Özdemirs furiose Aufholjagd : „Ist mir nicht an der Wiege gesungen worden, dass ich jetzt hier stehe“
Im Moment seines größten Erfolgs bleibt Cem Özdemir bescheiden und wirkt ein bisschen ergriffen, auch von sich selbst: „Ich habe nicht vergessen, wo ich herkomme“, sagt der Grünen-Politiker in der Stuttgarter Staatsgalerie vor seinen jubelnden Parteifreunden.
Minuten zuvor haben die ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg das bestätigt, was selbst bei den Grünen lange niemand mehr für möglich gehalten hatte: Auch nach der Ära von Ministerpräsident Winfried Kretschmann bleiben die Grünen im Südwesten stärkste Kraft und verweisen die CDU auf den zweiten Platz.
Vor allem aber ist es ein Triumph von Spitzenkandidat Cem Özdemir, der nach einer furiosen Aufholjagd nun der zweite grüne Ministerpräsident der Bundesrepublik werden dürfte. Noch zum Jahreswechsel lag er rund zehn Prozentpunkte zurück, nun schrammt er nur knapp am Rekordwahlergebnis von Kretschmann, der 2021 32,6 Prozent geholt hatte, vorbei. „Er ist ein personifiziertes Aufstiegsversprechen“, sagt der scheidende Ministerpräsident Kretschmann später am Abend über seinen designierten Nachfolger.
Die Wahl Özdemirs sei ein „ganz großes Signal“ an die Gesellschaft. Auch persönlich freue er sich, „dass ich mein Amt jetzt ein bisschen auslaufen lassen kann“.
Landtagswahl in Baden-Württemberg
Ein historischer Abend ist es aber auch deswegen, weil mit Özdemir erstmals ein Politiker mit türkischer Migrationsgeschichte Ministerpräsident eines Bundeslandes werden dürfte. Daran erinnert er in seiner ersten Ansprache auf der Wahlfeier der Grünen. „Es ist mir nicht an der Wiege gesungen worden, dass ich jetzt hier stehe“, sagt Özdemir. Er, das Arbeiterkind aus Bad Urach mit den türkischen Eltern, die als Gastarbeiter ihr Glück auf der Schwäbischen Alb suchten. Der Vater, ein anatolischer Analphabet, der bei einem Hersteller von Feuerlöschern arbeitete. Die Mutter betrieb eine Änderungsschneiderei.
Özdemir, der sich selbst gerne als „anatolischen Schwaben“ bezeichnet und schöner schwäbelt als die meisten Schwaben, schaffte die Schule nur knapp. Auf dem zweiten Bildungsweg wurde er erst Erzieher, dann Berufspolitiker: Bundestag, Europaparlament, Parteichef, Ampel-Minister und nun wohl Landesvater. „Ich will den Bildungserfolg abkoppeln von der Herkunft des Elternhauses“, sagt er in der Stunde seines Erfolgs.
Özdemir wünscht sich Partnerschaft auf Augenhöhe mit der CDU
Doch dafür wird er einen Koalitionspartner brauchen, und so warb Özdemir bereits in seinem ersten Statement um die geschlagenen Konservativen. Mit der CDU habe man das Land gut regiert, betonte Özdemir. Es werde eine Partnerschaft „auf Augenhöhe“ geben, kündigte er an. Die letzten zehn Tage im Wahlkampf seien zwar etwas zugespitzter gewesen, räumt er ein. „Der Maßstab sollten aber die letzten zehn Jahre sein“, sagt er.
Damit spielt Özdemir auf das an, was in den Reihen der CDU als „üble Kampagne“ bezeichnet wird. Im Wahlkampfendspurt hatte eine Bundestagsabgeordnete der Grünen ein acht Jahre altes Video von CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel veröffentlicht, in dem sich Hagel über das Aussehen einer minderjährigen Schülerin geäußert hatte. Das Video hatte hohe Wellen geschlagen und sorgt bei der CDU für nachhaltigen Groll.
Landtagswahl Baden-Württemberg: Wählerwanderung
Auf der Wahlfeier der CDU, rund zwei Kilometer entfernt von den Grünen, herrscht am Sonntagabend aber vor allem Entsetzen. Als Betriebsunfall hatte man die Ära Kretschmann über Jahre abgetan und sich an dem beliebten Ministerpräsidenten die Zähne ausgebissen. Mit dem jungen Fraktionsvorsitzenden Manuel Hagel, dem es gelungen war, den notorisch zerstrittenen CDU-Landesverband zu befrieden, sollte die Villa Reitzenstein zurückerobert werden.
Doch der unbekannte Kandidat blieb blass, programmatisch vermied man Festlegungen. Die Strategie, im Schlafwagen an die Macht zu kommen, scheiterte krachend. Ob sich Hagel halten kann – eventuell als nächster Innenminister – ist noch nicht ausgemacht.
Dieser Erfolg geht allein auf das Konto von Cem.
Grünen-Mitglied über den Wahlsieg
Doch zunächst müssen die Wunden des Wahlkampfs verheilen. Und so beginnt am Wahlabend in Stuttgart bereits das große Werben. „Baden-Württemberg braucht eine verlässliche und eine stabile Landesregierung, die aus der Mitte gebildet wird“, sagt der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, Andreas Schwarz, dem Tagesspiegel. Von einer „Schmutzkampagne“ will er nichts wissen. „Das ist von uns weder initiiert, noch befördert worden“, sagt er und betont stattdessen die erfolgreiche Zusammenarbeit der vergangenen zehn Jahre. „Die Drähte sind da, die Schnittmengen sind da, die Inhalte sind auch da.“
Wahl in Baden-Württemberg: Ergebnisse der Gemeinden
Auch aus Özdemirs Umfeld betont man am Wahlabend erneut, nichts mit dem Video zu tun zu haben. Tatsächlich gehört die Bundestagsabgeordnete, die das Video veröffentlicht hatte, zum linken Parteiflügel und gilt nicht als Vertraute von Oberrealo Özdemir. Zudem habe das Video nur wenig mit dem Stimmungsumschwung im Ländle zu tun gehabt, ist man sich in den Reihen der Grünen einig.
„Dieser Erfolg geht allein auf das Konto von Cem“, sagte ein altgedienter Grüner. Mit seiner Erfahrung habe er gegen den 37-jährigen Hagel punkten können. „Er hat den Wahlkampf seines Lebens gemacht“, sagte er. Tatsächlich ging das Drehbuch der Grünen-Strategen voll auf. Geduldig hatten die darauf gesetzt, dass die hohen Beliebtheitswerte von Özdemir sich im Endspurt auf die Grünen übertragen würden. Wie bei der Stichwahl einer Oberbürgermeisterwahl sollte sich der Wahlkampf am Ende nur noch um die Frage drehen, wer der künftige Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden sollte.
Özdemir als neues Machtzentrum der Grünen
Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Özdemir selbst in Oberschwaben kein gern gesehener Gast war. Vor gerade einmal zwei Jahren wurde Özdemir als Ampel-Landwirtschaftsminister beim politischen Aschermittwoch in Biberach von aufgebrachten Landwirten mit Misthaufen und Galgen begrüßt. Steine flogen, die Veranstaltung musste abgesagt werden.
Doch der Wind hat sich gedreht. Im Wahlkampf kehrte Özdemir zurück nach Biberach und füllte – wie auch anderswo – die Halle problemlos. An seiner Seite dort die Alt-Grünen Kretschmann, Joschka Fischer und Tübingens parteiloser Bürgermeister Boris Palmer.
Ob der umstrittene, aber beliebte Kommunalpolitiker nun Teil der Ministerriege von Özdemir wird, dürfte eine der spannendsten Fragen in den kommenden Wochen werden. Selbst bei den Südwestgrünen halten viele Palmer für unberechenbar und keinen Teamplayer. Doch Özdemir und Palmer verbindet eine alte Freundschaft. Dass der 53-Jährige mitten im Wahlkampf Özdemir verheiratete, war wohl mehr als nur Show. Von einem Ministerium für Bürokratieabbau für Palmer ist daher mitunter die Rede.
Entscheiden wird es am Ende wohl allein Özdemir, der – das wird an diesem Abend schnell deutlich – das neue Machtzentrum der Grünen im Südwesten ist. Und vielleicht nicht nur dort. Wie Özdemir mit seinem pragmatischen Kurs das Comeback gelang, dürfte auch die Grünen im Bund noch beschäftigen. Dort stagniert die Partei seit Monaten, von Zahlen jenseits der 30 Prozent kann die Parteispitze nur träumen. Nicht wenige im Bund wünschen sich einen stärkeren Linkskurs der Grünen.
Özdemir jedenfalls macht am Wahlabend deutlich, mit welchem Stil er Erfolg hat und wie er sich „Wenn ich das Land führe“, sagt er im SWR, „dann nicht nach Parteibuch, sondern in der Mitte.“