Einfach mal nix machen: Berliner Initiative ruft am 9. Mai zu weltweitem Frauen‐Generalstreik auf

„Enough!“ – mit anderen Worten: „Genug!“ oder auch „Es reicht!“ Es ist ein Aufschrei, versehen mit einem Ausrufezeichen und als Protest gemeint. Ein Protest gegen bestehende Zustände.

Um genau zu sein: Gegen die Zustände, mit denen viele Frauen auch im Jahr 2026 immer noch leben müssen. Mit geschlechtsspezifischer Gewalt, Arbeit im Niedriglohnsektor, unbezahlter Care-Arbeit und mangelnder Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen.

Das Bündnis „Enough! Genug!“ hat den kommenden Montag deshalb zu einem globalen Frauen-Streiktag erklärt. „Wir verlängern den Internationalen Frauentag, Sonntag (!) den 8. März 2026, um einen zusätzlichen Streiktag am Montag, den 9. März“, heißt es im Aufruf der Initiative, die in Berlin ihren Anfang nahm.

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Bedrohliche Zeiten erforderten schärfere Mittel als Petitionen und geduldige Demonstrationen, sagen die Initiatorinnen. Bezahlte wie unbezahlte Arbeit soll niedergelegt werden, heißt es in dem Aufruf.

Wir spüren einen Rückwärtsgang bei den Errungenschaften, die wir bereits erkämpft hatten.

Marie-Florence Mahwera, Geschäftsführerin des Landesfrauenrats Berlin

„Wenn man sich geopolitisch umschaut, wer in welche Positionen gekommen ist – auch demokratisch gewählt –, dann spüren wir einen Rückwärtsgang bei den Errungenschaften, die wir bereits erkämpft hatten“, sagt Marie-Florence Mahwera, Geschäftsführerin des Landesfrauenrats Berlin, der den Streiktag mitorganisiert.

„Wenn mehr Frauen an Entscheidungstischen sitzen, findet eine Perspektivenverschiebung statt“, sagt Mahwera dem Tagesspiegel. Sie sei ein großer Fan der ehemaligen Bundestagspräsidentin und CDU-Politikerin Rita Süssmuth, die Anfang Februar verstorben ist. Diese habe in ihrem Leben immer wieder aufgezeigt, dass „Frauen eben nicht die gleichen Perspektiven haben wie Männer“.

Gewalt gegen Frauen ist ein weiteres großes Thema des Streiktages. Daran, dass geschlechtsspezifische Gewalt hauptsächlich Frauen betrifft, hat sich nichts geändert. Wie ein aktueller Kommentar dazu wirken die Ergebnisse der EU-Studie, die am Dienstag veröffentlicht wurden: Knapp jede dritte Frau in der Europäischen Union hat oder wird im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt erfahren.

Auch für Marie-Florence Mahwera ist das signifikant: „Uns als Landesfrauenrat beschäftigt das Thema häusliche Gewalt 365 Tage im Jahr“, sagt sie.

Hier gibt es Hilfe

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Unter der Nummer 116 016 und via Online-Beratung werden Betroffene rund um die Uhr unterstützt. Auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie Fachkräfte können sich kostenlos und anonym beraten lassen.

Eine Studie des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE) aus dem Jahr 2021 schätzt die Kosten geschlechtsspezifischer Gewalt in der EU auf 366 Milliarden Euro pro Jahr. In Deutschland belaufen sich die gesellschaftlichen Folgekosten von partnerschaftlicher und sexualisierter Gewalt gegen Frauen demnach auf etwa 54 Milliarden Euro pro Jahr. Das sind umgerechnet 148 Millionen Euro pro Tag.

In dieser Rechnung werden unter anderem Kosten im Gesundheitssystem, bei Polizei und Justiz eingerechnet. Zudem wird der Arbeitsausfall von geschlechtsspezifischer Gewalt Betroffener berücksichtigt.

„Bei der Organisation des 9. März gab es ein Gefühl großer Stärke und Dynamik. Man ist schon davon getragen, dass man an diesem Tag sozusagen global vereint ist“, sagte Mahwera und verwies darauf, dass sich am globalen Streik auch Frauen unter anderem in New York und Buenos Aires beteiligen werden.

148
Millionen Euro pro Tag sind die gesellschaftlichen Folgekosten von häuslicher und sexualisierter Gewalt gegen Frauen in Deutschland.

Jede Frau könne diesen Tag nach ihren Möglichkeiten gestalten. Es gebe viele kreative Ideen: Man könne Urlaub oder einen freien Tag nehmen, die Mittagspause verlängern oder auch auf Konsum verzichten. Frauen könnten laut sein, nach dem Motto: Ich schreie mein „genug!“ heraus. „Wir werden sehen, welche Wirkungskraft dieser Aufruf hat“, sagte Mahwera.

Großes Treffen am Brandenburger Tor

Rund um den Globus, an verschiedenen Orten in Deutschland und eben auch in Berlin plant das Bündnis am 9. März Veranstaltungen. Inmitten der Stadt, am Brandenburger Tor, ist die größte Aktion geplant. Von 10 bis 18 Uhr wollen sich dort Frauen versammeln, „sitzen, liegen, tanzen, schreien und picknicken“. In der Akademie der Künste am Rande des Pariser Platzes werden Workshops zum Thema angeboten.

© PR

Unter dem Motto „Das rote Schreien“ trifft sich ein Flashmob am Montag an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz zwischen 10 und 12 Uhr. „Wovon hast Du genug?“ ist die Frage, zu der Frauen dort ihre Antworten herausschreien können.

Weitere Informationen über Veranstaltungen in Berlin, deutschlandweit und auf der ganzen Welt gibt es unter
enoughgenug.org/de

Der Streik ist nach Angaben der Organisatorinnen global angelegt, weil die Rechte von Frauen weltweit angegriffen werden. Ihre Konsequenz daraus: „Streik, weil er für Frauen schon immer das mächtigste gewaltlose Mittel gegen Kapitalismus und Patriarchat war.“ Oder, wie es die österreichische Autorin Mareike Fallwickl formuliert: „Frauen können das gesamte Zusammenleben zum Erliegen bringen.“


„Freier Tag für Frauen“ in Island

Als Vorbild für den weltweiten Streiktag am Montag gilt Island – obwohl die Frauen dort vor 51 Jahren sehr darauf bedacht waren, dieses Wort unter allen Umständen zu vermeiden.

Die Organisatorinnen, zu Beginn waren es vor allem sozialistische Frauen, hatten Probleme, gleichgesinnte Konservative um sich zu versammeln, die sich vom linken Arbeitskampfbegriff allzu sehr abschrecken ließen. Die Isländerinnen entschlossen sich deshalb, unter dem Motto „Freier Tag für Frauen“ ihre Lohn- und Sorgearbeit kollektiv niederlegen zu wollen.

Mit freundlicher Genehmigung des zuständigen Archivs zur Verfügung gestellt. 
Bei erneuter Nutzung Kontakt anfragen
Álfrún Pálsdóttir 
alfrun@islandsstofa.is
Fagstjóri almennatengsla | Head of PRMarkaðssamskiptasvið | Marketing Communication
Íslandsstofa | Business Iceland
Zehntausende Frauen – und Männer – protestierten am 24. Oktober 1975 in Islands Hauptstadt.

© Snorri Z/Women´s History Archives

Mit Erfolg: Im Oktober 1975 stand das nordeuropäische Land still, richtig ruhig war es jedoch nirgends. Zwar weigerten sich etwa 90 Prozent der Einwohnerinnen, zu kochen, zu putzen, die Kinder zu betreuen oder in Fabriken zu schuften. Stattdessen trafen sie sich auf Demonstrationen, hielten Reden oder zogen im Protestmarsch durch die Hauptstadt Reykjavík. Der großflächige Streik, der offiziell keiner war, legte die Wirtschaft lahm – und war für das gesamte Land ein Weckruf.

„Männer mussten erkennen, dass unsere Arbeit unverzichtbar war“, sagte die isländische Frauenrechtlerin und damalige Organisatorin Guðrún Ágústsdóttir dem Tagesspiegel im vergangenen Jahr. „Frauen erkannten endlich ihre Macht.“

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Denn obwohl Island heute als feministisches Musterland gilt – seit 15 Jahren führt die Nordatlantikinsel das Gleichstellungsranking des Weltwirtschaftsforums an –, bekamen Männer 1970 für die gleiche Arbeit im Schnitt 40 Prozent mehr Gehalt. Auch sonst war das Land patriarchal geprägt: Frauen verantworteten Haus und Heim, Männer sahen sich selbst als Ernährer.

Alleinerziehend, geschieden – und trotzdem Staatsoberhaupt: Vigdís Finnbogadóttir schrieb in Island und weltweit Geschichte.

© IMAGO/United Archives / kpa Keystone

Der Streik brachte diese scheinbaren Gewissheiten ab 1975 nicht nur ins Wanken, er war vielmehr die Initialzündung für die Emanzipation der isländischen Frauen. Niemand verkörperte das besser als Vigdís Finnbogadóttir. Die geschiedene Frau und alleinerziehende Mutter wurde 1980 Islands Staatsoberhaupt – und damit die erste gewählte Frau an der Spitze eines demokratischen Landes.

Eine Tradition, die sich bis heute fortsetzt: Mit Kristrún Frostadóttir leitet die Regierungsgeschäfte eine Frau, ihre beiden Koalitionsparteien werden ebenso weiblich geführt, der Kirche steht eine Bischöfin vor, der nationalen Polizei eine Polizistin, der größten Universität des Landes eine Rektorin. Staatsoberhaupt ist auch heute wieder eine Frau.

Und dann waren alle ganz still

Die österreichische Autorin Mareike Fallwickl hat in ihrem Roman „Und alle so still“ beschrieben, was geschieht, wenn sich Frauen verweigern. Wenn sie weder ihre – oft schlechter bezahlte – Arbeit und ihre Care-Tätigkeiten einstellen. Sie aufhören, sich neben ihrer Erwerbsarbeit um Kinder, Eltern und die Nachbarschaft zu kümmern, keinen Kindergeburtstag vorbereiten, keine Schulbrote schmieren, nicht aufräumen oder einkaufen.

Welche Konsequenzen hat radikales Innehalten? Was folgt aus der kompletten Verweigerung aller selbstverständlich erwarteten Tätigkeiten? Der Stillstand des Alltags, wenn auch nur für einen Tag, versinnbildlicht das in diesem feministischen Roman über Widerspruchsgeist und Solidarität, der auf der Shortlist für den BücherFrauen-Literaturpreis 2025 und wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand.

Mareike Fallwickl
„Und alle so still“
Rowohlt Taschenbuch, 2024
368 Seiten, 14 Euro


Und was ist mit Spanien?

Bereits mehrfach diente der Streik in Island anderen Frauen als Vorbild. Auch 2018 riefen mehrere feministische Organisationen weltweit schon einmal dazu auf, am 8. März die Erwerbs- und Sorgearbeit niederzulegen. Ein Land erregte dabei besonders große Aufmerksamkeit: Spanien.

Zehn Gewerkschaften, darunter die größten des Landes, unterstützten den Aufruf unter dem Slogan „Wenn wir anhalten, halten wir die Welt an“. Auch bekannte Politikerinnen wie die Bürgermeisterinnen von Madrid und Barcelona sprachen sich dafür aus.

Am Ende nahmen den Gewerkschaften zufolge mehr als fünf Millionen Spanierinnen an dem Streik teil – manche für einen zweistündigen Protestmarsch, andere für ganze 24 Stunden. Überprüfen lässt sich diese Zahl nicht. Die Frauen blockierten Straßen, sie veranstalteten Mahnwachen an Schulen und Universitäten. Die größte spanische Zeitung „El País“ zeigte Bilder von ihren leeren Schreibtischen.

Männer im Hintergrund – am Tag des Frauenstreiks in Spanien am 8. März 2018.

© REUTERS/JON NAZCA

Dass der Streik in Spanien so erfolgreich war, lag nicht nur an seiner umfassenden und prominenten Unterstützung. Sondern vor allem daran, dass der Feminismus längst in den Köpfen der Menschen war. Eine im Auftrag von „El País“ durchgeführte Umfrage unter 1500 Spanier:innen ergab: 82 Prozent von ihnen unterstützten den Streik.

Protestierende Frauen in Bilbao am 8. März 2018 formen Dreiecke mit ihren Händen.

© Reuters/VINCENT WEST

Denn die feministische Bewegung baut auf eine lange Geschichte des Erfolgs. 2005 etwa führte Spanien die gleichgeschlechtliche Ehe ein, als drittes Land weltweit. Seit 2003 führt das Land eine Statistik zu Femiziden, wenn auch erst später unter diesem Begriff.

Vier Jahre danach wurde das Programm „VioGén“ ins Leben gerufen, in dem alle staatlichen Stellen Informationen zu Gewalt gegen Frauen zusammentragen. Ein Algorithmus ermittelt das Gefährdungspotenzial eines Mannes, jedes Mal, wenn eine Frau zur Polizei geht. Wenn es nötig ist, kommen elektronische Fußfesseln zum Einsatz.

Der Streik 2018 baute also auf eine starke gesellschaftliche Zustimmung, und auf ein breites Netzwerk, das sich auch über soziale Bewegungen erstreckt, die nicht explizit feministisch sind.

In seiner Massivität konnte er wiederum zu späteren Erfolgen beitragen. Der „8M“ – wie die Spanier:innen den Internationalen Frauentag nennen – hat seitdem traditionell immer Zehntausende landesweit auf die Straßen gebracht.