„Die reichste Frau der Welt“ im Kino: Solche Freunde möchte man nicht mal geschenkt

Marianne Farrère hat einen ebenbürtigen Gegner gefunden. Das kommt im Leben der milliardenschweren Chefin eines Kosmetikimperiums so selten vor, dass sie in eine leicht unterwürfige Haltung verfällt. Der schwule Starfotograf Pierre-Alain Fantin (Laurent Lafitte) soll eigentlich nur ein paar Fotos für ein Porträt in einem Magazin über erfolgreiche Frauen schießen, aber der Exzentriker hat an allem etwas auszusetzen: der Einrichtung (zu spießig), ihren Kostümen (zu tantenhaft), ihren Haaren (zu onduliert). Madame schaut erst pikiert und irgendwann ganz angetan von den ungehobelten Manieren dieses Rüpels.

Gegenrede ist sie in ihrem Haus nicht gewohnt, weder von ihrem Ehemann Guy (André Marcon) noch von ihrer Tochter Frédérique (Marina Foïs) oder ihrem jüdischen Schwiegersohn Jean-Marc (Mathieu Demy), die von ihr jeden Tag mit eloquenten Boshaftigkeiten, immer mit Unschuldsmiene vorgetragen, traktiert werden. Sie kann es sich schließlich leisten. Marianne, die ihr Leben im Überfluss mit ausgestelltem Ennui gegenüber ihren Mitmenschen erträgt, verfügt über so viel Geld, dass sie ihrem Enkel zum 18. Geburtstag eine Million Euro schenkt. Sie schwebt mit maliziöser Überheblichkeit über den Dingen, enthoben von den Problemen der einfachen Menschen, mit denen es im Alltag keinerlei Überschneidungen gibt. Willkommen in der Welt der Superreichen.

Isabelle Huppert brilliert in der Rolle der eisigen Milliardärin

Marianne Farrère ist eine Figur, wie geschaffen für eine bestens aufgelegte Isabelle Huppert, die gar nicht viel tun muss, um zu glänzen. Manchmal lässt sie ihre Figur mit ihrer alabasterhaften Zartheit, hinter der sie ihre frostigen Grausamkeiten verbirgt, allerdings etwas zu leicht davonkommen. Denn plötzlich blüht Marianne wieder auf, kichert wie ein kleines Mädchen, wenn sie mit ihrer neuen Bekanntschaft vor den Augen aller flirtet.

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Pierre-Alain spricht ihre Sprache, er ist Marianne in puncto unverblümter Unverschämtheiten ebenbürtig. Sein Charme ist einnehmend, seine Spitzen sind komisch und unverschämt. Und er hat nichts gegen die teuren Geschenke, mit denen sie ihn überhäuft. Er treibt einen Keil zwischen die Familienmitglieder und macht sich, dem exorbitanten Luxus nicht abgeneigt, als frivoler Zeitvertreib bei Marianne unverzichtbar.

Der Film

Die reichste Frau der Welt (La Femme la plus riche du monde) Frankreich 2025 Regie: Thierry Klifa. Buch: Thierry Klifa, Cédric Anger, Jacques Fieschi. Mit: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Marina Foïs, Raphaël Personnaz, André Marcon. 122 Minuten. Jetzt im Kino 

Gatte Guy muss den Eindringling gezwungenermaßen erdulden – solange die Milliardärsgattin glücklich ist. Er hat gerade ohnehin eigene Probleme: Hetzerische Schriften aus seinen frühen Zwanzigern sind entdeckt worden, plötzlich wird die Nazi-Vergangenheit des Politikers – und des Familienunternehmens – ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Frédérique (Marina Foïs) möchte sich eigentlich vom Vater distanzieren, braucht ihn aber als Verbündeten gegen die Schlange im Schoß der Familie. Irgendwann steht sogar eine Adoption von Pierre-Alain im Raum.

Thierry Klifas leicht anämische Superreichensatire ist inspiriert vom wahren Fall der L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt, der in den 1990er Jahren ganz Frankreich beschäftigte. Bettencourt freundete sich damals mit dem Fotografen François-Marie Banier an, der die ungleiche Freundschaft ausnutzte und sich um 700 Millionen Euro in Form von Kunstwerken, Immobilien und Geldgeschäften bereichert hatte. Die Tochter der Milliardärin warf Banier damals Erbschleicherei vor. Im Zuge dieser Liaison kam zudem ein Parteispendenskandal ans Licht. Politik und saftige Intimitäten aus der Welt der oben Ein-Prozent sind natürlich ein dankbares Thema für die Medien – und das Kino.

„Die reichste Frau der Welt“ ergötzt sich aber ein wenig zu sehr am Spiel von Huppert und Lafitte, die sich in puncto Divenhaftigkeit gegenseitig übertrumpfen. Klifas Film ist ein treffendes Zeitbild über eine Klasse, in der Geld jegliche Moral ausgehöhlt hat. Doch in seinen entlarvendsten Momenten legt der Film auch die innere Leere dieser Superklasse offen – und wie leicht sich diese an ihrer eigenen Macht berauscht, bis sie den Blick für die Wirklichkeit verliert. Hupperts bravouröses, bei aller Entgrenzung kontrolliertes Spiel lässt diese Schwäche nur erahnen, weil Marianne in ihrer Verblendung gar nicht realisiert, dass sie es diesmal ist, die im Bann von etwas noch etwas Mächtigerem ist. Aber sie muss sich ja auch keine Sorgen machen. Geld hat sie schließlich genug.