Landtagswahl in Baden-Württemberg: Özdemir und Hagel geben Stimmen ab – hohe Wahlbeteiligung erwartet

Die Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Baden-Württemberg, Cem Özdemir und Manuel Hagel, haben ihre Stimmen abgegeben. Der 60-jährige Özdemir wählte in Stuttgart und kam allein in die Schule, in der der Raum für die Abstimmung war. Özdemir will Nachfolger von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) werden, der nach drei Amtszeiten nicht mehr antritt. Der 37-jährige CDU-Landeschef Hagel kam in Begleitung seiner Frau Franziska ins Wahllokal in Ehingen (Alb-Donau-Kreis).

Am Sonntagnachmittag zeichnete sich eine hohe Wahlbeteiligung ab. Bis 14.00 Uhr gaben 41,34 Prozent der Wahlberechtigten in den Stimmlokalen ihre Stimme ab, wie die Landeswahlleiterin mitteilte. Rund ein Viertel der Wähler wählten per Briefwahl.

Umfragen sahen zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der CDU und den Grünen. In der letzten Umfrage des ZDF-„Politbarometers“ lagen beide mit 28 Prozent gleichauf. Zuvor hatten die Grünen den Abstand auf die lange deutlich führende CDU stark verkürzt. Derzeit wird Baden-Württemberg ebenfalls von einer grün-schwarzen Koalition regiert.


Hintergrund zur Wahl:

Wahlberechtigt sind nach Schätzungen des Statistischen Landesamts rund 7,7 Millionen Baden-Württembergerinnen und Baden-Württemberger. Die Landtagswahlen sind auch ein Stimmungstest für die Bundesregierung. Auch deshalb schaut man heute Abend nicht nur aus Freiburg oder Mannheim auf Stuttgart – sondern auch aus Berlin. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg ist der Start in das Superwahljahr 2026. Fest steht außerdem: In einem der größten Länder der Republik endet eine politische Ära. 

Winfried Kretschmann tritt nicht mehr an – allein das macht diese Wahl historisch. Nach 15 Jahren als Ministerpräsident Baden-Württembergs steht sein Name nicht mehr auf dem Stimmzettel. Mit 77 Jahren zieht sich der Grünen-Politiker zurück. Seit 2016 regiert er mit der CDU, zuvor fünf Jahre mit der SPD.

Die Christdemokraten wittern nach vielen Jahren in der Opposition und als Juniorpartner endlich ihre Chance: Sie wollen wieder in die Villa Reitzenstein ziehen und den Regierungschef stellen – so, wie sie das viele Jahrzehnte im Ländle vor der Ära Kretschmann gemacht haben. Die Partei hofft auf die Wiederherstellung der aus ihrer Sicht „natürlichen Ordnung“ im Land. 

Auch für die Grünen geht es um viel. Sie stellen bislang in Baden-Württemberg den bundesweit ersten und einzigen Regierungschef. Lange Zeit schien es, als bliebe Kretschmann auch der einzige grüne Ministerpräsident. In den Umfragen lagen die Grünen mit Spitzenkandidat Özdemir über Monate deutlich hinter der CDU – scheinbar uneinholbar.

Plötzliches Kopf-an-Kopf-Rennen und Eskalation

Doch wenige Tage vor der Wahl holten die Grünen in mehreren Umfragen deutlich auf. Je nach Erhebung rückten sie bis auf ein, zwei oder drei Prozentpunkte an die CDU heran. In einer letzten Umfrage lagen beide Parteien sogar gleichauf bei 28 Prozent. Politikwissenschaftler erklärten den Trend unter anderem mit der Popularität Özdemirs, der bei einer Direktwahl gegen Hagel deutlich gewinnen würde. Die CDU selbst verlor in den letzten Monaten kurioserweise aber kaum Zuspruch – vielmehr wurden die Grünen immer stärker.

Parallel zu dieser Aufholjagd wurde der Ton im Wahlkampf spürbar schärfer. Über Monate waren Grüne und CDU vergleichsweise zurückhaltend miteinander umgegangen. Vor knapp zwei Wochen veröffentlichte dann eine grüne Bundestagsabgeordnete ein Video von Hagel aus dem Jahr 2018. Darin äußert sich der damals 29-Jährige schwärmerisch über das Aussehen einer Schülerin. Der Clip verbreitete sich rasch und löste heftige Kritik aus.

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Die CDU wirft den Grünen nun eine Schmutzkampagne aus der untersten Schublade vor. Das Problem: Unabhängig vom Wahlausgang müssen sich Özdemir und Hagel vermutlich wieder an einen Tisch setzen. Denn eine Koalition aus Grünen und CDU – in welcher Reihenfolge auch immer – gilt derzeit als wahrscheinlichste Regierungsoption.

Linke statt FDP im Landtag? 

Auch bei den kleineren Parteien bleibt es spannend. Die Fünf-Prozent-Hürde bekommt besondere Bedeutung. Die FDP könnte erstmals in ihrer Geschichte aus dem Landtag fliegen – ausgerechnet in Baden-Württemberg, ihrem Stammland, in dem sie seit mehr als 70 Jahren vertreten ist. In den Umfragen lag sie zuletzt bei etwa sechs Prozent.

Die Linke wiederum könnte erstmals überhaupt den Sprung in den baden-württembergischen Landtag schaffen, muss aktuellen Umfragen zufolge aber zittern. Die AfD dürfte stärkste Oppositionskraft werden – eine Zusammenarbeit mit ihr schließen alle anderen Parteien aus. Und auch die SPD steht unter Druck: In den Umfragen blieb sie zuletzt konstant einstellig, das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte im Südwesten droht.

Neues Wahlrecht

Erstmals dürfen in Baden-Württemberg auch 16- und 17-Jährige ihre Stimme abgeben. Zigtausende junge Wählerinnen und Wähler kommen damit neu hinzu.

Lesermeinungen zum Artikel

„Auf das Wahlverhalten der jungen Wähler bin ich wirklich gespannt. Es könnte ein Danaergeschenk sein.“

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Kampf um die Autoindustrie

Die wirtschaftliche Lage verleiht der Wahl zusätzliche Brisanz. Baden-Württemberg gilt als industrielles Herz Deutschlands – und ist stark von der Autoindustrie abhängig. Der tiefgreifende Strukturwandel trifft das Land daher besonders hart. Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, ganze Regionen blicken mit Sorge in die Zukunft.

Entsprechend rückte die Wirtschaftspolitik ins Zentrum des Wahlkampfs: Es ging um Standortfragen, um den Erhalt von Arbeitsplätzen, um Bürokratieabbau. CDU-Spitzenkandidat Hagel tourte unermüdlich von Mittelständler zu Mittelständler. „Wir können Auto“, sagte sein grüner Rivale Özdemir – und zeigte sich offen für eine Verschiebung des Verbrennerverbots. Die CDU wirft den Grünen nun vor, plötzlich ihre Liebe zum Auto entdeckt zu haben.

Bedeutung für die Bundespolitik

Sollte es für Hagel am Ende nicht reichen, könnte das auch Kanzler Friedrich Merz (CDU) schwächen. Der kam extra zum Wahlkampfabschluss nach Ravensburg – und sagte dort, die Landtagswahl erfahre nicht nur in Baden-Württemberg oder Deutschland große Aufmerksamkeit, sondern in der ganzen EU.

Die FDP könnte bundespolitisch weiter an Bedeutung verlieren, sollte sie aus dem Landtag fliegen. Linke und AfD hingegen könnten gestärkt aus der Wahl hervorgehen. Nicht ausgeschlossen ist, dass am Ende des Jahres erstmals ein AfD-Politiker an die Spitze einer Landesregierung rückt. (dpa)