Obwohl sie laut humanitärem Völkerrecht verboten sind. Allein in Gaza hat die WHO mehr als 900 Angriffe gezählt (PDF).

Tedros: Die Zahlen sind erschreckend, egal ob in der Ukraine, im Libanon, im Sudan oder in Gaza. In Gaza ist das Gesundheitssystem förmlich zusammengebrochen, im Sudan steht es kurz davor. Dabei werden Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen in Konflikten ja am meisten gebraucht. Es gibt Verletzte, die versorgt werden müssen, und durch die Zerstörung von Infrastruktur wie dem Abwassersystem steigt das Risiko für Infektionskrankheiten wie Cholera oder Malaria. Man kann es nur immer wieder betonen: Kriegsparteien sollen sich an internationales Recht halten. Die globale Gemeinschaft, politische Führer mit Macht müssen das laut und deutlich sagen. Aktuell wird niemand zur Rechenschaft gezogen, und das führt dazu, dass die Angriffe nicht aufhören.

ZEIT: Was kann die WHO tun?

Tedros: Die einzige Aufgabe, die uns die Weltgesundheitsversammlung gegeben hat, ist es, diese Angriffe zu dokumentieren und zu verifizieren. Wir dürfen sie nicht einmal einer Kriegspartei zuordnen.

ZEIT: In der Vergangenheit hat die US-Regierung bei Kriegen, an denen sie beteiligt war, in der Regel auch Vorkehrungen für humanitäre Hilfe getroffen. Direkt nach Beginn des Irakkrieges 2003 zum Beispiel hat man milliardenschwere Hilfen auf den Weg gebracht. Diesmal ist nichts dergleichen passiert.

Tedros: Ja, aber das Problem geht tiefer. Die Zahl der Länder, die Nothilfe brauchen, steigt. Und die Gelder werden weniger.

ZEIT: Eigentlich waren wir doch auf einem guten Weg. In den vergangenen drei Jahrzehnten gab es, was die Gesundheit der Weltbevölkerung angeht, große Fortschritte. Aber seit zwei Jahren leisten reiche Länder immer weniger Entwicklungshilfe, nicht nur die USA, sondern auch Großbritannien und Deutschland. In der Gesundheitsentwicklungshilfe sank das Fördervolumen seit 2023 um 40 Prozent.

Tedros: Die Fortschritte waren enorm, ja. Die Sterblichkeit von Kindern unter fünf sank um 60 Prozent, die Muttersterblichkeit um 40 Prozent, die großen Infektionskrankheiten wie HIV, Tuberkulose und Malaria wurden zurückgedrängt. Jetzt sehen wir, dass sich einige dieser Trends, wie die Kindersterblichkeit, gerade umdrehen. Und das macht mich sehr traurig. Denn wenn es eine Sache gibt, auf die sich die internationale Gemeinschaft doch verständigen sollte, ist es, Kinder und Mütter zu retten.

ZEIT: Studien zufolge könnten die Kürzungen Millionen Menschenleben kosten.

Tedros: Ja, ich hoffe, die globale Gemeinschaft kommt wieder zur Besinnung. Und trotzdem: Wir sollten diese Krise als Chance sehen.

ZEIT: Wie das denn?

Tedros: Einige Entwicklungsländer sehen ihre eigene Abhängigkeit kritisch und sind bereit, sich selbst stärker um die Gesundheit ihrer Bürger zu kümmern. Sie kommen auf uns zu und fragen, was sie tun können. Wir schlagen zum Beispiel Steuern auf Tabak, Alkohol und gezuckerte Softdrinks vor. Das verbessert die Gesundheit der Bevölkerung und generiert Steuereinnahmen. Langfristig schlagen wir etwa vor, eine Krankenversicherung einzuführen, und helfen auch, solche Versicherungssysteme zu etablieren. Das alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Länder gibt, die weiterhin Hilfe und Geld brauchen.

ZEIT: Auch die WHO als Institution hat große Geldprobleme, spätestens seit dem Ausbruch der USA, deren Beiträge 18 Prozent ihrer finanziellen Mittel ausmachten. Tausende Mitarbeiter mussten entlassen werden. Ist die WHO nur noch ein Schatten ihrer selbst?

Tedros: Ich habe gelesen, was Sie über die Finanzkrise der WHO geschrieben haben. Es fehlte etwas: Wir haben den Austritt der USA kommen sehen. Als ich 2017 als Generaldirektor anfing, habe ich analysieren lassen, was das größte Risiko für die WHO ist. Das Ergebnis: die Abhängigkeit von wenigen großen Geldgebern. Denn deren plötzlicher Ausstieg kann einerseits Schocks auslösen und bringt außerdem das Risiko mit sich, dass sie etwas diktieren wollen.

ZEIT: Und wie sind Sie mit der Gefahr umgegangen?

Tedros: Wir haben die Einnahmen diversifiziert, etwa, indem wir begonnen haben, die Mitgliedsgebühren der Mitgliedsstaaten zu erhöhen. Am Anfang meiner Amtszeit machten sie 14 Prozent des WHO-Grundbudgets aus, 2022 haben die Mitgliedsstaaten beschlossen, sie bis 2031 auf 50 Prozent zu erhöhen (PDF). Deutschland hat uns enorm dabei geholfen, das möglich zu machen, indem es sich in Gesprächen mit anderen Ländern dafür starkgemacht hat. Das macht uns unabhängiger und minimiert die Auswirkungen des US-Austritts.

ZEIT: Tausende Entlassungen gab es trotzdem.

Tedros: (nimmt sich einen Stift und malt einige Zahlen auf) Als ich Generaldirektor wurde, hatte die WHO ungefähr 8.000 Angestellte, die Zahl stieg in der Zwischenzeit auf 10.000, heute sind wir bei 7.400. Es sind also nur 600 weniger als zu Beginn meiner Zeit. Und sogar das Kernbudget ist inzwischen größer. Als ich kam, waren es 3,5 Milliarden US-Dollar für zwei Jahre, heute sind es – ohne die USA – 3,75 Milliarden. Sind wir ein Schatten unserer selbst? Ich finde nicht.

Kaum eine internationale Organisation stand in den vergangenen Jahren – vor allem wegen der Coronapandemie – so in der Öffentlichkeit wie die WHO: Hier sieht man ihren Campus in Genf. © Marzena Skubatz/​laif

ZEIT: Neben Kriegen und Krisen hat kaum ein Thema die WHO so nachhaltig beschäftigt wie die Coronapandemie. Vergangenes Jahr hat die Weltgesundheitsversammlung das Pandemieabkommen verabschiedet, nach jahrelangen und zähen Verhandlungen. Was haben Sie jetzt in der Hand, was Sie davor nicht in der Hand hatten? 

Tedros: Wir haben verschiedene Lehren aus der Pandemie gezogen. Wir haben zum Beispiel hier in Berlin den WHO-Hub für Pandemie- und Epidemieaufklärung, der Daten aus aller Welt verknüpfen soll, um frühzeitig Ausbrüche zu erkennen, ins Leben gerufen. Wir haben mit der Weltbank den Pandemic Fund ins Leben gerufen, der Projekte fördert, die ärmere Länder in der Vorbereitung auf Ausbrüche von Erregern unterstützen. Und wir haben das Pandemieabkommen ausgehandelt, das die Koordination zwischen Ländern verbessern soll, um Pandemien vorzubeugen und zu bekämpfen. In Zeiten, in denen Multilateralismus und internationale Kooperation unter Druck stehen, haben wir bindendes internationales Recht geschaffen. Das ist etwas Historisches.

ZEIT: Kritiker sehen das anders. Das Chatham House schreibt, das Abkommen könnte den Multilateralismus sogar schwächen. Die WHO hat weiterhin keinerlei Mandat gegenüber einzelnen Ländern, irgendetwas zu erwirken, es gibt keine bindenden Vorgaben zur Implementierung des Abkommens. Ist das Abkommen wirklich so weltbewegend oder ein rein symbolisches Dokument, dessen Erstellung auch noch 200 Millionen Dollar gekostet hat?

Tedros: Die WHO hat ihren Mitgliedsländern nie etwas diktiert und wird es auch niemals tun. Auch wenn manche das sagen, haben wir in der Pandemie niemals Lockdowns befohlen. Wir geben Empfehlungen, und dabei bleibt es. Die Länder verpflichten sich im neuen Pandemieabkommen freiwillig zu bestimmten Schritten. Sie sollten die Regeln, die sie sich selbst gegeben haben, auch respektieren.

ZEIT: Das umstrittenste Element des Pandemieabkommens muss noch ausgearbeitet werden. Es soll regeln, dass Länder Informationen über den Erreger genauso teilen wie Impfstoffe und Tests. Ärmere Länder, die in der Coronapandemie sehr spät an Impfstoff kamen, hatten sich dafür starkgemacht. Reiche Länder sind zurückhaltend mit bindenden Regeln. Erwarten Sie noch eine Einigung?

Tedros: Natürlich. Es braucht verpflichtende Regeln in diesem Bereich.

ZEIT: Die WHO hat mehrere Anläufe unternommen, wissenschaftlich zu ergründen, woher Sars-CoV-2 kam, ob es einen natürlichen Ursprung hatte und auf dem Huanan-Tiermarkt auf den Menschen übergesprungen ist oder ob es doch aus einem Labor in Wuhan kam. Warum wissen wir es bis heute nicht?

Tedros: Wir haben unser Bestes getan, um China dazu zu bewegen, mit uns zusammenzuarbeiten und uns alle Informationen zu geben. Aber manche Daten haben wir nie bekommen, insbesondere aus dem Labor in Wuhan von Ende 2019. Ich habe dem Staatschef geschrieben, ich habe Ministern geschrieben, ich habe es in der Öffentlichkeit gesagt. Es hat bisher nichts gebracht. Und solange wir diese Daten nicht haben, werden wir auch keine abschließende Bewertung vornehmen.

ZEIT: Waren Sie zu freundlich gegenüber der chinesischen Führung?

Tedros: Wir haben die richtigen Fragen gestellt, wir haben China hinter verschlossenen Türen und in der Öffentlichkeit aufgefordert, die Daten zu teilen. Ich weiß nicht, was Sie mit »zu freundlich« meinen.

ZEIT: Am Anfang der Pandemie haben Sie Chinas Vorgehen wiederholt gelobt.

Tedros: Das stimmt. Aber wir haben sie für ganz bestimmte Sachen gelobt. Einmal für die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in Wuhan ganz zu Beginn der Pandemie. Und dann noch dafür, dass China früh die genetische Sequenz des Virus geteilt hat, sodass ein Team um Christian Drosten den ersten Test entwickeln konnte. Selbst Donald Trump hat damals China gelobt, was soll daran falsch sein? Man kann jemanden ja loben, wenn er etwas Gutes macht, und ihn dann kritisieren, wenn er etwas Schlechtes macht.

ZEIT: Im kommenden Jahr endet Ihre Zeit als WHO-Chef. In Ihre Amtszeit fällt die Coronapandemie, der Austritt der USA, die Finanzkrise der Entwicklungszusammenarbeit. Was wird der Fokus Ihres letzten Jahres sein?

Tedros: Im verbleibenden Jahr werde ich mich auf drei Dinge konzentrieren. Erstens auf die Finanzreform, die die WHO resilienter und unabhängiger machen soll, sowie auf Bemühungen, die Organisation schlanker und effektiver machen. Zweitens auf die Bereiche Wissenschaft, Daten und digitale Gesundheit. Wir wollen sicherstellen, dass hier weiter investiert wird, das ist ein wichtiger Teil unserer Transformation. Und drittens werden wir die Initiativen weiterentwickeln, die wir als Reaktion auf die Corona-Pandemie ins Leben gerufen haben. Wir wollen zum Beispiel die Pandemiefrüherkennung und den Technologietransfer stärken sowie das Pandemieabkommen weiter voranbringen, insbesondere den Teil ausarbeiten, der regelt, dass Länder Informationen über den Erreger genauso teilen wie Impfstoffe und Tests.

Anmerkung der Redaktion, 17. April 2026: Nach Veröffentlichung wurde die letzte Antwort noch leicht ergänzt.